Kultur 22.01.1999, 17:20 Uhr

Pure Technikfeinde sind seltene Zeitgenossen

Die Deutschen akzeptieren technische Neuerungen, sofern sie ihnen unmittelbar Nutzen bringen. Nur Großprojekte treffen auf stärkere Ablehnung, behauptet Dieter Jaufmann vom Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie und Autor des folgenden Artikels.

Die vielbeklagte Technikfeindlichkeit sei eher ein Problem bestimmter Meinungsträger als ein Phänomen, das die Mentalität der deutschen Bevölkerung korrekt beschreiben würde, sagte Bundespräsident Roman Herzog 1995. Und er fügte hinzu, daß Technikakzeptanz nicht selbstverständlich und auch kein Wert an sich sei.
Diskussionen über die Einstellungen der Bundesdeutschen zur Technik sind nichts neues, sondern sozusagen ein immer wiederkehrender „running gag“. Insbesondere bei Veranstaltungen von Interessengruppen betreiben Vertreter aus Politik, aber auch aus der Wissenschaft, in ihren Festvorträgen gerne Bevölkerungsbeschimpfung. Der Tenor ihrer Argumente ist dabei dann stets nahezu der gleiche: Technikskepsis, Technikablehnung und -angst, ja gar Technikfeindlichkeit sei in der Bevölkerung weit verbreitet und gefährde Wohlstand, Fortschritt und Zukunft. In der Regel geschieht dies unter Ausblendung der zahlreich vorliegenden empirischen Ergebnisse.
Zur Akzeptanz von Technik gibt es aber seit langer Zeit eine Vielzahl repräsentativer Untersuchungen und Umfragen, die in der Gesamtschau ein realistisches Bild zeichnen. Die Ergebnisse lassen sich zunächst knapp so zusammenfassen: Die Deutschen waren und sind – sowohl im Osten als auch im Westen – auf breiter Front niemals technikablehnend oder gar -feindlich eingestellt. Auch im internationalen Vergleich fallen sie nicht besonders auf eine ihnen vielfach zugeschriebene „Sonderrolle“ haben sie jedenfalls nicht inne. Dies gilt sowohl mit Blick auf Japan und die USA als auch für Europa.
In diesen Umfragen wurde einerseits zumeist nach dem Verhältnis zur Technik grundsätzlich, andererseits nach der Einschätzung und Bewertung einzelner Anwendungen von Technik (im Beruf, im Haushalt, in der Freizeit) gefragt. Dabei zeigt sich: Die Ergebnisse ähneln sich erstaunlich und geben daher zuverlässig Trends wieder.
Danach ist die Akzeptanz von Technik in der Bundesrepublik zwischen den 60er Jahren und Anfang der 80er Jahre zwar zurückgegangen, dennoch überwogen in der Bevölkerung stets diejenigen, die positiv eingestellt sind, und zwar sehr deutlich. Die Zahl derer, die Technik rundweg ablehnen, hat sich in diesem Zeitraum nicht erhöht, aber die Zahl derjenigen, die eine unentschiedene Haltung einnehmen, ist von 15 % auf 30 % gestiegen.
Bis zum Jahr 1990/91 hat sich dieser Trend umgekehrt: Die Technikakzeptanz hat wieder deutlich zugenommen. Seit den frühen 90er Jahren kann man allerdings keinen weiteren Anstieg beobachten, die positiven Werte verharren auf ihrem hohen Niveau (rd. 80 %) oder sind teilweise auch rückläufig auf 60 % bis 70 %. Ob die nunmehr uneinheitliche Entwicklung der verschiedenen Fragestellungen in den Umfragen einen langfristigen Trend oder aber eher einen kurzfristigen zyklischen Effekt nachzeichnet, können erst künftige Studien und Umfragen klären.
Fragt man nach der Einstellung der Deutschen zu unterschiedlichen Technikanwendungen, so werden über die Zeit hinweg ebenfalls sehr klare Muster sichtbar. So beurteilten z.B. bei verschiedenen Umfragen im Zeitraum von 1985 bis 1994 jeweils zwischen gut 60 % und knapp 80 % der Bundesdeutschen Technik in der Arbeitswelt als positiv, ambivalent war rund jeder Fünfte und negativ eingestellt nur jeweils gut 10 %. Ähnlich fiel die Bewertung für Freizeit, Hobby und Haushalt aus.
Deutlich schlechter wurden jedoch spektakuläre und Großtechniken wie Kraftwerke, Gentechnik und Luft- und Raumfahrt bewertet. Nur rund die Hälfte der Bundesbürger steht ihnen positiv gegenüber. Die ablehnende Haltung war deutlich höher als für jene Techniken, die einen direkten beruflichen oder persönlichen Nutzen bringen.
Untersucht man die Zusammenhänge zwischen den Bewertungen von Technik im allgemeinen und einzelnen Technikbereichen (Beruf, Haushalt, Freizeit), so wird schnell und auch immer deutlich, daß Technikfeinde mit geschlossen negativen Einstellungen in der Bundesrepublik zu allen Zeiten recht seltene Zeitgenossen waren und sind.
Jedoch zeigte sich bei einer Befragung im Jahre 1997 ein nicht unwesentlicher Rückgang bei den positiven Bewertungen, verbunden mit einem Anstieg der Werte, die sowohl Unentschiedenheit als auch Ablehnung zum Ausdruck bringen. Allerdings: In hohem Maße akzeptiert wird Technik im Haushalt, in der Medizin sowie in Bildung und Weiterbildung. 80 % bis 90 % der Deutschen vertreten hierzu stets die Ansicht, daß Technik dort mehr Vor- als Nachteile gebracht hat. Nur knapp darunter liegen die Werte für Technik im Betrieb und in der Unterhaltung.
Interessant auch folgender Aspekt: Es sind nicht die zumeist gescholtenen jüngeren Deutschen, bei denen Ablehnung und Skepsis stärker verbreitet sind, sondern es sind, ganz im Gegenteil, die Älteren, die eine größere Distanz zur Technik aufweisen. Dies deckt sich allerdings durchaus mit alltäglichen Erfahrungen und Betrachtungen.
Auch in Zukunft wird die Akzeptanz der Technik durch die Bevölkerung zweifelsohne ein Streitpunkt in der öffentlichen Diskussion bleiben. Denn Technik wirkt sich vielfältig auf die moderne Gesellschaft aus. Daß es über diese Abhängigkeiten auch künftig Debatten und Streit geben wird, erscheint mir nicht grundsätzlich bedenklich zu sein, denn letztendlich geht es darum, wie die plurale bundesdeutsche Gesellschaft in Zukunft beschaffen sein soll.
Gerade in parlamentarischen Demokratien liegt in der Sichtweise der Bürger eine Chance für rationale Politikgestaltung und adäquates Verwaltungshandeln. Deshalb wird es auch zukünftig sicher keine Möglichkeit zur Vermeidung dieser Debatten geben, sondern nur Wege in die Diskussion der Akzeptanzfragen – und das ist auch gut so.
DIETER JAUFMANN

Von Dieter Jaufmann
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