Kultur 28.02.2003, 18:24 Uhr

Museen suchen ihre Identität

Das Land wird mit Museen überschwemmt, ihre Zahl hat sich seit 1970 mehr als verdreifacht. Gerade wird nun in Stuttgart ein Daimler-Chrysler-Museum geplant. Die Auto-Industrie sei schuld am rapiden Verfall musealer Werte, kritisieren Fachleute. Deren Gewohnheit, jede Kleinwagen-Schau zum Jahrhundert-Ereignis aufzublasen, habe zur völligen Beliebigkeit von Schauen geführt.

Dem modischen Inszenierungstrend trotzt Prof. Hans-Günter Merz, Stuttgart. Und dies sehr erfolgreich: Seine Architekturbüros zählen zu den führenden im Ausstellungssektor. Eines seiner aktuellen Projekte ist das Daimler-Chrysler-Museum, das 2006 in Stuttgart eröffnet werden soll. Unbeirrt setzt er auf die Wirkung von Originalen und ihrer Authentizität.
Gute Ausstellungsgestaltung heißt für ihn intelligente Reduktion auf das Wesentliche – einschließlich des sparsamen Umgangs mit den Möglichkeiten der Informationsvermittlung. Die in diesem Bereich gestiegenen Möglichkeiten via Rechner, Film, Audio resultieren seiner Ansicht oft in unangemessen lauten Auftritten, die den Besucher zweifeln lassen, ob er sich in einer Ausstellung, in einer Kunstinstallation, in einem Bühnenbild oder Erlebnispark bewege.
„Durch überfrachtete Ausstellungen, die Wunderländern gleichen, ist die Halbwertzeit der technikorientierten Museen gesunken“, konstatiert Merz. „Gute Gestaltung lässt den Film nicht auf der Leinwand, sondern im Kopf des Besuchers ablaufen.“ Im Diskurs über die Öffentlichkeitswirksamkeit von Ausstellungen seien Artefakte und Exponate ins Hintertreffen geraten.
Die Zahlen geben Merz recht: Seit 1970 hat sich die Zahl der Museen mehr als verdreifacht. Ein eigenes Museum gehört mittlerweile für jede Stadt dazu – übrigens auch für jedes Unternehmen. Experten sehen die Ursache für diesen Museumsboom in einem Paradigmenwechsel: Nicht mehr die Aura des einzigartigen Kunstwerks verleihe Museumswürde, sondern vielmehr die historische Bedeutung, die einem Gegenstand zugesprochen wird.
Doch gerade die Artefakte und Exponate, authentisch und mit narrativen Qualitäten ausgestattet, bilden für Merz die Voraussetzung für die Institution Museum und damit für die Erstellung der Gebäude und ihrer Einrichtung. Die Gefahr, dass Museen in diesem Zug wieder elitärer werden, nimmt er gerne in Kauf.
Mit diesem Eliteanspruch erinnert er an die ersten Museen der Neuzeit. Ihr Grundprinzip war das universelle Sammeln. Charakteristisch für die Präsentation der Exponate war das durchdachte Spiel mit vermeintlichem Chaos und strenger Ordnung: der wilden Kombination ganz unterschiedlicher Exponate einerseits und der strengen, peniblen Systematik der gezeigten Dinge andererseits.
Darin sieht er wesentliche Anknüpfungspunkte für einen Kurswechsel aktueller Ausstellungsgestaltung die sich sowohl vom langweiligen Aufbahren von Exponaten in Glasvitrinen als auch mondänen „Exhibitions-Events“ abhebt. „Denn auch der Drang nach Authentischem wächst in Zeiten virtueller Überpräsenz“, behauptet er.
Für Merz heißt Ausstellungen gestalten in erster Linie ordnen und Bezüge herstellen. Für das Museum der Firma Trumpf Maschinenbau in Ditzingen wählte er eine thematische Dreiteilung, bei der chronologische und thematische Ordnung miteinander verwoben sind. Als erstes schildert die Schau die Firmenhistorie, von der aus sich die technologische Kompetenz entwickelt, umgeben von den Horizonten, die die weltweite Präsenz der Firma versinnbildlichen. Die zweite Ebene zeigt die Mitarbeiter und den Firmenauftritt nach außen, die dritte die Anwendungsmöglichkeiten der Trumpf-Maschinen.
Wieder war das Sinnbild dieser dritten Einheit der Horizont. Diese Horizonte bestehen aus einer pneumatischen Membrankonstruktion. „Dabei ging es uns nicht darum, den Horizont nachzubilden, es ging darum, Analogien zu finden, die wir mit dem Begriff des Horizonts verbinden und diese in eine Form zu bündeln,“ erklärt der Schöpfer. „Denn Ausstellungsgestaltung lässt Leerstellen und fördert eigene Deutungen.“
Prof. Jochen Siegemund, Bonn, verlässt sich dagegen nicht auf die Wirkung von Originalen. „Wie viele Duplikate anstatt der Originale aus Versicherungs- und Schutzgründen im Museum hängen, weiß der Betrachter nicht“, lautet sein Einwand. „Heute findet Wissenstransfer auf einer anderen Ebene statt als auf der der Sammlung und Präsentation.“
Dies macht er sowohl für die Ausstellungs- als auch Messegestaltung geltend: „Wir schaffen nicht das Produkt, sondern die Dienstleistung und diese wird zum Produkt“, kommentiert er. Branding-Prozesse seien Inszenierungen par excellence: „Besondere Leistungen eines Unternehmens, wie beispielsweise einen besonders kleinen Schalter herzustellen, sind nicht mehr 1:1 vermittelbar, dies zwingt Messen und Museen zu neuen Aufgaben.“
Dadurch ist prinzipiell alles ausstellbar: Selbst Süßwaren zu gesalzenen Eintrittspreisen, wie das florierende Schokoladenmuseum des Kölner Fabrikanten Stollwerck beweist. Die Musealisierung des Populären popularisierte das Museum. Und dies bekommen über die Auftraggeber selbstverständlich auch die Ausstellungsgestalter zu spüren. Dieser Paradigmenwechsel polarisiert jedoch auch das Verständnis über Ausstellungsarchitektur und -gestaltung ganz gewaltig.
Was Multimedia-Effekte betrifft, zieht Siegemund gern alle Register. Zur letzten Luminale dekonstruierten seine Studenten die historische Fassade des Modehauses Pfüller in der Frankfurter Goethestrasse mit einem Blitzlichtgewitter. C. RADWAN/wip

Von Radwan/Wip

Stellenangebote im Bereich Naturwissenschaften

Zeiss Group-Firmenlogo
Zeiss Group Wissenschaftlicher Mitarbeiter Algorithmenentwicklung (m/w/x) Oberkochen
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Fertigungsbetreuung in der Systemmesstechnik (m/w/x) Oberkochen
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Wissenschaftler für Simulation und Algorithmik für die optische Messtechnik (m/w/x) Oberkochen
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Entwicklungsingenieur für Montage- und Integrationsanlagen (m/w/x) Oberkochen
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Entwicklungsingenieur Systemmesstechnik (m/w/x) Oberkochen
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Entwicklungsingenieur für optische Interferometrie und Messtechnik (m/w/x) Oberkochen
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES-Firmenlogo
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES Ingenieurin / Ingenieur zur Optimierung von Betriebs- und Wartungsstrategien Bremerhaven
Carl Zeiss AG-Firmenlogo
Carl Zeiss AG Wissenschaftlicher Mitarbeiter optische Messtechnik (m/w/x) Oberkochen
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES-Firmenlogo
Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme IWES Ingenieurin / Ingenieur zur Optimierung von Offshore-Transport- und Installationsprozessen Bremerhaven
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH Engineering Project Manager (m/w/d) Digital – Critical Care Bad Homburg

Alle Naturwissenschaften Jobs

Top 5 Rekorde