Kultur 14.12.2007, 19:32 Uhr

Ingenieure, eine Klasse für sich  

Geschätzt leben hier 17 Mio. Menschen, mittendrin ist Dharavi, mit mehr als 1 Mio. Bewohner einer der größten Slums weltweit. In dieser Stadt der Kontraste zeigen 60 junge Ingenieurinnen und Ingenieure im Rahmen des internationalen „Mondialogo-Symposiums“, dass sie mit ihrem Know-how die Welt verbessern wollen.

Drei Tage werden sie sich nun gegenseitig zuhören, bewerten, Fragen stellen, Party feiern, die Jury kennenlernen und hoffen, dass es ausgerechnet ihr Projekt ist, dass die Jury noch zu den zehn Award-Gewinnern zählt.

Doch vor den Erfolg hat der Sponsor eine Werksbesichtigung gesetzt. Das Mercedes-Benz Werk in Pune steht auf dem Plan, fünf Stunden Busfahrt, hinauf vom stickigen Bombay in die eher luftigeren Hügel rund um Pune (Poona), dem ein oder der anderen wohl eher durch die Bhagwan-Sekte ein Begriff, führt der Weg. Am Wegesrand hüpft gelegentlich ein Affe vorbei, heilige Kühe halten den Verkehr auf, wenn sie es nicht sind, sind es ganz langsame, prächtig bunte Lkw, und das Hupen der Autos wird zu einer Grundmelodie Indiens.

Was für andere vielleicht eher ein lästiger Programmpunkt ist, ist für Ingenieure ein Leckerbissen: Mal zusehen, wie es „beim Daimler“ in Indien so zugeht. Und sie werden so wunderbar begrüßt: „Einige der hellsten und besten Ingenieure auf diesem Planeten“ habe er vor sich, erklärt Indien-CEO Wilfried Aulbur. Und wie geht es zu „beim Daimler“, genauer Mercedes-Benz?

Erstaunlicherweise beschaulich, lässt sich nach einem Rundgang sehen. 12 bis15 Fahrzeuge verlassen täglich die Halle, hinzu kommen noch 1,5 Lkw. Hier werden C-, E- und S-Klasse zusammengebaut, etwa 350 Menschen sind meist im Ein-Schicht-Betrieb beschäftigt, die Bauteile werden alle aus Deutschland per Schiff angeliefert, das dauert etwa drei Wochen. Automatisierung ist hier noch nicht weit ausgeprägt, das würde sich zurzeit angesichts des Volumens nicht lohnen, sei aber durchaus angedacht. Anfang 2009 wird unweit ein neues Werk eröffnet.

Wilfried Aulbur nimmt Bezug auf das erstaunliche Wachstum im Personalbereich, es seien historisch immer etwa 8 % gewesen, in diesem Jahr seien es bereits 20 %. Das Thema gut ausgebildete Leute sei enorm wichtig, und deshalb hat Daimler auch eine Mechatronic School im Werk eingerichtet, wo jährlich 15 fertig ausgebildete Ingenieure an Daimler-Modellen weitergeschult werden. Doch auch aus Deutschland kommen gern Fachleute von Daimler, um hier zu lernen. Denn in den hoch automatisierten Fabrikanlagen daheim lassen sich die Schritte nicht so gut nachvollziehen. Doch weil nicht nur Daimler, sondern die gesamte Branche in Indien immer dringender Leute suche, hätte Daimler-Benz sogar eine Kooperation mit der Uni in Pune ins Leben gerufen, um dort Studierenden das nötige Rüstzeug zu geben.

Einer, der den Worten lauscht, ist Martin Musabyimana (32) vom Kigali Institute of Technology in Ruanda. Er erzählt später, dass einer seiner Schulkameraden beim Durchqueren eines Flusses ertrunken ist. Viele Menschen kommen in Ruanda ums Leben, weil es im ländlichen Ruanda so gut wie keine Brücken gibt. Der Ingenieur und sein ruandisches Team werden das in Kooperation mit einem Team um Joachim Schneider (25) von der Fachhochschule Aachen und weiteren Mitarbeitern von der Uni Stuttgart ändern. „Wir sind dabei, ein Brücken-Kit zu entwickeln, das zum Standard für den Brückenbau in Ruanda werden soll. Das Grundmaterial ist Bambus, ein lokales Erzeugnis“, erklärt Musabyimana. Bereits 2000 hätten sie eine Brücke gebaut, allerdings aus Stahl, und dies sei zu teuer. Nun soll ab März 2008 gemeinsam an der Realisation gearbeitet werden.

Patrick Walsh aus den Vereinigten Staaten mag beim Rundgang durch Bombay mehrfach seine eigene Idee noch sinnvoller erschienen sein, obwohl sie eher für das ländliche Indien, aber eigentlich ja für die ganze Welt gedacht ist: „Wussten Sie, dass heute mehr Menschen ohne elektrisches Licht leben als 1907?“, lautet sein Einstieg in den Vortrag. Rund 1,7 Mrd. Menschen nutzen zum Beleuchten ihrer Wohnung Petroleumleuchten oder andere Mittel. Walsh hat zusammen mit einem indischen Partner eine Solar-LED-Leuchte entwickelt, die in der Anschaffung 22 Dollar kostet, dafür aber das teure Petroleum überflüssig macht. Ein riesiger Markt, und, so seine Erfahrung, auch sehr arme Leute seien bereit, diesen Preis zu bezahlen.

Vor allem Frauen würden langfristiger an die Einsparungen denken. Walsh ist nicht zum ersten Mal mit von der Partie bei Mondialogo. „Es hat mein Leben verändert“, sagt der eher zurückhaltend wirkende Ingenieur mit dem erstaunlichen Marketing-Talent von der University of Illinois. Er hat bereits mit einem anderen Team beim ersten Award gewonnen. Bei seinem neuen Projekt sei ihm aufgefallen, dass Inder eine ganz andere Fehlerkultur hätten als Amerikaner. „Sie hatten solche Probleme, einen Fehler einmal zuzugeben, das hat viele Dialoge gebraucht, bis wir uns da angenähert haben.“

Den Preis „Publikumsliebling“ hat aber eher eine andere Konstellation zusätzlich bekommen: Der Mix des Teams aus USA und den palästinensischen Autonomiegebieten. Bereits bei der Nennung der beiden Länder als Team geht ein Raunen durch die Menge.

Und Eric David Mortenson von der Uni in Utah versteht es, diesen Aspekt des interkulturellen Dialogs lebhaft zu beschreiben. Stundenlang, so der Amerikaner, hätten er und sein Partner Awad Walid Nasser aus Palästina über religiöse und politische Fragen via Mail und Telefon debattiert. Immerhin haben sie Zeit gefunden, ein Konzept zu entwickeln, um Ölmühlen-Abwasser durch Filtrierung (Absorption von Phenolverbindungen mithilfe von Harzen) weiter verwendbar zu machen und durch Verbrennung von Biomasse aus dem Abfall und durch anaerobe Zersetzung erneuerbare Energie zu gewinnen. Das war der Jury einen „vorderen“ Platz wert. Bei der Preisverleihung kann der Moderator sich einen Witz nicht verkneifen: „Ich glaube, ich werde jetzt mal eben George Bush anrufen“, sagt er im Hinblick auf die außergewöhnliche Länderkonstellation.

Gewonnen haben zum Schluss alle: Auch die, die ohne Award nach Hause gehen, diese Erfahrung nimmt ihnen niemand mehr, und auch sie erhalten eine Anerkennung und einen Geldpreis in Höhe von 5000 €, Daimler hat etwas fürs eigene Image und die Welt getan, die Unesco ebenfalls und viele der Projekte, die durch Mondialogo angestoßen werden und wurden, haben Chancen auf Realisierung. So wurden bislang elf der Projekte des letzten Awards in Angriff genommen.

CLAUDIA HANTROP

Von Claudia Hantrop

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