Kultur 29.12.2000, 17:27 Uhr

Philosophie für Mensch und Markt

Die Wirtschaft hat ihre eigenen Spielregeln, hieß es bislang. Nun stößt sie an ihre Grenzen. Ein Unternehmensphilosoph hilft bei der Neu-Definition der Regeln.

Luca Perella arbeitet als Direktor bei IBM in Mailand. Er arbeitet zuverlässig und fehlerfrei in seinem Job, obwohl er ihn hasst. Er ist ein ganz normaler Mensch – bis zu jenem Tag, an dem er ein seltsames Verhalten an den Tag legt: Er verfällt in Zwitscherlaute und beginnt sich wie ein Vogel zu bewegen. Luca Perella ist der Protagonist in Luciano de Crescenzos Parabel „Zio Cardellino, Der Onkel mit dem Vogel“.
De Crescenzo arbeitete bei IBM, bis der Erfolg seiner Geschichte der griechischen Philosophie „Also sprach Bellavista“ sein Leben veränderte. Er gab seinen Beruf als Ingenieur auf, um seiner philosophischen Berufung zu folgen.
De Crescenzo ist sicher nicht der einzige Ingenieur, der sich außerhalb seiner angestammten Berufsrolle philosophischem Gedankengut hingibt. Denken im Auftrag der Wirtschaft hingegen ist das Geschäft von Jörn Müller. „Business Philosopher“ steht auf seiner Visitenkarte. Er gilt als Deutschlands erster Unternehmensphilosoph. „Es handelt sich hierbei um keine Schöngeisterei als vielmehr um eine unternehmerische Notwendigkeit“, begründet Tan Siekmann, Firmenchef von Biodata, Müllers Aufgabenfeld.
Denn dass Familie und Firma Hand in Hand gehen sollten, davon ist Siekmann überzeugt. Vielleicht auch mit ein Grund für seinen unternehmerischen Erfolg. Gegenwärtig beschäftigt das börsennotierte Unternehmen rund 200 Mitarbeiter. Der Firmensitz hinter dem dicken Gemäuer der Burg Lichtenfels bei Kassel verweist sinnfällig auf das Kerngeschäft: die Erstellung digitaler Schutzwälle und Verschlüsselungstechniken. Um so offener soll sich innerhalb der Festung der kollegiale Umgang gestalten. Das dies so bleibt, ist Aufgabe des Unternehmensphilosophen Müller. Phänomenologisch nähert er sich dieser Aufgabenstellung Schritt für Schritt: In Einzelgesprächen, denen Anonymität zugesichert wird, spürt er Umstände auf, die Mitarbeiter als störend empfinden und überlegt sich entsprechende Maßnahmen, das Übel zu beseitigen. Siekmann: „Beispielsweise plagte neue Mitarbeiter ein schlechtes Gewissen, wenn sie nachmittags nach getaner Arbeit pünktlich das Büro verließen. Das kann ja keinen Mitarbeiter auf Dauer froh stimmen.“
Kooperationsbereitschaft und Mitarbeiterzufriedenheit seien in der IT-Branche wichtige Wettbewerbsfaktoren, betont er. „Firmenzugehörigkeit und Motivation lassen sich nicht allein über das Gehalt regeln.“ Hier soll der Unternehmensphilosoph bei der Suche nach firmeninternen Lösungen helfen.
Um ein philosophisches Problem geht es hierbei allemal, wenn dies auch nur von wenigen Unternehmen erkannt wird. „Kants Verständnis, nach dem erst moralisches Handeln uns zu autonomen Personen macht, gilt auch für die Wirtschaft. Die Produktivkraft von Ethik und Moral wird oft unterschätzt“, sagt Pirmin Stekeler, Professor für Philosophie an der Universität Leipzig. „Die einseitige Leistungsorientierung wirkt kontraproduktiv“, meint er. „Aus der subjektiven Perspektive ist es oft irrational, sein Wissen kooperativ einzusetzen. Wenn jeder nur seinen Nutzen sucht, geht die Kooperation den Bach runter.“ Hier seien die Grenzen des traditionellen Wirtschaftskalküls erreicht. „Zusammenarbeit lässt sich nicht verordnen, Kontrolle schwächt die Kooperation“, betont Stekler. „Selbstmitbestimmung ist Voraussetzung für Mitverantwortung und gute Arbeitsmoral.“
Luca Perella flog in „Zio Cardellino, Der Onkel mit dem Vogel“ in einem unbemerkten Moment aus dem Fenster: langsam und genau auf die Sonne zu. Das Ideal von Freiheit und Moral nimmt sich Biodata auf seine Weise zu Herzen: So schickte Unternehmensphilosoph Jörn Müller alle Mitarbeiter zur aktiven Erholung auf die Sonneninsel Mallorca. CHRISTIANE RADWAN

Ein Beitrag von:

  • Christiane Radwan

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