Kultur 02.07.2004, 18:31 Uhr

Mehr als nur dabei sein

Fußballerin Sonja Fuss zählt mit ihrem Team zum engen Favoritenkreis, Leichtathlet Ingo Schultz hofft über 400 m auf die Endlaufteilnahme.

Wäre Sonja Fuss männlichen Geschlechts, hätte sie für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der verkorksten Europameisterschaft ein belebendes Element sein können. „Laufstark, vielseitig, kreativ“. Mit diesen Attributen beschreibt Nationalmannschaftkollegin Ariane Hingst die Stärken der 25-jährigen Mittelfeldspielerin. Für den Verein Deutscher Ingenieure bleiben die Qualitäten der ab der nächsten Saison für den FSV Frankfurt kickenden Europa- und Weltmeisterin nicht auf rein sportliche Kriterien beschränkt. Mit der Bewältigung von Hochleistungssport und Architekturstudium stelle die gebürtige Bonnerin ein Vorbild für die Jugend dar, erklärte VDI-Direktor Willi Fuchs bei der Übergabe des Preises „Engineers in Motion“ vor wenigen Monaten.
Die Auszeichnung trifft die Richtige, obwohl „Motion“ sich zurzeit auf den sportlichen Teil ihres Werdegangs beschränkt. Die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen nimmt für die Studentin im achten Semester zu viel Zeit in Anspruch. „Als Leistungssportlerin kann ich mein Studium nicht so durchziehen wie andere.“ Zehn oder elf Semester zuzüglich Diplomarbeit werde sie insgesamt vermutlich benötigen. Sport und Studium unter einen Hut zu bringen, bedeute schon während der Bundesligasaison eine Menge Stress, im Vorfeld großer Meisterschaften werde dies unmöglich. „Dabei macht mir beides großen Spaß. Ohne Leidenschaft lassen sich diese Aufgaben auch gar nicht bewältigen.“
Immer seltener die Tage, an denen Sonja Fuss sich einmal anderen Hobbys wie Tennis widmen kann. In den Wochen vor Olympia wird zwei Mal täglich trainiert, im Verein oder im Nationalteam. Testgegner sind nicht nur Frauenmannschaften. „Gegen hochklassige Jugendmannschaften schulen wir unser Reaktions- und Assoziationsvermögen. Die Jungs spielen einfach härter und schneller.“ Da setzt es schon mal die ein oder andere deftige Niederlage. Das seien Lektionen, aus denen auch eine amtierende Weltmeisterin und Olympia-Favoritin nur lernen könne.
Im Mekka des Frauenfußballs hatte Sonja Fuss erfahren dürfen, dass Leistungssport und akademische Ausbildung sich nicht ausschließen. „Nach dem Abi habe ich ein Fußball-Stipendium am Trinity College in Hartford Connecticut erhalten. Davon habe ich enorm profitiert, ob in Sachen Architektur, Fußall oder auch in Lebenserfahrung. Eine Zeit, die ich nicht missen möchte. Nach zwei Jahren hat mich das Heimweh aber nach Deutschland zurückgeholt. Denn obwohl ich gerne reise, bin ich ein familiärer Mensch.“
So richtig auf Touren wird Sonja Fuss aber auch nach den Olympischen Spielen sein. Der Wechsel vom FFC Brauweiler nahe Aachen zum FSV Frankfurt zwingt sie zu noch größerer Mobilität. „Ich werde in Frankfurt in einem Architekturbüro Berufserfahrungen sammeln, das Studium an der RWTH Aachen aber natürlich fortsetzen.“
Ob sie in Athen dabei sein wird, entscheidet sich am 16. Juli, wenn der Kader bekannt gegeben wird. Zweifel hat sie kaum. So klein Sonja Fuss auch ist (1,67 m), so groß ist ihr Selbstvertrauen. Schließlich habe ihre Lieblingsspielerin, die Ungarin Tunde Nagy, gezeigt, das Körperlänge kein Indiz für Klasse ist und auch Kurze den großen Überblick haben können. „Es ist der reine Wahnsinn, was die am Ball kann und wie die ihn behauptet. Dabei ist sie mit 1,63 m noch kleiner als ich.“
Seiner deutschen Konkurrenz um Längen voraus ist auch Ingo Schultz, und das nicht allein wegen seiner imposanten Körpermaße. Der 2,01 m lange Hamburger ist einer der wenigen Leichtathleten hier zu Lande, die bei den Olympischen Spielen von Medaillen träumen dürfen. Großen Aufstand um seine Person macht der Vize-Weltmeister von 2001 über die 400 m-Strecke nicht – und erfüllt damit jenes Bild vom bescheidenen, aber emsigen Ingenieur. Allüren sind dem Diplom-Elektrotechniker fremd. „Ich fühle mich nicht als Star. Der Trubel langweilt mich eher“, sagt er mit hanseatischer Zurückhaltung.
Dabei könnte Schultz mit Fug und Recht behaupten, etwas Besonderes zu sein. „Es ist absolut ungewöhnlich, dass ein Weltklasseläufer solch eine anspruchsvolle Ausbildung neben dem Hochleistungssport gemeistert hat“, weiß Gustav Schwenk, unter Sportjournalisten ein „Leichtathletikpapst“. Und mit dem Diplom an der Bundeswehrhochschule Hamburg ist das Ende der beruflichen Ausbildung keineswegs erreicht. „Ich hoffe, im nächsten Jahr meinen Doktor abschließen zu können. 2004 muss ich wegen Olympia pausieren. An intensives wissenschaftliches Arbeiten ist in diesen Monaten nicht zu denken.“
Krankheitsbedingt musste das Vereinsmitglied der TSG Bergedorf bereits im letzten Jahr kürzer treten. Das Pfeiffersche Drüsenfieber warf den Offizier zurück. „Ich bezweifle, dass Ingo das so einfach wegsteckt“, fürchtet Schwenk. „Die bisher in diesem Jahr gezeigten Leistungen unterstreichen das.“ An seine Bestzeit von 44,66 sek. konnte Schultz nicht heranlaufen. Den Angesprochenen wirft das nicht aus der Bahn: „Ich habe mich 2003 schlichtweg überfordert, nicht auf die Warnsignale meines Körpers gehört und mir nicht die Zeit zum Entspannen gegönnt. Das habe ich in diesem Jahr etwas relaxter gemacht. Trotzdem habe ich natürlich intensiv trainiert und bin für Olympia guter Dinge.“
Die Gedanken schwirren um den Endlauf über 400 m (23. August, 21.10 Uhr). „An diesem Abend will ich auf der Bahn stehen. Ich fahre nicht nach Athen, um im Vorlauf nur mal ins Publikum zu winken.“ Da bleibt dem 28-jährigen Fachmann für Polymerelektronik wenig Zeit zum Schmieden beruflicher Pläne. „Klar redet man an der Uni schon mal über die Zukunft. Ich hänge aber zurzeit noch zu sehr zwischen den Welten, um mich auf einen ganz speziellen Berufsweg konzentrieren zu können.“ Die Leichtathletik bringt Schultz mit vielen Menschen zusammen, mit denen ihn nicht allein der Sport verbindet. „Da knüpft man dann den ein oder anderen Kontakt.“
Einer, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht und nach der sportlichen Laufbahn unentwegt von gestern redet, ist Schultz ohnehin nicht. „Ich finde, es ist unheimlich wichtig, als Leistungssportler auch eine Berufsausbildung zu haben. Es gibt viele Beispiele von Aktiven, die nach dem Sport nicht mehr die Kurve gekriegt haben, weil sie diesen Bereich vernachlässigt haben.“  WOLFGANG SCHMITZ
www.dfb.de/dfb-team/frauenmannschaft/team/fuss.html
www.leichtathletik.de

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