Ernährung 08.04.2005, 18:38 Uhr

Sattmacher, Seelennahrung und Statussymbol  

Keine andere Epoche hat die Erzeugung von Lebensmitteln so nachhaltig verändert wie das Industriezeitalter. Das Rheinische Industriemuseum (RIM) greift dieses Thema auf und lädt zur großen Tafelrunde, der Verbundausstellung „Geschmackssachen“. In Oberhausen, Engelskirchen, Bergisch-Gladbach, Ratingen und Solingen ist noch bis Sommer ein reichhaltiges Menü zur Kulturgeschichte von Ernährung und Essen angerichtet.

Aufgetischt“ heißt es im Hauptquartier in Oberhausen, der ehemaligen Zinkfabrik Altenberg. Die Ausstellung „Ernährung im Konsumzeitalter“ zeigt die Veränderungen in Nahrungsmittelproduktion und Esskultur von der Nachkriegszeit bis heute. Sie deckt Widersprüche zwischen werbewirksamen Naturidyllen und den tatsächlichen Produktionsbedingungen auf, thematisiert den Wandel im Handel, Lebensmittelskandale, Zivilisationskrankheiten und Verteilungsprobleme im Zuge der Globalisierung.

In Engelskirchen werden „Küchengeschichten“ erzählt. Die Küche war und ist Spiegelbild des technischen und gesellschaftlichen Wandels. In der Ausstellung „Von Rauchfang bis Hightech“ wird die Entwicklung von der offenen Feuerstelle zur Mikrowelle und von der Wohnküche zum Kochlabor dargestellt und deutlich gemacht, wie sich in den letzten 150 Jahren die Küchentechnik und mit ihr das tägliche Leben veränderte. Im Mittelpunkt steht der Herd. Sein Einzug in der Küche revolutionierte die Ernährungsgewohnheiten: Von nun an konnten mehrere Kochgefäße gleichzeitig benutzt, Nahrungsmittel getrennt voneinander zubereitet und abwechslungsreicher gekocht werden. Mit der aufwändigeren Vorbereitung des Essens begann dann auch die Entwicklung mechanischer und elektrischer Küchengeräte.

Um Lebensmittelhandel und -verpackungen geht es in Bergisch Gladbach. Die Ausstellung „Hülle um Fülle“ im Papiermuseum informiert über die verschiedenen Funktionen von Verpackungen, Markenartikel und Design, Vor- und Nachteile der verwendeten Materialien, Rohstoffverbrauch und ökologische Probleme. Unter den Exponaten finden sich Tüten aller Arten – darunter zwei handgeklebte aus alten Akten, Baujahr zirka 1850 – und das Musterbuch eines Tütenfabrikanten, Faltschachteln und Blechbüchsen, frühe Bierdosen aus den 40er Jahren und Tetraeder aus den 60ern, Kultflaschen von Maggi und Coca Cola. In einem Hexenhäuschen türmen sich die Lebensmittelverpackungen, die eine vierköpfige Familie in einem halben Jahr durchschnittlich anhäuft.

Der Slogan „Hülle um Fülle“ passt auch zu der Ausstellung in Ratingen. Dort geht es allerdings um „Kleiderlust und Körperfrust – die Suche nach der Traumfigur“. Dargestellt wird der Wandel der Schönheitsideale von 1750 bis heute und die Mittel, mit denen Männer und Frauen diese Ideale zu ereichen suchten. Eine Installation der Künstlerin Sabine Naumann-Cleve aus Personenwaagen kommentiert die Jagd nach der Schönheit: “ … und jeden Morgen spricht Paris sein Urteil und jeden Morgen hört Venus mein Klagen“.

Rund 50 Originalkostüme, die einschnüren, kaschieren oder enthüllen, und 250 weitere Exponate künden vom Kampf um die Idealfigur: Modezeitschriften und Diätratgeber, Korsetts und frühe Brustimplantate, historische Hanteln und Tee gegen „das böse Fettgespenst“. Wie sich Krinoline, Tournüre und Vatermörder anfühlen, können die Besucher am eigenen Leib erfahren.

Macheten, Zuckerformen, Gummibärchen und Bonbonmaschinen sind in Solingen zu sehen. Thema dort ist die „Süße Last“, der Zucker. Die Ausstellung schlägt den Bogen von der Zuckerrohrplantage bis zur Zahnziehzange. Sie zeigt die Verbindungen zwischen der Metall- und Kleineisenindustrie Solingens und des Bergischen Landes mit dem Zucker-Welthandel und der regionalen Süßwarenproduktion auf, und dass Zucker nicht nur „Kraft giebt“ – wie ein Werbespruch von 1900 behauptet -, sondern auch eine Kehrseite hat, nämlich Diabetes und Karies: Im Hexenhäuschen steht ein Zahnarztstuhl, an der Wand hängen zahnärztliche Instrumente, made in Solingen. ANNE SCHNELLER

Der Genießerpass, er kostet 10 ?, berechtigt zum Besuch aller fünf Ausstellungen

 

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