Ernährung 28.01.2005, 18:36 Uhr

Eine Stadt entdeckt ihre Schoko-Seite

VDI nachrichten, Weißenfels, 28. 1. 05 -Weißenfels, einst Schuhmetropole der DDR, gehört zu den Verlierern der Wende. Tausende Jobs brachen weg, viele Bewohner gingen von dannen. Doch durch glückliche Umstände mausert sich die Kreisstadt in Sachsen-Anhalt zu einem Zentrum der Ernährungswirtschaft. Ein Glück, das ambitionierte Kommunalpolitiker festzuhalten suchen.

Weißenfels hat seine Schokoladenseite entdeckt. 50 Paar Hände fertigen hier seit kurzem Nussnougat-Pralinen und Apfelsinenschnitten. Schauplatz ist eine verwaiste Metallfabrik. Ist das schon ungewöhnlich genug, so besteht das eigentlich Kuriose darin, dass man diese süße Fabrikation einem polnischen Vorproduzenten abluchste – und das, obwohl die Stadt bis dato Null Tradition in Sachen Kakaoveredlung besaß. Dennoch entschied sich die Schokoladenmanufaktur „Argenta“ in Wernigerode, fortan wieder daheim zu produzieren. Zum Ansiedlungserfolg befragt, meint Landrat Rüdiger Erben (SPD) nur vielsagend: Er habe sich halt ein wenig „persönlich bemüht“.
Mehr als das jungenhafte Charisma des gerade 37-Jährigen hat die Investoren vermutlich ein gewisser „Drive“ in die 30 000-Einwohner-Stadt gelockt. Denn die Pralinenfertigung ist vorerst nur das Sahnehäubchen für jene neue Schokoladenseite, mit der sich Weißenfels – eine halbe Autostunde südlich von Leipzig – peu à peu zu einer appetitlichen Region mausert.
Hier sprudelt der „Leißlinger Mineralbrunnen“ zum nunmehr größten deutschen Abfüller von Erfrischungsgetränken empor. Hier betreibt das Fleischimperium Tönnies den größten Schlachthof Ostdeutschlands. Hier ging vor wenigen Wochen im frischli-Milchwerk eine neue Produktionshalle für drei hochmoderne H-Milch-Anlagen in Betrieb. Auch Großbäcker Kamps begnügt sich in seiner neuen Produktionsstätte nicht mit kleinen Brötchen. Kuchen aus Weißenfels geht in bundesweit 23 500 Supermärkte.
Diese ernährungswirtschaftliche Ballung verströmt ihren Duft nun auch in tangierende Branchen, wie Landwirtschaft, Automatisierungstechnik und Großhandel. Überdies nimmt im Frühjahr im Gewerbegebiet Zorbau ein neues Feinstwellpappe-Werk der Schweizer Roba Packing AG den Betrieb auf. Auf der Kundenliste stehen Danone, Hipp, Nestlé, Tchibo, Storck und Eckes.
Dabei ist Weißenfels weiß Gott kein Wendegewinner. Vor der Einheit produzierte hier das größte Schuhkombinat im Osten. Doch von dessen Tausenden Mitarbeitern „blieben vielleicht noch 40“, überschlägt Erben. So schrumpfte auch die Einwohnerzahl um fast ein Fünftel. Entsprechend trist wirken ganze Innenstadtzüge: leere Wohnungen, vernagelte Türen, marode Dächer rund um das hübsche Barock-Rathaus. Fast jeder Dritte sei ohne Job, und von diesen „8000 Betroffenen sind rund drei Viertel Langzeitarbeitslose“, so der Landrat. 2002 waren die Löcher im Stadtsäckel so groß, dass Weißenfels zwangsverwaltet wurde.
„Und nun sind wir der gewerbesteuerstärkste Landkreis Sachsen-Anhalts“, frohlockt Erben, der 2001 ins Amt kam. Dabei gab es keinen Masterplan. Es habe halt „viel mit den Glücksfällen des Lebens zu tun“, erzählt er.
Noch zu DDR-Zeiten entstand lediglich ein moderner Schlachthof, der nun von Schalke-Aufsichtsrat Bernd Tönnies erneut erweitert wird. Damit kommen bald 11 000 statt 7000 Schweine täglich an die Haken, und die Belegschaft wächst um ein Viertel auf 1000.
Auch für die frühere Regionalmolkerei interessierten sich die Niedersachsen, um sie in ihre frischli-Gruppe einzugliedern. Als Glücksgriff erwies sich danach der Mut des bodenständigen Geschäftsführers Dieter Gorzki, den DDR-Klassiker „Leckermäulchen“ neu zu beleben. Allein von diesem Fruchtquark produziere man nun 3000 t pro Jahr und sei so „mit einem fast hundertprozentigen Bekanntheitsgrad Marktführer im Osten“. Insgesamt veredle das Werk jährlich 150 Mio. l Milch, die komplett aus der Region stammten, so Gorzki. Bei der Mitteldeutschen Erfrischungsgetränke GmbH in Leißling trieb hingegen alte Familientradition die Investitionen voran. Christian Künzer, Enkel des Firmengründers, bekam den 1972 enteigneten Betrieb zurück. Er begann 1990 klein mit 15 Mitarbeitern und beschäftigt heute 1000 Leute an vier Standorten.
Mittlerweile hat sich aber auch die öffentliche Hand weit geöffnet. Für eine neue Firmenzentrale der Brunnen-Holding steuert die Stadt ein Viertel der Kosten bei, gut 2 Mio. €. Tönnies machte man den Schlachthofausbau mit 4 Mio. € schmackhaft. Und das 25 Mio. € teure Verpackungsmittelwerk bezahlt das Land Sachsen-Anhalt sogar zu 45 %. Immerhin entsteht hier ein in Europa einzigartiges Hightech-Produkt: „Mikro“-Wellpappe – so dick wie gebrauchsüblicher Karton, aber stabiler, leichter und dämmfähiger, zudem besser zu bedrucken. Mithin Eigenschaften, wie sie die Lebensmittel- und Getränkeindustrie schätzt.
Dennoch griffe es zu kurz, den Aufschwung nur auf die finanzielle Förderung zu schieben. Ausdrücklich lobt etwa Roba-Chef Roman Bauernfeind die „ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort“. Was wie eine Floskel klingt, macht Landrat Erben an einer in seinen Augen magischen Zahl fest: zehn. Nur zehn Tage nach Einreichen des Bauantrages begannen schon die Erdarbeiten. Ein Grund dafür war auch eine neue Struktur in der Kreisverwaltung. Ein Genehmigungsamt fasst nun alle Instanzen zusammen – von Bauaufsicht bis Naturschutz. „Ich wollte Kompetenzgerangel ausschalten und verhindern, dass einer die Verantwortung auf den anderen schiebt“, erläutert Erben.
Der 37-Jährige will Macher sein. Um neue Anbahnungen bemüht er sich gern persönlich. Fast wichtiger als Förderzuschüsse hält er dabei ein „passgerechtes“ Reservoir an Arbeitskräften. Denn trotz der Jobnot suche eine ganze Reihe Unternehmen „händeringend geeignete Leute“. Aber das spiele in den Förderstrategien selten die erste Geige, moniert er.
Die Weißenfelser sehen gerade hierin ihre Chance. So etablierten Stadt und Kreis am Berufsschulzentrum den Ausbildungsschwerpunkt Ernährung, und die IHK kreierte sogar ein neues Ausbildungsprofil – den Industriemeister Ernährungswirtschaft. „Wir bilden also gezielt für Investoren aus“, sagt Erben. „Hätten wir hier sonst je eine Schokoladenmanufaktur herbekommen?“
Dennoch steht man bei jeder Neuansiedlung vor der selben Crux: Moderne Technik ersetzt Personal. Mithin macht sich Erben nichts vor: Gut die Hälfte der rund 8000 Arbeitslosen bekomme er auch nicht bis 2010 „von unserer Gehaltliste“, wie er mit Blick auf Hartz IV sarkastisch meint. Bei der anderen Hälfte sieht er „reale Chancen“. Zumindest „alle bis 25“ wolle man in feste Arbeit bringen, gibt er sich kühn: „Notfalls mit ein bissel Druck.“ 14,5 Mio. € stehen 2005 für Maßnahmen bereit, wie Ein-Euro-Jobs, ABM oder Umschulungen.
Als bundesweiter Vorreiter beweist sich Weißenfels übrigens auf einem ingenieurtechnischen Feld. Denn der Landrat stellte den Wasserhaushalt der Region gewissermaßen „unter Kuratel“. Dazu schloss die regionale Wasserbehörde mit der Privatwirtschaft einen Kontrakt, wie ihn das deutsche Wasserrecht noch nicht kannte.
Auslöser für das Grundwasser-Monitoring ist ebenfalls die boomende Ernährungsbranche. Denn während die Weißenfelser Stadtwerke mehr Wasserentnahmerechte besitzen, als sie je benötigen, tröpfelte es beim Mineralbrunnen bereits recht dünn. So aber erhalte nun jeder die Menge, die er brauche, versichert Erben.
Erfreulicher Nebeneffekt: So sprudelt ihm eine Vielzahl detaillierter Fakten zu Wasserqualität, Reservoiren und geologischen Zuständen ins Landratsamt. Denn Firmen, die von gutem Wasser leben, wie frischli und Leißlinger, verfügten diesbezüglich „über mehr Know-how, als sich eine Behörde je leisten könnte“. Nunmehr könne man „gemeinsam auf Probleme reagieren, lange bevor sie ein Wässerchen trüben“.
Dem Ostdeutschen Sparkassen- und Giroverband war dieses Pioniermodell einen „Unternehmerpreis 2004“ wert.HARALD LACHMANN

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