Festival 29.08.2013, 12:49 Uhr

Kunst an der einstigen Industrie-Kloake

Ein Schmutzwasserlauf wird zur Kulturlandschaft: Bis zum 6. Oktober wird die Emscherinsel, gelegen zwischen dem gleichnamigen Fluss und dem Rhein-Herne-Kanal, zum Schauplatz der Ausstellung „Emscherkunst 2013“. Das Triennale-Festival zeigt zwischen der Emschermündung bei Dinslaken und dem Nordsternpark Gelsenkirchen 30 Kunstwerke von internationalen Künstlern.

Praktische Kunst: Der chinesische Künstler und Politikaktivist Ai Weiwei hat 1000 Iglu-Zelte gestaltet. Je zwei Personen können darin übernachten. 

Praktische Kunst: Der chinesische Künstler und Politikaktivist Ai Weiwei hat 1000 Iglu-Zelte gestaltet. Je zwei Personen können darin übernachten. 

Foto: Emscherkunst, Iglu-Zelte, Ai Weiwei,

Ein Teil der Exponate war bereits bei der ersten Auflage der Emscherkunst im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 zu sehen, andere wurden für die aktuelle Ausstellung neu aufgelegt.

Kurator der Ausstellung ist der Münchner Kunstprofessor Florian Matzner, der auch schon die Emscherkunst 2010 leitete. „Der nördliche Teil des Ruhrgebiets befindet sich durch den Niedergang des Bergbaus und teilweise des Stahlsektors in einer großen Krise, die auch eine gesellschaftliche und soziale Krise ist. Dazu ist die Idee entstanden, mit Kunst und Kreativität auf die Bevölkerung zuzugehen und eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln“, erläutert er.

Renaturierung der Emscher

Veranstalter sind die Emschergenossenschaft als regionales Wasserwirtschaftsunternehmen, der Regionalverband Ruhr (RVR) und das Netzwerk „Urbane Künste Ruhr“, als Nachfolger von RUHR.2010.

Die Renaturierung der Emscher ist eines der ehrgeizigsten Projekte im Ruhrgebiet. Der Fluss, der wie kein zweiter unter der Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts litt und von den Stahl- und Kohleproduzenten vor allem als Abwasserkanal missbraucht wurde, soll wieder ein natürliches Bett bekommen. Im Jahr 2020 sollen die Arbeiten so weit wie möglich abgeschlossen sein. „Die Emscherkunst begleitet diesen Umbau auf kreative Weise“, sagt Jochen Stemplewski, Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft. Mithilfe der Kunst soll der Emscher-Umbau „einem breiteren Publikum nahegebracht werden, das mit dem Thema Abwasserentsorgung und Siedlungswasserwirtschaft nicht unbedingt etwas anfangen könnte“, so Stemplewski.

Ausstellung per Rad oder Schiff erkunden

Es gibt drei zentrale Orte, von denen aus die Besucher die Ausstellung per Rad oder Schiff erkunden können: Die Emscherinsel am Kaisergarten Oberhausen, der Nordsternpark Gelsenkirchen und die Emschermündung bei Dinslaken. Der tanzende Strommast der Berliner Künstlergruppe Inges Idee ist wohl eines der markantesten Objekte der diesjährigen Emscherkunst. Die Stahlskulptur mit einer Gesamthöhe von 35 m ähnelt herkömmlichen Strommasten, jedoch verleiht die geschwungene Form der einzelnen Teile dem Mast einen tanzenden Charakter. Je nach Position des Betrachters verändert sich die Gestalt der Skulptur.

Der Strommast soll das Ende der Ausstellung ebenso überdauern wie die „Rehberger Brücke“. Die Fußgängerbrücke Slinky Springs to Fame wurde im Frühjahr 2011, also kurz nach dem Ende von RUHR.2010, eröffnet. Sie führt über den Rhein-Herne-Kanal und verbindet den Kaisergarten am Schloss Oberhausen mit den Rad- und Wanderwegen der Emscherinsel.

Übernachtung in 1000 Iglu-Zelten möglich

Das Pflanzenklärwerk „Between the waters“ soll zeigen, dass die Natur in der Lage ist, Wasser eigenständig zu reinigen. Das Kunstprojekt von Marjetica Potr und Ooze Architects präsentiert eine nachhaltige Wasserversorgung, denn es arbeitet ausschließlich mit dem vor Ort vorhandenen Wasser aus Emscher, Kanal und Regenwasser. Es kann für eine Toilettenspülung und für die Bewässerung von Obst- und Gemüsepflanzen in einem öffentlich zugänglichen Garten genutzt werden. Eine UV-Filtration sorgt zudem für die Trinkwasserversorgung vor Ort.

Auch für Übernachtung ist gesorgt. Der chinesische Künstler und Politaktivist Ai Weiwei hat 1000 Iglu-Zelte an diversen Plätzen in den Emscherauen platziert. Auf zehn temporär eingerichteten Plätzen entlang der Emscher kommen die Zelte für je zwei Personen zum Einsatz. Ai Weiwei möchte, dass die Zelte nach der Ausstellung verlost werden und so dauerhaft in der Region bleiben.

Schlafplätze gibt es auch an der „Wolkenmaschine“ von Reiner Maria Matysik, die kurz vor der Emschermündung in den Rhein entstanden ist. Mithilfe von Emscherwasser wird hier alle zwei Minuten Wasserdampf in die Luft geblasen. Das Kunstwerk bietet so einen angenehmen Kontrast zu den Kohlekraftwerken mit ihren riesigen Kühltürmen und Schornsteinen.

Die Emscherkunst soll nach den Jahren 2010 und 2013 als Triennale fortgeführt werden. 2016 könne sie beispielsweise im östlichen Emschergebiet stattfinden, glaubt Stemplewski. Von der Landesregierung gab es bei der Eröffnungsfeier im Juni in Oberhausen jedenfalls positive Signale für eine Fortsetzung.   

Von Holger Pauler Tags:

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