Perlen der Provinz 14.01.2011, 19:51 Uhr

Innovationen am östlichsten Ende Deutschlands

Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, erlebt seit Kurzem einen Wandel. Der Trend zur Abwanderung scheint passé. Stattdessen profitiert der Neiße-Ort vom Nachbarland Polen und seinen Fachkräften. Dank Siemens und Bombardier hat sich hier ein Ingenieurstandort besonderer Güte etabliert.

Die Kälte zwackt unerbittlich, der Ostwind weht direkt aus Polen über die Neiße. Für Görlitz ist ein kalter Winter eine recht gewöhnliche Sache: Es ist die östlichste Stadt Deutschlands, die bis 1945 zu Schlesien gehörte. Von Kriegsschäden blieb die Stadt, trotz der hier ansässigen Industrie, weitgehend verschont. Das sorgte zum einen für eine wohl einzigartig erhaltene Pracht der Städtearchitektur. Neben dem inzwischen weitgehend sanierten Renaissance-Altstadtkern erstrecken sich großartige Straßenzüge im Gründerzeitstil und mondäne Villenviertel am östlichen Neiße-Ufer.

Zum anderen überlebten auch zwei industrielle Traditionsbetriebe mitten in der Stadt, die seit mehr als hundert Jahren die Entwicklung von Kraftwerksturbinen und von der Bahntechnik weltweit mitbestimmen.

Oberbürgermeister Joachim Paulick sieht deshalb seine Stadt keineswegs zuerst als Wohnsitz für Pensionäre: „Wir haben eine glanzvolle industrielle Vergangenheit, ohne den Maschinen- und Fahrzeugbau, ohne das frühere Kondensatorenwerk und die Textilindustrie hätte es den Wohlstand nie gegeben“, argumentiert er gegen das Bild der Rentnerstadt.

Paulick baut symbolisch wie wörtlich Brücken über die Neiße, wenn er von der „Europastadt Görlitz“ schwärmt, die mit der Öffnung der Grenzen von einer abgeschotteten Randlage plötzlich zu einer attraktiven Schnittstelle zwischen der Ost- und West-EU geworden ist. Görlitz, das in den ersten zwanzig Jahren nach der deutschen Einheit so viele Einwohner wie kaum eine andere Stadt verlor – aus 70 500 wurden 55 000 – erlebe seit Kurzem wieder einen Wanderungsgewinn durch eine steigende Zahl von Zuzüglern, auch aus Polen.

Die beiden Werke der Weltkonzerne – Siemens leitet von hier aus das weltweite Geschäft mit kleinen und mittleren Dampfturbinen, Bombardier hat sein Kompetenzzentrum für Doppelstockzüge in Görlitz – haben manches gemeinsam: Beide stammen aus der industriellen Gründerzeit, so dass das Fabrikgelände heute inmitten von Wohnhäusern liegt.

Die ersten Dampfmaschinen wurden in Görlitz 1847 konstruiert und gebaut, ein sorgfältig restauriertes historisches Stück aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert begrüßt heute jeden, der die penible Einlasskontrolle am Siemens-Werkstor überwindet.

Die geografische Lage im äußersten Osten bringt zwar logistische Nachteile, zumal die Turbinen inzwischen 100 t oder noch mehr wiegen, doch Uwe Wittig, Standortleiter von Siemens in Görlitz, nimmt das eher gelassen: „Na ja, eigentlich hätten wir gern den Cargolifter genutzt, den Landeplatz haben wir bis heute frei gehalten“, scherzt er in seinem gläsernen Büro in dem modern umgestalteten, historischen Verwaltungsbau.

Die Transporte für Material und der Versand der Turbinen erfolgen nur noch mit Lkw – ein gewisser Nachteil natürlich, der aber beherrschbar ist: „Die ganz großen Turbinen versenden wir zerlegt zu einer Montagehalle am Dresdner Hafen, das hat sich gut eingespielt“, sagt Wittig.

Beide Fabriken haben eine große Engineering-Abteilung. Für Ostdeutschland ist das bemerkenswert. Im nüchtern eingerichteten Bombardier-Direktionszimmer sitzt Thomas Ahlburg. Er setzt auf die Leistung der mehreren Hundert Ingenieure, die beim Schienenfahrzeughersteller beschäftigt sind. Gerade erst hat er einen Großauftrag der Schweizer Bundesbahn an Land ziehen können, der eine völlig neue Fahrzeuggeneration erfordert.

Görlitz wird federführend an 59 Zügen mitwirken, die auf den kurvenreichen Strecken durch Schweizer Berge und Tunnel mit 200 km/h unterwegs sein sollen. Der relativ hohe Schwerpunkt der Doppelstockwaggons und eine neue Neigetechnik waren die besonderen Herausforderungen.

Ahlburg zeigt erst auf eine kleine Schauvitrine mit den bisherigen Modellvarianten der Doppelstockzüge, die hier Mitte der 30er-Jahre erfunden wurden, um dann auf die futuristisch anmutenden Entwürfe für die Schweizer zu kommen – ein Modell steht inzwischen im Eingangsbereich des Verwaltungsbaus. „Wir könnten in Deutschland nicht konkurrenzfähig produzieren, wenn wir nicht anspruchsvolle technologische Lösungen entwickeln und umsetzen würden“, sagt Ahlburg. „Wir sind hier so effizient, dass Görlitz es mit jedem anderen Konzernstandort aufnehmen kann.“

Der Satz hätte ebenso gut von Uwe Wittig stammen können, der bei 950 Beschäftigten lediglich ein Drittel im gewerblichen Bereich zählt – die anderen sind als Ingenieure in der Entwicklung, im Auftrags-Engineering und Vertrieb tätig. „Wir haben eine weltweite Arbeitsteilung und müssen im Konzernvergleich auch mit den Standorten in Indien oder Lateinamerika wettbewerbsfähig sein“, so Wittig und fügt hinzu: „Deshalb lebt Görlitz allein durch die Fähigkeit zur Innovation.“

Bei Standardmodellen habe man Kostennachteile. Doch im Bereich der Dampfturbinen werden sehr oft von den Kunden Maßanfertigungen entsprechend der vorhandenen Dampf- und Anschlussparameter verlangt. „Jede Turbine ist ein Unikat, weil die vom Kunden vorgegebenen Prozessparameter nicht nur die Größe, sondern auch Geometrie und Anordnung der Rotorschaufeln bestimmen“, sagt Chefentwickler Detlef Haje und zeigt auf die bereits fertigen Rotoren, wo jeder Kranz entsprechend der Kundenparameter mit anderen Schaufeln bestückt ist.

Bei kleinen Serien, etwa für Solarkraftwerke, werden immerhin einzelne Designs „aus dem Standardbaukasten“ genutzt. Die Optimierung der Turbinenarchitektur ist dabei nicht mehr allein der Erfahrung der Ingenieure überlassen, sondern erfolgt auf leistungsfähigen Rechnern und Cad-/Cam-Systemen.

Die individuelle Konstruktion, das Design der Rotorschaufeln, ist laut Haje das wichtigste Know-how der Turbinenbauer. Hier entscheidet sich, welcher Wirkungsgrad erreicht, welche Massen bewegt, welche Kräfte beherrscht werden müssen, um eine hohe Verfügbarkeit und lange Laufzeiten zu garantieren.

„An den großen Schaufeln wirken Fliehkräfte bei den hohen Umdrehungszahlen von bis zu 60 t, und es treten zusätzliche Kräfte durch Lastwechsel auf“, rechnet der Chefingenieur vor. Havarien dürfen auch bei Standzeiten von 100 000 Stunden nicht auftreten. Die besondere Kunst besteht darin, zugleich die Massen des Rotors möglichst gering zu halten, um die Energieerzeuger möglichst flexibel zu machen. Die hohe Verfügbarkeit von Windstrom mit Schwankungen je nach Windanfall macht es lukrativ, die Dampfturbinen für Leistungsspitzen nutzen zu können.

Das grundlegende Funktionsprinzip der Dampfturbine ist zwar seit gut 100 Jahren bekannt und inzwischen weitgehend ausgereizt, doch im Detail ist noch viel möglich. Der Wirkungsgrad der modernen Aggregate hat sich mehr als verdoppelt, die Massen betragen nur noch einen Bruchteil und die Leistungsdichte ist allein in den letzten 20 Jahren mindestens um den Faktor 10 gestiegen.

Prägnantes Beispiel: die SST 700-Reheat-Dampfturbine (74 MW), die in Müllverbrennungsanlagen zum Einsatz kommt und einen Wirkungsgrad von 30 % aufweist. Der Vorgängertyp kam nur auf 22 %. Inzwischen sind solche Sprünge nicht mehr möglich. Wenn 1 % oder 2 % zusätzliche Leistung erreicht werden, ist das bereits ein herausragendes Ergebnis. Dafür werden die gelieferten Maschinen im Trend immer größer. 200 MW wurden inzwischen längst erreicht.

Auch wenn ein hoher Anteil der Wertschöpfung heute im Kopf und Computer entsteht: Bei Bombardier und Siemens in Görlitz wird in den Hallen auch geschweißt, gefräst und gehämmert, es riecht nach Metall, Lack und Öl. Immer wenn eine fertige Turbine auf den Schwerlasttransport verladen wird oder bei Bombardier eine fertige Zugeinheit übers Werksgleis zur Auslieferung rollt, sieht sich auch der Oberbürgermeister Paulick, der selbst Bergbauingenieur ist, in seiner Zuversicht bestätigt, dass auch an Deutschlands östlichstem Rand industrielle Fertigung eine Zukunft hat.

Damit, so hofft Paulick, lässt sich die Abwanderung stoppen, die Stadt auch hinter den tollen, aber oft menschenleeren Fassaden neu beleben.

„Wir rechnen fest damit, dass es auch junge Leute zu uns zieht, wobei es unwichtig ist, ob die neuen Görlitzer aus Deutschland oder aus Polen stammen“, sagt Paulick. Inzwischen hätten sich ja auch die ersten Händler aus dem Nachbarland mit Geschäften etabliert, das werde weiter zusammenwachsen.

Und dann habe die Stadt ja auch noch viele gute Freiflächen in bester Lage, wie das ehemalige Kondensatorenwerk, das derzeit als Ruine vor sich hin dämmert. „Wir finden hierfür Investoren“, versichert Paulick. Ob die alten Hallen mal wieder Arbeitsplatz für Elektrotechniker, eine Markthalle oder gar Loft-Wohnungen werden, das sei allerdings noch völlig offen. MANFRED SCHULZE

 

Ein Beitrag von:

  • Manfred Schulze

    Manfred Schulze ist freier Journalist für Fachzeitungen Energie, Logistik, Technologie.

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