Kultur 10.09.1999, 17:22 Uhr

Historiker: 1,5 Millionen Zwangsarbeiter leben noch

Beim Thema Zwangsarbeit gibt es zuverlässiges Zahlenmaterial, weiß der Historiker Mark Spoerer, Autor des folgenden Beitrags.

Seit gut 15 Jahren beschäftigt sich die historische Forschung recht intensiv mit Zwangsarbeit im Dritten Reich. Wie viele Zwangsarbeiter gab es überhaupt? Wie viele leben heute noch? Und wer von ihnen soll entschädigungsberechtigt sein?
Die letzte Frage scheint weitgehend geklärt zu sein. Es kristallieren sich zwei große Gruppen heraus: zum einen die KZ- und Arbeitserziehungslagerhäftlinge (AEL), zum anderen die zivilen ausländischen Arbeiter aus Ostmittel- und Osteuropa. Nicht berücksichtigt werden also Kriegsgefangene und Zivilarbeiter aus Westeuropa, soweit sie nicht in Arbeitserziehungslager (AEL) eingewiesen worden waren, wo KZ-ähnliche Haftbedingungen herrschten.
Als entscheidendes Kriterium für eine mögliche Anspruchsberechtigung scheint sich im Laufe der Verhandlungen die mit der Zwangsarbeit verbundene Verringerung der Überlebenschancen herauszuschälen, nicht das vergleichsweise profane Kriterium Lohnentgang. Tatsächlich war die Sterblichkeit der ost(mittel)europäischen Zwangsarbeiter deutlich höher als die der weniger stark diskriminierten westeuropäischen Arbeiter. Ob innerhalb oder außerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches, unter Lagerbedingungen waren Zwangsarbeiter stets Hunger und Seuchengefahr ausgesetzt. Im Moment konzentriert sich die Diskussion jedoch überwiegend auf solche Zwangsarbeiter, die im Deutschen Reich eingesetzt waren wohl auch, weil es für die in den besetzten Gebieten unter Lagerbedingungen eingesetzten Polen und Osteuropäer keine Zahlen gibt.
Für die Grenzen des Reichs lassen sich die Zahlen der Zwangsarbeiter dieser beiden Gruppen – KZ- bzw. AEL-Häftlinge und ost(mittel)europäische Zivilarbeiter – mittlerweile einigermaßen genau bestimmen. Die Nazi-Bürokratie produzierte bis Ende 1944 munter Zahlen, die als sehr zuverlässig eingestuft werden können. Ein methodisches Problem besteht allerdings darin, daß diese Statistiken auf Stichtagszählungen beruhen und somit die Fluktuation nicht erfassen. So wurden etwa 1942 und 1943 schwangere Polinnen und Ostarbeiterinnen nach Hause zurückgeschickt, ebenso andere arbeitsunfähige Menschen. Diese sind also in den Zahlen für 1944 nicht enthalten und insofern sind die kumulierten Bestandszahlen höher als das Maximum der Stichtagszahlen.
Der Höhepunkt des Zwangsarbeitereinsatzes lag in der zweiten Jahreshälfte 1944. Am 30. September, dem letzten Stichtag, für den Zahlen verfügbar sind, arbeiteten im „Großdeutschen Reich“ knapp 6 Mio. ausländische Zivilarbeiter, davon 41% Ostarbeiter, Balten und Ukrainer aus Polen, 23 % Polen, 11% Franzosen, je 5 % Italiener und Tschechen, 4 % Niederländer und 3 % Belgier.
Von diesen 6 Mio. Zivilarbeitern mögen einige ursprünglich freiwillig nach Deutschland gekommen sein, doch wurden sie nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages zwangsverpflichtet. Zu diesem Zeitpunkt wird schon wegen der ständigen Luftangriffe kaum ein Ausländer noch freiwillig in Deutschland geblieben sein. Hinzu kommen nach der letztverfügbaren Zählung vom 15. 8. 1944 fast zwei Mio. Kriegsgefangene.
Schließlich waren um die Jahreswende 1944/45 ca. 480 000 KZ-Häftlinge im Arbeitseinsatz, von denen etwa ein Viertel Juden waren. Von den in der zweiten Jahreshälfte insgesamt eingesetzten 8,4 Mio. Zwangsarbeitern waren also nur 1% bis 2 % Juden. Es geht also in der Frage der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter mitnichten um eine weitere Entschädigung für jüdische Opfer, sondern primär für solche, die bislang überhaupt nicht entschädigt wurden.
Freilich war es gerade die Gruppe der KZ-Häftlinge, die im Arbeitseinsatz und in den unmittelbar anschließenden „Todesmärschen“ dem härtesten Vernichtungsdruck ausgesetzt war. Bis zur Befreiung und auch noch unmittelbar danach starb sicherlich ein Viertel aller KZ-Häftlinge, so daß Mitte 1945 vielleicht noch 360 000 lebten.
Unter Berücksichtigung altersspezifischer Sterbewahrscheinlichkeiten ergibt sich für die KZ- und AEL-Häftlinge eine Anzahl von ca. 190 000 Überlebenden und für die ost(mittel)europäischen Zwangsarbeiter von etwa 1,92 Mio. (ohne AEL-Häftlinge), wobei für beide Gruppen anzunehmen ist, daß es sich um Obergrenzen handelt. Teilt man die überlebenden Zwangsarbeiter nach den Zahlen für 1944 in einzelne Wirtschaftssektoren, also in private Landwirtschaft, privates Gewerbe und Staat auf, so ergibt sich ein Verhältnis von etwa 40 %, 45 % und 15 % oder in absoluten Zahlen von 590 000, 670 000 und 220 000 Überlebenden.
Wie hoch die Entschädigungen sein werden, ist noch nicht entschieden. VW und Siemens, einige der wenigen Firmen, die mittlerweile individuell entschädigen, zahlen derzeit 10 000 DM. Alles deutet darauf hin, daß KZ- und wohl auch AEL-Häftlinge wegen der Härte der Einsatzbedingungen eine höhere Summe als die Zivilarbeiter aus Polen und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion erhalten sollen. Bei diesen wird möglicherweise noch einmal danach unterschieden, ob sie in Industriebetrieben oder der Landwirtschaft eingesetzt waren.
Die Polen waren etwa zu zwei Dritteln in der Landwirtschaft eingesetzt, die „Ostarbeiter“ dagegen nur zu einem Drittel. Der Rest war ganz überwiegend im Bergbau, in der Industrie und im Verkehrswesen tätig. Die Anzahl der bei den Kommunen oder als Hausmädchen eingesetzten ost(mittel)europäischen Zivilarbeiter ist verschwindend gering.
„Der“ typische Entschädigungsberechtigte wird übrigens eine Frau sein: eine Ukrainerin oder Polin, die blutjung nach Deutschland verschleppt wurde, um dort – wenn sie Pech hatte – bei einem Industrieunternehmen oder – wenn sie Glück hatte – auf dem Land zu arbeiten. Der Nettolohn war lächerlich gering, die Behandlung oft – aber nicht immer – schlecht.
MARK SPOERER

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