Innovation 11.12.2009, 19:44 Uhr

Ideen aus anderen Branchen abgucken  

In Zeiten der Krise müssen auch F&E-Abteilungen sparen. Gleichzeitig sollen sie aktuelle Probleme lösen und neue Produkte entwickeln. Ein Ausweg aus diesem Dilemma bietet die sogenannte Cross-Industry-Innovation. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als das Abkupfern der Ideen von branchenfremden Unternehmen. In immer mehr Firmen wird diese Herangehensweise systematisiert. VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 12. 09, sta

Anfänger an der Nähmaschine kennen das Problem: Je schneller der Stoff bewegt wird, desto weiter sind die Stiche auseinander. Diesen Mangel wollte der Nähmaschinenhersteller Bernina beheben – mit einem Regulator, der das Nähtempo automatisch an die Bewegung des Stoffs anpasst. „Die Idee war, dafür eine bewährte und kostengünstige Technologie einzusetzen“, erklärt Christoph Dürmüller von der Zühlke Engineering AG, einem externen Entwicklungsdienstleister, der den Regulator konstruieren sollte. Tatsächlich fanden die Ingenieure schnell eine Lösung: Sie verwendeten jenen Sensor, der in einer optischen Computermaus die Bewegungen erfasst. In die Nähmaschine integriert sorgt er für eine konstante Stichlänge.

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Warum das Rad neu erfinden, wenn es in anderen Branchen schon fertige Lösungen gibt? Diese Frage stellen sich immer mehr Unternehmen. „So genannte Cross-Industry-Innovation liegt klar im Trend“, sagt Ellen Enkel, Professorin an der Zeppelin Universität, Friedrichshafen. Die Wissenschaftlerin hat über 100 Fälle begleitet, in denen Firmen branchenfremde Lösungen für sich entdeckt haben. Dass die Unternehmen gerade im Moment so neugierig über den eigenen Tellerrand schauen, habe vor allem finanzielle Gründe: „Angesichts der Engpässe kommt eine kostenintensive Eigenentwicklung oft nicht infrage.“

Zu den Unternehmen, die Cross-Industry-Innovation vorantreiben, gehört Henkel. Die Düsseldorfer halten ständig weltweit nach Lösungen Ausschau, die etwa in der Waschmittelherstellung eingesetzt werden könnten. „Der Anteil am Forschungsbudget, den wir für Kooperationen ausgeben, ist in diesem Jahr um über 20 % gestiegen“, so Juan-Carlos Wuhrmann, Direktor Global R&D-Management. Die Augen offen zu halten, hat sich für Henkel schon mehrfach ausgezahlt: So wurden die ersten Spülmaschinen-Tabs auf einer Maschine entwickelt, die eigentlich für Toffifee-Pralinen konstruiert war. Der Düsseldorfer Konzern pflegt die Kultur des kreativen „Klauens“ ganz offen: Einmal im Jahr wird intern mit großem Bahnhof ein „Borrow with Pride“-Award verliehen.

Nach allen Seiten offen ist auch die Schindler GmbH: Der Aufzughersteller adaptiert unter anderem Innovationen aus der Automobilindustrie. „In der Branche gelten ähnliche Anforderungen an Sicherheit und Zuverlässigkeit“, erklärt Michael Geiger, Produktcontroller. Zu den Teilen, die aus dem Auto in den Aufzug übernommen wurden, gehören Komponenten der Keramik-Fangbremsen, mit denen eine Aufzugkabine im Notfall abgestoppt wird. Sie wurden in Kooperation mit Porsche entwickelt.

Aber wie merken Firmen, dass anderswo ihre Probleme schon gelöst wurden? Bei Schindler hält die Abteilung für Technologiemanagement ständig die Augen offen, Zühlke setzt – neben einer breiten Kundenbasis – auf den Austausch durch Köpfe. „Wir achten darauf, dass neue Mitarbeiter Erfahrungen aus unterschiedlichen Branchen mitbringen“, so Dürmüller.

„Wichtig ist, dass man die Fragestellung von der eigenen Industrie losgelöst sieht“, betont Expertin Enkel. Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel eines Trinktüten-Herstellers: Die Firma hatte eine Verpackung für Suppen kreiert. Alles, was noch fehlte, war der passende Ausgießer. Eine Patentsuche innerhalb der Lebensmittelbranche brachte keine Lösung. Erst, als man das Problem abstrahierte und nach Technologien für zähflüssige Materialien suchte, gelang der Durchbruch: Schlussendlich kam eine Ausgießertechnologie aus der Erdölindustrie zum Einsatz.

CONSTANTIN GILLIES

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