Kultur 15.01.1999, 17:20 Uhr

Ins Paradies führt nur der Hintereingang

Gentechnik, Kernenergie – viele Menschen schwanken zwischen Grübeln und Gruseln beim Gedanken an die Zukunft. Doch wenn wir der Natur wieder näherkommen wollen, brauchen wir nicht weniger, sondern mehr Technik, so Prof. Gert Kaiser, Rektor der Universität Düsseldorf und Präsident des Wissenschaftszentrums NRW, im folgenden Beitrag.

Die verbreitete Technikskepsis und Technikangst berufen sich ständig – ohne es immer zu wissen – auf eine alte Geschichte und ihre moderne Antwort.
Die alte Geschichte ist die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies – eindrucksvoll erzählt im Alten Testament – und sie bringt unsere Erfahrung auf den Punkt, daß wir uns zunehmend von der Natur entfernt haben, ja daß wir sie zu unterjochen suchen – jedenfalls nicht mehr in Harmonie mit ihr leben.
Die moderne Antwort stammt aus einer Geschichte des 18. Jahrhunderts; sie ist zusammengefaßt in einem Schlagwort, geprägt von Jean-Jacques Rousseau. Es lautet „Zurück zur Natur“ – um auf diese Weise, die Entfremdung von der Natur rückgängig zu machen.
Diese beiden Geschichten haben in unserem Jahrhundert eine große Wirkung entfaltet – nicht nur bei der grünen Protestbewegung, sondern auch bei ihren gutsituierten bürgerlichen Wählerinnen und Wählern. Sie alle erliegen der suggestiven Plausibilität dieser Geschichte und ihrer einfachen Antwort.
Und das ist auch kein Wunder in einer so technisch dominierten Welt wie der unseren. Vor allem junge Leute erfahren die Belastung und oft auch Überbelastung unserer Welt durch Menschen und Technik als eine schwere Hypothek für ihre Zukunft.
Wenn wir genau hinsehen ist ja der Stand unserer Technik in der Tat oft noch sehr grob, oft noch sehr dumm. So dumm, daß sie – jedenfalls in breiter Anwendung – eine gefährliche Zahl und Qualität von Nebenwirkungen hat. Denn Micro-Chips und Fuzzy-Logic und Solarstromtechnologie sind ja nicht unsere technische Realität, sondern Verbrennungsmotoren, die rabiate Ausbeutung der Bodenschätze und energiefressende Aluminiumhütten.
In den meisten Technikfeldern sind wir noch weit von einem Reifestadium entfernt. Nur in wenigen Feldern sind Wissenschaft und Technik so hoch entwickelt, daß sie in der Intelligenz ihrer Verfahren und Produkte etwa den Verfahren der Natur vergleichbar sind.
Ich gebe ein paar Beispiele. Von technischer Reife wird man erst sprechen können, wenn etwa Pharmazeutika mit fast so feinen Wirkstoffen arbeiten werden wie Homöopathica, wenn Energietechnik und -verbrauch den biologischen Vorbildern nahekommen, wenn Gentherapie das Nachwachsen zerstörter Organe ermöglichen wird.
So ist es kein Wunder, wenn viele junge Leute angesichts dieser technisch hochentwickelten, aber technisch sehr unvollkommenen Welt ihr Heil in der Forderung „Retour à la Nature!“ sehen.
Ich möchte eine andere berühmte Geschichte – etwa aus derselben Zeit – dagegensetzen. Sie ist die heimliche Schlüsselgeschichte der Moderne und gibt eine ungleich intelligentere Antwort auf die Klage nach dem Verlust der Natur und des Paradieses als Jean-Jacques Rousseau. Vor allem: Sie ist eine Schlüsselgeschichte für den großen Lernaugenblick zu Beginn des neuen Milleniums.
Die Geschichte stammt von Heinrich von Kleist und trägt den wunderlichen Titel „Über das Marionettentheater“. Ihr Ausgangspunkt ist, daß der Mensch dadurch, daß er die Natur erforscht, sie reflexiv durchdringt und sie sich aneignet, sein ungezwungenes Verhältnis zur ihr verliert.
Das zentrale poetische Exempel ist schnell wiedergegeben – und damit erklärt sich der Titel „Über das Marionettentheater“: Die beiden Erzählfiguren, zwei einander flüchtig bekannte Männer, beobachten ein Marionettentheater auf dem Marktplatz der Stadt. Der eine, ein Tänzer am städtischen Theater, erläutert seinem Gesprächspartner einen wenig bekannten Umstand: daß nämlich die Bewegungen einer Marionette dort, wo sie meisterhaft und natürlich sind, nicht etwa durch den Marionettenspieler bewirkt werden, sondern durch eine ausgeklügelte Hebel- und Pendeltechnik: „Jede Bewegung hat einen Schwerpunkt im Innern der Figur die Glieder, welche nichts als Pendel sind, folgen ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst.“
So vermag die Gliederpuppe häufig ungleich natürlichere Bewegungen hervorzubringen als die oft verkrampften lebendigen Tänzer.
Auf dieser Beobachtung ruht eine ganz neue Idee der künstlerischen und der technischen Perfektion, einer Perfektion nämlich, die so vollkommen sei, daß sie am Ende natürlich wird.
Zwar erzählt die Geschichte vom Verlust der Natur und Natürlichkeit, aber das Sensationelle in Kleists Abhandlung ist dies: Er zieht nicht den üblichen Schluß, nämlich „Zurück zur Natur“, sondern das genaue Gegenteil. Denn der Weg zurück ist uns versperrt, „das Paradies“, wie er sagt, „verriegelt“, offen ist nur der Weg nach vorn – und das ist ein Weg geistiger Mühe und Anstrengung. Kleist sagt es so: „Erst wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist“, dann „stellt sich Natur wieder ein“.
Das heißt nicht mehr und nicht weniger als das: Auf den Feldern von Kunst und Technik kann durch außerordentliche Anstrengung wieder der Natur nahekommen, was sich im Laufe der menschlichen Geschichte von ihr entfernt hat.
Das spannende Fazit ist in zwei scheinbar beiläufige Sätze der Erzählfiguren gekleidet: „Mithin“, sagt der eine, „müßten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen?“ „Allerdings“, antwortet der andere, „das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.“
Nur auf dem Weg geistiger, künstlerischer, technischer Anstrengung werden wir der Natur wieder nahekommen. Und Kleist zeigt auch die Richtung, in der diese Anstrengung zu gehen hat: „Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob das Paradies vielleicht von hinten irgendwie wieder offen ist.“
Das heißt vor allem: Wir können nicht „zurück“ ins Paradies und nicht „Zurück zur Natur“ – das wäre das Ende menschlicher Zivilisation. Statt dessen ist von uns die Mühsal des Vorwärts gefordert, brauchen wir die extreme Anstrengung, brauchen wir einen Innovations-Schub ohnegleichen, um das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen.
Das Ziel der künftigen technischen Revolution muß lauten: „Vorwärts zur Natur!“ Oder – wie ein angelsächsischer Kollege treffend übersetzte: „Closer to Nature!“
Das könnte ein vernünftiges und zugleich attraktives Wissenschafts- und Technik-Leitbild der Zukunft sein. Dieses Leitbild kann den jungen Menschen zeigen, daß sie eben nicht gegen die Natur freveln, wenn sie sich dem technischen Fortschritt verschreiben – daß sie dabei vielmehr auf dem Weg zur Natur sein können.
Dazu gesellt sich eine Beobachtung, die für den großen Lernaugenblick, vor dem wir stehen, von zentraler Bedeutung sein kann, nämlich diese: Wir sind meines Erachtens wirklich auf dem Weg dahin, auf dem Weg zu einem Closer-to-Nature-Denken und -Verhalten.
Wenn man wichtige Trends der Entwicklung zur künftigen Wissensgesellschaft einmal rabiat vereinfacht, dann treten zwei Beobachtungen hervor: Der Anteil des Wissens an den Produkten wird immer größer, und der Anteil des Rohstoff- und Naturverbrauchs sinkt zum Teil drastisch. Ja, es gibt sogar international eine anschwellende Diskussion über ein noch utopisch anmutendes Ziel, nämlich den Ressourcenverbrauch und die Energienutzung um den Faktor 10 zu optimieren, also etwa aus einer Tonne Steinkohle das zehnfache an Energie herauszuholen.
Die künftigen Querschnitts-Technologien, also die Techniken der Bio- und Neurowissenschaften, die neuen Werkstoffe, die Mikrosystemtechnik, die neuen Energietechniken, die Telekommunikations-Techniken – sie alle folgen der Logik der Ressourcenoptimierung.
Das ist die technische und gesellschaftliche Entwicklungslogik und kann ein Leitbild für das 21. Jahrhundert sein: nämlich durch außerordentliche innovative Anstrengung den Frieden, ja die Harmonie mit der Natur wiederzufinden. Die Jugend für diesen Weg zu gewinnen, den Heinrich von Kleist seherisch ins poetische Bild gefaßt hat – das ist der Auftrag an unsere Generation und wir müssen dazu den historischen Lernaugenblick des neuen Milleniums nutzen.
GERT KAISER

Von Gert Kaiser
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