Ausstellung 02.07.2010, 19:47 Uhr

Hier gibt es etwas auf die Ohren

Eine Ausstellung, in der es kaum etwas zu sehen, aber umso mehr zu hören gibt, zeigt das Museum August Kestner in Hannover. Sie trägt den Titel „Oggetti Sonori“ und den Untertitel „Unsichtbares Design“ und widmet sich einer bisher kaum beachteten Dimension des Designs, nämlich dem Klang der Dinge.

Die Ausstellung wurde für das Design Museum La Triennale di Milano konzipiert, für die Präsentation in Hannover steuerte der Berliner Klang- und Markenberater Alexander Wodrich einen Extrateil bei, der sich speziell dem Thema Klangfamilien widmet.

Aus signalroten Schalltrichtern ist Scherengeklapper zu hören, das Gurgeln einer Wasch- und das Fauchen einer Espressomaschine, das Klicken eines Feuerzeugs und das einer Digitalkamera, der sonore Sound eines Elektrorasierers, das Crescendo eines startenden Motorrads und das Krachen zerberstender Kartoffelchips. Mit diesen und anderen ganz alltäglichen Geräuschen werden die Besucher in der Ausstellung konfrontiert. Aber was hat diese Klangkollektion zu bedeuten und worum geht es eigentlich? „Es geht um die Verbindung von Design und Klang“, erklärt Patrizia Scarzella, um Klang als fester Bestandteil des Design-Prozesses. Die Mailänder Architektin und Journalistin beschäftigt sich seit Jahren mit dieser „unsichtbaren Dimension“ von Design.

Inzwischen sei es „ziemlich normal, dass Klänge zusammen mit den Objekten entwickelt werden, wegen ihres Signal-Charakters oder auch als Erkennungszeichen für Produkte“, erklärt sie. Klang fungiere als eines der grundlegenden und kommunizierenden Elemente zwischen Objekt und Benutzer. Weil aber die Geräte immer kleiner, flacher, leichter, energiesparender und auch ähnlicher würden, bekäme der Klang auch eine immer stärkere Bedeutung als Identifikationsmerkmal. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Marco Ferreri konzipierte und kuratierte sie die Ausstellung die nahezu nicht(s) ausstellt.

Scarzella und Ferreri unterteilen die aus dem akustischen Universum des Alltagslebens ausgewählten Klänge in zwei Kategorien: zum einen den – oft als Lärm bezeichneten – Prozessklang, den ein Produkt erzeugt, wenn es in Funktion ist (Staubsauger & Co.), zum anderen den „designten“, gestalteten Klang, zu dem der Lärm transformiert wird oder der eigens kreiert wird. Während jahrzehntelang in vielen Produktionssektoren die Forscher darauf hinarbeiteten, Prozessklänge so weit wie möglich zu reduzieren, geht es nunmehr darum, diese Geräusche in angenehme Klänge umzuwandeln oder sie emotional aufzuladen und positiv zu besetzen. Der „Sound“ eines Ferrari oder einer Harley Davidson ist so charakteristisch, dass es für eine große Zahl von Personen gar nicht notwendig ist, das Auto oder das Motorrad zu sehen: Der Klang verrät sofort, um welches Produkt und welche Marke es sich handelt – er avanciert zugleich zum Identifizierungsmerkmal für das Objekt und die Marke.

„Der Prozessklang gehört zur Natur der Dinge“, schreiben Ferreri und Scarzella im Ausstellungskatalog. „Er ist eine kraftvolle Erinnerung, ein Abkömmling industrieller Technologien, die heute oft überholt sind, besonders die mechanischen.“ Mit dem Aufkommen der Elektronik und der digitalen Technologie sind viele Prozess-Klänge wie etwa das Tick-Tack der Uhr verschwunden. Weil aber häufig das akustische Signal stärker ist als das visuelle, wird es in digitalen Objekten künstlich reproduziert und bezieht sich damit auf eine analoge, mechanische Welt, die stark im kollektiven Gedächtnis gefestigt ist, zumindest bei den „prä-digitalen“ Generationen. Ein klassisches Beispiel für eine solche Transformation eines vertrauten Geräusches aus der analogen in die virtuelle Welt ist das Klicken der Digitalkamera. Digitalkameras könnten lautlos fotografieren, das Klicken imitiert das ehedem vom mechanischen Kameraverschluss produzierte Geräusch. Es ist aber mehr als nur eine Reminiszenz: Es signalisiert dem Benutzer, dass ein Foto „geschossen“ wurde und schafft so Orientierung.

Ein Hauptbeispiel für designte Klänge stellen laut Scarzella und Ferreri „Signalklänge“ dar. Die seien „vielleicht nicht unbedingt notwendig“, verbesserten aber Produkte und ihre Leistungen durch das Hinzufügen eines „neuen und dynamischen Kommunikationselements“. Signalklänge zeigen dem Benutzer an, dass das Produkt zu arbeiten beginnt, in Betrieb ist oder seine Aufgabe erledigt hat. Haushaltsgeräte waren mit die ersten Objekte, die entsprechend „angereichert“ wurden. Ihr „Beep“ meldet, dass der Kaffee fertig ist, der Backofen seine Vorheiztemperatur erreicht hat, Waschmaschine oder Geschirrspülmaschine ihre Säuberungsaktionen beendet haben. Früh dabei war auch die Automobilindustrie mit Blinker und Scheibenwischer oder dem Geräusch der ins Schloss fallenden Autotür.

Alexander Wodrichs die Ausstellung ergänzender Beitrag ist zugleich der erste Schritt zur Weiterentwicklung der von Scarzella und Ferreri bewusst als offenes Projekt konzipierten Sammlung. Zu „Klangfamilien“ fasst er etwa den unterschiedlichen „Sound“ der Polizeisirenen in verschiedenen Ländern zusammen oder wie sich das Klingeln eines Telefons im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, der Trailer zur ARD-Tagesschau oder der Jingle beim Hochfahren des Windows-Programms. Gerade anhand dieser „Familiengeschichte“ von Windows 3.1. über Windows 98 bis zu XP lässt sich gut verfolgen, wie schnell sich Klänge verändern und in welch kurzen Zyklen die Industrie inzwischen das Sounddesign aktualisiert.

Von der Frage, wie schnell Klänge „altmodisch“ und nicht mehr gewollt sind, über die, wie schnell wir das akzeptieren, landen wir bei der, wie wichtig, im Sinne von identitätsstiftend, inzwischen der Klang für ein Produkt ist. Noch leben wir in einer Übergangszeit vom Bildzeichen zum akustischen Zeichen, aber wie lange noch? Aber die Ausstellung wirft Fragen auf: Wird das Klangsignal für viele Objekte schon bald wichtiger sein als das visuelle Signal? Wird die Bild-/Klang-Assoziation für die neuen Generationen überhaupt noch notwendig sein? Und was ist mit den lautlosen Elektroautos? Muss für sie ein Klang konzipiert werden?

  ANNE SCHNELLER

Von Anne Schneller

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