Forschung 08.12.2000, 17:27 Uhr

Junge Wissenschaftler zeigen Deutschland den Rücken

Mit dem Fachkräftemangel wird in der Informatik jetzt auch der wissenschaftliche Nachwuchs knapp. Zwei deutsche Informatiker haben gute Gründe, lieber in England zu arbeiten.

Wenn die deutsche Informatik in der Champions League mitspielen will“, sagte Professor Dr. Heinrich C. Mayr, Präsident der Gesellschaft für Informatik e.V., auf der Jahrestagung seiner Gesellschaft, „müssen Forschung und Ausbildung auf höchstem Niveau ermöglicht und Nachwuchswissenschaftler gefördert werden.“
Ginge es allein nach Bernhard Schölkopf (32) und Kai Rannenberg (36), sind wir bereits in die Regionalliga abgestiegen. Die beiden IT-Wissenschaftler haben nämlich ihre Arbeitsplätze ins englische Cambridge verlegt und forschen jetzt im Microsoft Research Lab, einem Institut des Software-Giganten Microsoft. Schölkopf, promovierter Informatiker mit Mathematik- und Physikstudium, gerät fast ins Schwärmen, wenn er von seinem neuen Job berichtet: „Ich habe vollständige Freiheit im akademischen Bereich, kann mit Weltklasse-Wissenschaftlern zusammenarbeiten und habe dazu noch die Möglichkeit, Produkte mitzugestalten, die von Millionen Menschen verwendet werden. In dieser Kombination ist das einzigartig.“
Angesichts solcher Vorteile konnte Schölkopfs früherer Arbeitgeber, die GMD – Forschungszentrum Informationstechnik GmbH in Berlin (früher Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung) nicht mithalten: „Die Bedingungen dort waren zwar nahe dran, aber eben nicht ganz.“
Der Schwabe aus der Nähe von Stuttgart ist einer von 45 Forschern in dem 1997 gegründeten Labor mit den Schwerpunkten Systemsicherheit, Information Retrieval, Computersehen (Computer Vision), Programmiermethoden, Networking. Außer in Cambridge forscht Microsoft an drei weiteren Orten: am Hauptsitz Redmond bei Seattle (500 Mitarbeiter), San Francisco (10) und Peking (50). Rund 4,4 Mrd. US-Dollar steckt der Software-Gigant in diesem Jahr in Forschung und Entwicklung (F+E) und rangiert mit einem Anteil am Umsatz von rund 20 % unter den großen Informationstechnik-Unternehmen auf Rang 1.
Für Roger Needham, Direktor des Labors und Professor für Computerwissenschaften mit Spezialgebiet Sicherheit, ist wissenschaftliche Freiheit in Industrieunternehmen die Basis für Erfolg. Den schmalen Grad zwischen Forschung und Produktentwicklung beschreibt er so: „Aufgabe der Forschung ist es, die Technologie zu entwickeln, die Produkten der Zukunft zugrunde liegen wird. Es geht dabei nicht um die Entwicklung der Zukunftsprodukte als solche. Wir denken hier zehn Jahre voraus“.
Dieser hoch gesteckte Anspruch, ideale Arbeitsbedingungen und üppige Gehälter – laut Needham zahlt Microsoft in etwa das Doppelte als bei einer wissenschaftlichen Karriere üblich – haben auch Kai Rannenberg (36) vom Institut für Informatik der Universität Freiburg nach England gelockt. Im Microsoft-Team erforscht er jetzt Themen wie „System security and small user-friendly devices“. Dazu passt Rannenbergs Spezial- und Dissertationsthema „Kriterien und Zertifizierung mehrseitiger Sicherheit“, für das der gebürtige Niedersachse aus Einbeck die Bestnote „Summa cum laude“ und zwei Wissenschaftsauszeichnungen, darunter den renommierten Friedrich-August-von-Hayek-Preis 1998, kassiert hat.
Rannenberg, der in Cambridge bis auf „eine ordentliche Auswahl an frischem Vollkornbrot“ nichts wirklich vermisst, dort vor allem, „das neue Labor mit einem Leiter schätzt, der was von meiner Arbeit versteht“, weist darin nach, dass die Nutzer in traditionellen Sicherheitskonzepten zu kurz kommen und schlägt technische wie organisatorische Verbesserungen vor. „Sicherheit ist zwar immer öfter technisch machbar, aber nicht nur Macher und Anbieter, sondern auch Laien müssen die Funktionalität erkennen und nutzen können. Wir entwickeln deshalb zum Beispiel mobile Sicherheitsassistenten und Tutorensysteme für die Sicherheit bei elektronischen Geldbörsen“. Rund 50 Publikationen kann Rannenberg in seiner langen Veröffentlichungsliste vorzeigen.

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Bereits viele wissenschaftliche Trophäen gesammelt

Mindestens ebenso viele wissenschaftliche Trophäen hat IT-Wissenschaftler Bernhard Schölkopf schon gesammelt: zwei Bücher, 15 Zeitschriftenartikel, 5 Buchkapitel und rund 30 Konferenzpapers. Seine wissenschaftliche Karriere begann mit dem Abitur: Jahrgangsbester am Gymnasium, Preis für die beste Master-of-Science-Arbeit in Mathematik von der Uni London, Dissertationspreis der Gesellschaft für Informatik, GMD-Preis für das beste wissenschaftlich-technische Projekt – das sind nur einige Beispiele.
Sein Spezialgebiet ist maschinelles Lernen. Dass Computer bald lernfähig werden, ist für Schölkopf sicher: „Wir sind schon mitten drin in der Entwicklung. Heute noch sind Rechner ziemlich dumm. Sie denken nicht mit, weil sie nach fest programmierten Regeln arbeiten. Das wird sich bald ändern“. Im ersten Schritt geht es konkret darum, Strukturen („Muster“) in großen Datenmengen auszumachen. Etwa bei der Analyse von menschlichen Gen-Daten, Messdaten eines Teilchenbeschleunigers oder in Gehirnströmen. Auch beim Bedienerverhalten am PC oder zur Erkennung von E-Mail-Spams ist das nützlich. Schölkopfs Forschungsaufgabe dabei: Lernalgorithmen, also Rechenformeln, entwickeln, die sich dynamisch an wechselnde Problemlagen anpassen, selbstständig reagieren und Lösungen finden.
Angesichts solcher Vorhaben wird das Microsoft Lab in Cambridge zwei Jahre früher als geplant ausgebaut. Das Personal will Direktor Needham bis 2005 auf über 180 Mitarbeiter aufstocken. Auch Nachwuchswissenschaftler aus Deutschland hat er im Visier. MANFRED BUCHNER

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