Kultur 31.12.1999, 17:23 Uhr

Einfluss der Kultur auf das Wirtschaftsleben nimmt zu

So neu ist die Globalisierung nicht. Bereits im 19. Jahrhundert versetzte die Aussicht auf weltweite Kommunikation viele Deutsche in „eine nervöse Spannung“. Wie die Chancen und Grenzen heute zu bewerten sind, schildert Joachim Radkau im folgenden Artikel.

Wilhelm Erb, der führende deutsche Neurologe seiner Zeit, hielt 1893 einen viel beachteten Vortrag „über die wachsende Nervosität unserer Zeit“. Schon da erkennt er eine „ins Ungemessene gesteigerte Konkurrenz“: Amerika drohe „mit seiner rastlosen Tätigkeit, mit seinen unerschöpflichen Hilfsmitteln“ die Alte Welt bis zur Erschöpfung zu hetzen.
Vor 100 Jahren glaubten immer mehr Deutsche, die Nervosität greife wie eine Epidemie um sich und sei das Zeichen der Zeit. Das hatte ziemlich schlagartig um 1880 begonnen. Damals war im Empfinden vieler Zeitgenossen die Entgrenzung der Welt an eine Nervengrenze gestoßen. Bismarcks große Wende von 1879, die Abkehr vom Liberalismus und der Aufbau eines neuen Schutzzoll-Rechtsblocks, war mehr als ein parteipolitischer Schachzug. Er traf sich mit einer psychohistorischen Zäsur: der ersten massenhaften und bewussten modernen Stresserfahrung und der sich ausbreitenden Empfindung, zur Rettung der deutschen Gemütlichkeit brauche man einen Schutz gegen das „Hetzen und Jagen“ der internationalen Konkurrenz. Es war dieser mentale Tiefgang, der dem Bismarckschen Kurswechsel eine so nachhaltige Wirkung gab.
Die Nervenängste jener Zeit wirken aus der Rückschau übertrieben. In der Logik der damaligen Nervensorgen müssten wir heute, nach einem Jahrhundert der weiteren Beschleunigung und globalen Vernetzung, längst alle verrückt geworden sein. Zu unserem Glück ist das bislang anscheinend nur teilweise passiert. Eine Erklärung dafür findet sich darin, dass der Prozess der Globalisierung nicht nur auf äußere Hindernisse stößt, sondern auch in sich Gegenkräfte enthält. Das gilt gerade auch für die Technik. Dies ist umso bemerkenswerter, als Idee und Realität der Globalisierung im Kern der technischen Logik entspringen: Es ist die immer dichtere, immer schnellere weltweite Vernetzung der Verkehrs- und Kommunikationstechnik, die der globalen Konkurrenz eine neuartige Intensität gibt. Betrachtet man jedoch die Technikgeschichte genauer, entdeckt man ein Wechselspiel zwischen Prozessen der Globalisierung und komplementären Gegentrends.
Um 1900 glaubte Friedrich Naumann, die Sonderstellung des Westens in der Technik werde sich nicht lange halten. Es wurde eine der großen negativen Überraschungen des 20. Jahrhunderts, dass der „Technologietransfer“ in viele Weltregionen weit schlechter funktionierte, als man gedacht hatte. Es ist eben eine Täuschung, dass die Technik in der Essenz aus Dingen besteht in Wirklichkeit ist sie eng mit Qualifikationen, Mentalitäten und Kulturen verbunden.
Schon im 19. Jahrhundert zeigte sich, dass gerade der weltweite Konkurrenzkampf zur Herausbildung nationaler Profile führt, die es in so deutlicher Form bis dahin nicht gegeben hatte. Seit der Londoner Kristallpalast-Ausstellung von 1851 wurden die Weltausstellungen zu erregenden Spektakeln der Globalisierung, zugleich jedoch zu Olympiaden der nationalen Profilierung.
Der Weltmarkt ist ohnehin in vielen Bereichen ein mehr oder weniger fiktives Gebilde. Die wirklichen Märkte sind zum großen Teil national oder regional. Denn entscheidend ist letztlich der Kundengeschmack und der ist abhängig von der jeweiligen Kultur. Der Einfluss der Kultur auf das Wirtschaftsleben nimmt in mancher Hinsicht sogar zu, je größer der Anteil des Dienstleistungssektors wird und je mehr es um die Befriedigung differenzierter Bedürfnisse geht.
Die institutionelle Richtung der modernen Wirtschaftswissenschaften hat wiederentdeckt, dass das Wirtschaftsleben – und zwar aus innerer Notwendigkeit heraus – nicht allein durch den Markt, sondern durch vielerlei Institutionen, Regeln und Normen regiert wird. Der Markt selbst entsteht erst durch solche Rahmenbedingungen. Für die Technik gilt das gleiche. Man denke allein an die Sicherheits- und Umwelt-Normen, deren Bedeutung ständig zunimmt! Sie werden von nationalen und regionalen Kulturen beeinflusst und dieser Einfluss nimmt in mancher Weise zu, nicht ab. In den 1960er Jahren verlegte sich die Bundesrepublik auf den Nachbau US-amerikanischer Kernkraftwerke Ende der 70er Jahre dagegen sahen deutsche Kernkraftwerke ganz anders aus als amerikanische: Das war nicht zuletzt der Effekt deutscher Sicherheitsauflagen.
Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde nach US-Vorbild „System“ zum Zauberwort der Technik-Entwicklung. Das war einer der großen Lernprozesse der Technikgeschichte: dass der Schlüssel zum Erfolg oftmals nicht in den Einzelprodukten, sondern in deren Einfügung in größere Systeme liegt. Systeme sind jedoch in der Regel raumgebunden. Je flächendeckender die technischen Systeme werden, desto mehr hängt der Erfolg neuer Systeme an deren Anschlussfähigkeit an die bestehenden. So ist die Magnetschwebebahn vom technischen Prinzip her faszinierend ihr Hauptproblem besteht darin, dass es bereits ein Eisenbahnnetz gibt und ein neues Netzwerk im engen Raum der Bundesrepublik nur unter horrenden Kosten unterzubringen ist.
Eine der größten industriellen Wachstumsbranchen der neuesten Zeit ist der Entsorgungs- und Recycling-Sektor. Auch hier überwiegen regional angepasste Lösungen, globale Standards gibt es dagegen bei Automobilen, nicht jedoch bei der Klärtechnik.
Unter deutschen Intellektuellen ist es seit langem eine ebenso gängige wie gedankenlose Redeweise, die Nation sei ein Relikt aus alter Zeit und durch die moderne Technik überholt. Das ist eine der Ausreden dafür, dass es bei uns anscheinend nicht möglich ist, über nationale Interessen vernünftig zu reden und dabei verschiedene Optionen abzuwägen, ob in der Euro-, der Einwanderungs- oder der Südosteuropapolitik. Oder ist daran, wie es oft heißt, das NS-Trauma der Deutschen schuld? Aber psychologisch ist schwer vorstellbar, dass dieses Trauma bei Menschen, die nach 1940 geboren sind, wirklich existiert. Wichtiger ist vermutlich der insgeheim Glaube, die Deutschen gehörten zu den Gewinnern der Europäisierung und Globalisierung, und daher sei es auf deutscher Seite unklug, von nationalem Interesse zu reden. Aber es ist fraglich, ob diese Tabuisierung der Nation auf einem richtigen Verständnis der Globalisierung beruht. Auf jeden Fall führt sie dazu, dass die Deutschen andere Völker nicht verstehen. Ralf Dahrendorf, der prominenteste Deutsch-Brite, hat die Deutschen aus seiner englischen Erfahrung vor dem wegwerfenden Umgang mit der Nation gewarnt. Der Nationalstaat ist eine Erfindung der Moderne, kein archaisches Relikt.
Hinterlässt das bundesdeutsche Wirtschaftswunder die Lehre, dass die Amerikanisierung der Schlüssel zum Erfolg ist? Viele scheinen das zu glauben. Aber gerade amerikanische Wirtschaftshistoriker haben entdeckt, dass sich deutsche Unternehmen der Wirtschaftswunder-Ära US-Methoden im allgemeinen doch nur sehr zurückhaltend und selektiv zu eigen machten. In der Regel knüpften sie an deutsche Traditionen an, und es scheint, dass sie sich damit vernünftig verhielten. Europas Stärke war stets seine kulturelle und ökologische „Biodiversity“. Nichts wäre absurder, als diese ausgerechnet im ökologischen Zeitalter uniformieren zu wollen.
Dabei werden die Nervengrenzen der scheinbar grenzenlosen Vernetzung immer spürbarer. Aber anders als im „nervösen Zeitalter“ vor 100 Jahren ist es heute Mode, sich „cool“ zu geben, auch wenn man es gar nicht ist. „Grenzenlos“ ist zum Reizwort der Reklame geworden.
Die heutigen Stress-Erfahrungen der Entgrenzung sind noch vielfach unartikuliert geblieben – vielleicht deshalb, weil man die in den inneren Grenzen der Globalisierung enthaltenen Chancen nicht sieht und daher glaubt, Klagen habe keinen Sinn. Aber das menschliche Glück ist untrennbar mit den kleinen Welten, den sozialen und ökologischen Nischen verbunden. Wird man durch die Globalisierung entmutigt, die Frage nach dem Glück zu stellen? JOACHIM RADKAU
Grenzenlos ist zum Reizwort der Werbung geworden, doch das menschliche Glück ist untrennbar mit den kleinen Welten, den sozialen und ökologischen Nischen verbunden.

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