Kultur 31.12.1999, 17:23 Uhr

Jahr 2000: Es soll knallen und leuchten wie nie zuvor

Heute nacht werden in Deutschland 200 Mio. DM in Schall und Rauch aufgehen. An dem nur Minuten währenden Vergnügen hat die pyrotechnische Industrie ein Jahr lang gearbeitet – genau geregelt durch das Sprengstoffgesetz und rund 30 weitere Verordnungen.

Der Höhepunkt des Jahres dauert nur wenige Augenblicke. In einer Sekunde zischt die Rakete 50 Meter gen Himmel, 2,5 Sekunden lang bremst ein Glimmsatz ihren Aufstieg, im Moment des Stillstandes zündet der farbige Effektsatz, wiederum nur für wenige Sekunden. Aaaaah!
Zum Jahreswechsel erwacht in den Deutschen regelmäßig die Liebe zur Pyrotechnik. Und weil das Jahr 2000 ansteht, soll es dieses Mal knallen und leuchten wie nie zuvor: Auf 200 Mio. DM beziffert der Verband der pyrotechnischen Industrie (VPI) die Umsatzerwartungen für die Nacht der Nächte, 17 % mehr als im Vorjahr.
„Natürlich werde auch ich Raketen abschießen“, sagt Frank Mönius – obwohl für ihn gewissermaßen das ganze Jahr über Silvester ist. Mönius ist Fertigungsleiter der Comet GmbH Pyrotechnik Apparatebau in Bremerhaven. 25 Mio. Feuerwerksraketen sind hier sowie in den Zweigbetrieben Berlin und Göllheim in den vergangenen Monaten produziert worden weitere 10 Millionen wurden aus China importiert. Rund 3-mal so viel dürften in Deutschland verkauft werden: Comet ist laut Geschäftsführer Klaus Mertes mit einem Marktanteil von 35 % Branchenführer unter den zwölf Betrieben des VPI.
Trotz der beeindruckenden Stückzahlen – von Serienfertigung ist in dem 680-Mann-Betrieb nicht viel zu sehen im Gegenteil: Feuerwerksbau bedeutet weitgehend Handarbeit. Vereinzelt, fast einsam stehen die Betriebsgebäude im vorgeschriebenen Sicherheitsabstand auf dem riesigen, bewaldeten Firmenareal. Jede einzelne Baracke besteht aus massiven Betonträgern und leichten Kunststoffwänden, die sanft im Windzug zittern. „Die sind aus Sicherheitsgründen so konstruiert“, sagt Mönius. Schließlich wird hier mit feuergefährlichem Material hantiert. Kommt es in der Fertigung zu einer Verpuffung, kann sich keine nennenswerte Druckwelle aufbauen – als Erstes fliegen die Leichtbauwände weg.
Schwarzpulver ist das A und O eines jeden Feuerwerksartikels. Die Entdeckung des Mönchs Bertholdus Niger – die ihm 1388 angeblich wegen Hexerei den Tod auf dem Scheiterhaufen einbrachte – hat einen entscheidenden, dem Vergnügen zuträglichen Vorteil. „Schwarzpulver verbrennt nur“, sagt Arthur Zahn, Chef-Chemiker bei Comet. Explosivstoffe nämlich sind für Feuerwerksartikel verboten. Nur dadurch, dass sich die Verbrennung blitzartig in einer Pappphülse abspielt, kommt es bei Krachern überhaupt zum Knall. 75 % Kaliumnitrat, 10 % Schwefel und 15 % Holzkohle – so setzt sich laut Umweltbundesamt das Schwarzpulver zusammen, das in der Silvesternacht Raketen und Stimmung in die Höhe treibt. Rund 1300 t wurden beispielsweise 1994 von der gesamten deutschen Pyrotechnik-Industrie zu Silvesterfeuerwerk verarbeitet doch pro Rakete dürfen es maximal 50 g sein, einschließlich der für den eigentlichen Effekt notwendigen Masse.
Wie viel Schwarzpulver Comet pro Jahr verarbeitet, mag Mönius nicht beziffern, der Nachbarn wegen: Die könnten sonst Angst bekommen. Dabei wird sowohl die Roh- als auch die Fertigware in externen Lagern fernab des Firmengeländes untergebracht. Und auch in der Produktion selbst sind immer nur kleine Mengen unter strengen Sicherheitsauflagen im Umlauf.
Jedes einzelne Bauteil einer Silvesterrakete wird in getrennten Räumen produziert, durch Sicherheitsschleusen zur nächsten Station weitergereicht. Zuerst kommt das Schwarzpulver für den Treibsatz in die Hülse, wird mit 1,2 t Druck verpresst dann folgt eine Kaolin-Schicht, die die Düse ausformt, und schließlich der Zünder. In der nächsten Halle wartet die Endfertigung: der Glimmsatz zum Abbremsen der aufsteigenden Rakete wird eingelegt und zuletzt der farbgebende Effektsatz für das große Aha-Erlebnis aufgeklebt. Obwohl die ersten Raketen bereits vor rund 1000 Jahren in China abgebrannt wurden und deswegen die heutigen ein ausgereiftes Produkt sein sollten, tobt um Details offenbar ein Glaubenskrieg. Beispielsweise darum, wie die Holzstäbe für den reibungslosen Start befestigt werden: Kleben, nageln oder mit Papier umwickeln? Comet hat sich für das aufwändige Nageln entschieden, weil es den besten Halt garantiere chinesische Produzenten dagegen „nageln nie“, sagt Mönius.
Der Stäbchenstreit ist aber fast schon alles, was beim Bau von Feuerwerksartikeln frei variiert werden kann. Das Sprengstoffgesetz und rund 30 weitere Verordnungen regeln alles, was mit dem krachenden und blitzenden Spaß zum Jahreswechsel zu tun hat. Die verwendeten Chemikalien, die Brenndauer der Zünder (mindestens drei und maximal acht Sekunden), die Mindest- und Maximalflughöhe (höchstens 100 m), die Leuchtkraft und schließlich die Konsistenz der Teile, die auf die Erde zurückfallen und niemanden verletzen dürfen. Die Berliner Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) überwacht jeden einzelnen Feuerwerksartikel, der auf den deutschen Markt kommt. Nach menschlichem Ermessen dürfte eigentlich nichts passieren – wenn zu Silvester nicht meist Alkohol im Spiel wäre. Oder wenn sich leichtsinnige Bastler nicht zum Pyrotechniker berufen fühlten. 1998 gab es zwei Tote beim Feuerwerk. Auslöser waren möglicherweise Schwarz-Importe. Laut BAM beinhalten illegale Kracher unter Umständen Metallchlorate, die die Knallsätze stoß- und reibempfindlich machen. Lebensgefährlich werden sie auch durch ihre Dosierung. Einzelne Exemplare enthielten bis zu 500 g zündfähige Masse, das Fünffache einer Handgranate.
Wer es zu Silvester schön bunt haben will, steht auch ohne Schwarz-Importe vor der Qual der Wahl: 1076 pyrotechnische Silvesterartikel sind bei der BAM registriert, 1999 wurden 80 neu zugelassen. Und für die Feuerwerks-Entwickler wird es immer schwieriger, neue Varianten zu entwickeln. Denn die grundsätzliche Chemie ist kaum veränderbar: grüne Effekte entstehen durch Bariumsalze in den Leuchtkugeln, rote durch Strontium, Natrium leuchtet gelb und für silbriges Funkeln sorgen Eisen- oder Titanspäne. Die „Effekte“ sind dabei zu Erbsen-großen Kügelchen gerollt, die im Augenblick der Zündung auseinander fliegen und farbenprächtig verglühen. Mit professionellem Höhenfeuerwerk, das nur ausgebildete Pyrotechniker abbrennen dürfen, hat das Ganze kaum etwas gemeinsam: Das sind zumeist auch keine Raketen, sondern da wird aus Mörsern abgefeuert. Trotzdem bemühen sich die Entwickler, den großen Vorbildern möglichst nahe zu kommen. Systemfeuerwerk heißt der jüngste Schrei: Durch eine Änderung des Sprengstoffgesetzes dürfen seit neuestem mehrere Effektsätze bis zu einem Gesamtgewicht von 200 g kombiniert werden werden. Einmaliges Zünden entfacht eine ganze Palette von Lichtern, Feuertöpfen und Bombetten.
Für die Umwelt scheint es allerdings einerlei zu sein, ob das Feuerwerk nacheinander oder im System abgebrannt wird. Nach Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts für Umweltchemie und Ökotoxilogie gibt es keine „nennenswerte dauerhafte Belastung durch Silvesterfeuerwerk“. Nitrose Gase, Schwefeldioxid, Kohlendioxid und Reste der farbgebenden Metallsalze entstehen zwar in Hülle und Fülle, aber weit unterhalb schädlicher Grenzwerte. Selbst die in größeren Mengen verwendeten hochgiftigen Bariumsalze haben laut Institut „nur eine geringe bis nicht nachweisbare ökotoxilogische Wirkung“. Zwar könne es unmittelbar nach Mitternacht in engen, stark besuchten Straßenschluchten zu Schadstoffkonzentrationen kommen, die an einem Industriearbeitsplatz Anlass zur Kritik gäben, heißt es bei der BAM. Doch nur wenige Stunden später ist der Spuk wieder vorbei. Das Umweltbundesamt kommt deswegen zu dem Schluss: „Da für die meisten Menschen das Silvesterfeuerwerk ein sozial-kulturell bedeutendes Ereignis ist, sind aus unserer Sicht die damit verbundenen Umweltbelastungen hinnehmbar.“ W. HEUMER
Die Herstellung sogenannter Sterne geschieht in einer Rührtrommel, in die nach und nach farbgebende Chemikalien und zum Schluß Schwarzpulver als Feuerungssatz zugegeben werden.
Silvester ist nicht alles: Für die US-Army produziert Comet in einer neuen vollautomatische Produktionsanlage spezielle Sprengkapseln zur Simulation von Gefechtsübungen. Jeder dritte Böller stammt von Comet aus Bremerhaven, wo jährlich rund 25 Mio. Feuerwerksraketen produziert werden.

Von W. Heumer
Von W. Heumer

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