Forschung 18.10.2002, 18:22 Uhr

Es irrt der Mensch, so lang er strebt…

Wenn“s ums Geld geht, halten sich die meisten Menschen für kühle Rechner. Doch tatsächlich ist es mit der ökonomischen Vernunft meist nicht weit her, wie die beiden Träger des diesjährigen Wirtschaftsnobelpreises in ihren Arbeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt haben.

Die schwedische Akademie der Wissenschaften hat den Wirtschaftsnobelpreis 2002 an die Pioniere der Psychologischen und experimentellen Wirtschaftswissenschaft vergeben. Der an der Princeton University lehrende US-Professor Daniel Kahneman, gebürtiger Israeli, und Vernon L. Smith von der George Mason University in Fairfax/Virginia teilen sich rund 1 Mio. € Preisgeld.
Ziel von beiden Preisträgern ist die Weiterentwicklung des für Volkswirtschaftler grundlegenden Menschenbildes. Um Aussagen – und Vorhersagen – über das Verhalten der Menschen überhaupt treffen zu können, beschränken die klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Modelle den Menschen meist vereinfachend auf den so genannten Homo oeconomicus.
Dessen Eigenschaften: Er handelt vollkommen rational, ist bei all seinen Taten nur an der Maximierung seines Eigennutzes interessiert, er ist vollständig über alle Alternativen informiert und weiß genau, wie sich seine Entscheidung in der Zukunft auswirken wird.
Zwar lässt sich mit diesen Modellannahmen trefflich arbeiten, doch dass dieses Wesen im wirklichen Leben nicht existiert, ist unter Ökonomen unbestritten. Ein rein rationaler Verbraucher würde sich zum Beispiel nicht zu überstürzten Kaufentscheidungen hinreißen oder durch emotionale Werbung beeinflussen lassen. Und würden nur egoistische Motive eine Rolle spielen, dürften Vertrauen, Rücksichtnahme oder Spendenbereitschaft unter Menschen nicht zu beobachten sein.
Kahneman und Smith untersuchten, wie sich die realen Verhaltensweisen der Menschen von denen des Modells unterscheiden. Sie gaben dem Homo oeconomicus realistischere – und damit menschlichere – Eigenschaften. Der Mensch ist demnach nicht nur rational und nicht immer eigennützig – es kommt auf die Umstände an.
So steigt die Bereitschaft, sich innerhalb einer Gruppe an der Finanzierung gemeinsamer Aufgaben zu beteiligen und damit unegoistisch zu handeln, wenn sicher ist, dass auch die anderen mitmachen. Solche Zusammenhänge lassen sich auch im großen Rahmen beobachten, Stichwort Steuerhinterziehung oder Zahlungsmoral.
Der 68-jährige Kahneman nutzte zusammen mit seinem verstorbenen Mitstreiter Amos Tversky die Psychologie. Tatsächlich liefert diese die Erklärung für viele vermeintlich irrationale Verhaltensweisen (siehe Kasten). Mit seiner „Prospect theory“ hat er ein neues Forschungsfeld geschaffen, auf dem inzwischen viele Volks- und Finanzwissenschaftler tätig sind, so zum Beispiel im Gebiet des Behavioural Finance, in dem vermeintlich irrationales Verhalten von Anlegern an den Börsen analysiert wird – wie die Neigung, Gewinne zu früh und Verluste zu spät zu realisieren.
Während Kahneman die Psychologie in die Wirtschaftswissenschaft einführte, brachte der 75-jährige Smith der Ökonomie das Experimentieren bei. Bis dahin galt für Ökonomen das gleiche wie für Astronomen oder Meteorologen: Für exakte Experimente, wie sie Biologen oder Chemiker ausführen können, war ihr Untersuchungsgegenstand viel zu groß und zu komplex.
Ökonomen blieb nur das Beobachten von wirtschaftlichen Ergebnissen in ganzen Volkswirtschaften und dann die schwierige und kontroverse Suche nach den Ursachen.
Smith fing in den 60er Jahren an, in kleinen Labors mit Versuchspersonen die Funktionsweise von Marktarrangements zu testen. Smith untersuchte beispielsweise, was bei der Deregulierung von bislang monopolistischen oder staatlichen Märkten zu erwarten ist, woran sich wirtschaftspolitische Entscheidungen orientieren konnten.
Die beiden Preisträger sind längst nicht mehr die einzigen Wissenschaftler der psychologischen und experimentellen Ökonomie. Weitere Mitglieder dieser Zunft sind die US-Amerikaner Richard Thaler und Charles Plott sowie die Schweizer Professoren Bruno S. Frey und Ernst Fehr. Letzterer hält die realistischeren Annahmen dieser Forschungsrichtung für „die seit Jahrzehnten folgenreichste Revolution in den Wirtschaftswissenschaften. Wenn sie erfolgreich ist, wird sie eine bessere, relevantere Ökonomik hervorbringen.“
THILO GROSSER

 

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