Kultur 16.07.1999, 17:22 Uhr

Mit dem Stab die Schwerkraft überwinden

Wie in den meisten anderen Leichtathletik-Disziplinen, purzeln auch im Stabhochsprung jährlich die Rekorde. Die 6 m-Grenze ist längst keine Tabuzone mehr. Die Stäbe aber haben sich seit einigen Jahren nicht wesentlich verändert. Nur die „Betriebsgeheimnisse“ weniger Tüftler sorgen für Unterschiede.

Bob Seagren schäumte vor Wut. Wild fluchend schleuderte er den Kampfrichtern seinen Stab vor die Füße. Soeben waren seine Hoffnungen auf den Olympiasieg im Stabhochsprung erheblich gesunken. Der US-Amerikaner war 1972 in München aber nicht an der Höhe oder einem über sich hinaus wachsenden Konkurrenten gescheitert, sondern an der Technik. Genauer gesagt an den Richtlinien, da Seagrens Stab nicht den Wettkampfvorschriften entsprach. Die Kampfrichter bemängelten die leichte Vorbiegung des rund 5 m langen Glasfieberstabes. Seagren ersprang schließlich mit einem Stab, den er nie zuvor benutzt hatte, noch die Silbermedaille.
Ähnliches Aufsehen wie der „Catapole“- Stab erregte in der Folgezeit wohl kein Hilfsmittel in der Leichtathletik mehr. Und dennoch spiegelt die Olympia-Episode um den Goldmedaillen-Favoriten und seine „Banane“ das einzigartige Verhältnis zwischen Springer und Gerät wider. In keiner anderen Disziplin ist der Athlet so von seinem Gerät abhängig. Das Risikio, das die Sportler bei jedem Sprung eingehen, bedarf großer Vertrautheit mit dem Gerät. Im Gegensatz zum Kugelstoßen, Hammer-, Diskus- sowie Speerwerfen genießt der Stabhochspringer daher das Privileg, sein eigenes Handwerkszeug mit zum Wettkampf bringen zu dürfen.

Je härter die Stäbe, desto höhere Anforderungen werden an den Athleten gestellt

Die Stäbe unterscheiden sich vor allem in der Länge und im Härtegrad. Besonders kräftige und relativ schwere Springer bevorzugen die härtere Stabvariante, wobei der Grad sich auch nach der Sprunghöhe richtet. Bei den niedrigen Anfangshöhen reichen den Athleten meist weiche Stäbe. Der Kraftaufwand ist geringer, wobei die geringere kinetische Energie, die der gebogene Stab auf den Springer überträgt, durch gute Technik ersetzt wird. „Es ist einer Feder vergleichbar: Je härter die Feder, desto mehr Material ist nötig je dicker die Stäbe, desto härter sind sie“, weiß Herbert Czingon, Teamleiter der Stabhochspringer im Deutschen Leichtathletik Verband (DLV). „Zwar lassen harte Stäbe größere Höhen zu, aber sie erfordern eben größere Kraftanstrengung und durch den erhöhten Durchmesser fällt dem Springer natürlich auch das Greifen schwerer.“
Kein anderer weiß, dank enormer athletischer Voraussetzungen und erstaunlichen Bewegungsgefühls, die physikalischen Möglichkeiten so zu nutzen wie der Ukrainer Sergej Bubka, der den Stab, der bis zu 5,20 m lang ist, nach hoher Anlaufgeschwindigkeit mit ausreichend Energie „versorgt“. Sein Stab katapultierte ihn 1994 in Sestriere auf die Höhe von 6,14 m. Als der Rekordjäger bei Überqueren der Latte die Länge seines Stabes um rund 1,20 m übertroffen hatte (der Experte bezeichnet diese Differenz als „Überhöhung“), bedeutete dies den heute noch gültigen Weltrekord. Czingon: „Bubkas Stab hat die härteste ´Flexnummer´. Um diese zu ermitteln, werden beide Enden auf eine Auflage aufgelegt und in der Mitte ein Gewicht mit 50 englischen Pfund angehängt. Bubkas Stab biegt sich um 10 cm bis 11 cm, die Geräte deutscher Spitzenspringer wie Tim Lobinger und Andrej Tiwontschik um 12 cm bis 13 cm.“
Die Rekordjagd jenseits der 6 m-Grenze, die Bubka initiierte und an der inzwischen auch deutsche Springer wie der frischgebackene Deutsche Meister (5,90 m) und deutsche Rekordhalter Tim Lobinger (6,00 m), die beiden Weltmeisterschaftsteilnehmer Danny Ecker und Michael Stolle sowie Andrej Tiwontschik teilhaben, basiert vor allem auf sportwissenschaftlichen Erkenntnissen und weniger auf materialkundlichen. Für die Analyse der Sprünge hat die Technik zwar mit Video und Lichtschranken, die den Sprung in viele einzelne Phasen zerlegen, sowie durch elektronisch steuerbare Auflagen zur individuellen Parallelverschiebung der Latte zum Einstichkasten, Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. Der Stab hat sich jedoch seit nahezu 35 Jahren kaum verändert.
Seit den Anfängen, als hartgesottene Springer noch mit Holz-, Bambus- oder Metallstäben in Sandkästen und auf Sägespäne plumpsten, schreitet die Entwicklung nur gemächlichen Schrittes voran. „Der Stab ist eben kein Konsumgüter-Produkt wie etwa der Ski, an dessen stetiger Revolutionierung ein riesiger Freizeitmarkt tüftelt“, bedauert Czingon. Die relativ kleine Schar Stabhochspringer, deren eifrigste Vertreter rund zwölf Stäbe pro Saison verschleißen, können allein natürlich keine Innovationsschübe auslösen. Czingon: „Experimente mit einer Legierung aus Glas und Kohlefasern, die den Stab leichter machen sollte, schlugen fehl. Tiwontschik brach bei einem seiner Versuche der sogenannte Karbonstab. Die Technik ist also noch nicht restlos ausgegoren.“

Das Ziel: möglichst leichte und dünne Stäbe

Eine schwedische (Nordic) und zwei amerikanische Firmen (Pacer, UCS/Spirit) versorgen die weltbesten Springer mit Stäben. „Die Unterschiede liegen in der Wicklung der Glasfieberfäden um den Kunststoffkern, die Richtungsstruktur ist entscheidend“, weiß Heinz Peters, der in seinem Grevenbroicher Unternehmen (SP-Sport-Peters) UCS-Stäbe auch an Danny Ecker verkauft. „Die Glasfieberfäden werden um einen Stahlkern gewickelt und unter hohem Luftdruck erhitzt, bis sie miteinander verschmelzen. Wie sie gewickelt werden, ist natürlich das Betriebsgeheimnis der drei Firmen.“ Ziel ist es, möglichst leichte und dünne Stäbe herzustellen.
Trotz der Bemühungen weniger Tüftler: Die technische Entwicklung tritt im Stabhochsprung auf der Stelle. Und da es bei den Leichtathleten nicht anders als bei anderen Sportarten ist, verlangt die Jagd nach Rekorden und der Wunsch, dem Himmel ein Stück näher zu kommen, auch hier technische Innovationen.
WOLFGANG SCHMITZ
Das Geheimnis der Stäbe ruht im Kern. Der deutsche Rekordhalter Tim Lobinger vertraut den Produkten aus dem Hause Nordic.

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