VDI 19.05.2006, 19:21 Uhr

„Eine Maschine ist nicht neutral“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 5. 06, Fr – Der Ingenieur stellt, so heißt es in einem Ethik-Kodex des VDI aus den 50er-Jahren, seine Arbeit in den Dienst der Menschheit. Wie schwer es aber für Ingenieure ist, in einer Welt, in der eine Technologie wie die Telekommunikation die soziale Realität dramatisch verändert, im operativen Geschäft über die Folgen ihrer Arbeit nachzudenken, erläuterte der Autor und Publizist Daniel Goeudevert. Er war Festredner auf der 150-Jahr-Feier des VDI in Berlin.

„Automobilisierung, Industrialisierung, elektronische Medien und moderne Telekommunikation etwa haben die soziale Wirklichkeit auf eine Weise und in einem Ausmaß verändert, wie es sich die Pioniere des Fortschritts ganz sicher nicht haben ausmalen können“, stellte er fest. Diese Veränderungen, die sich zwar beschreiben lassen, seien aber gar nicht so leicht auf den Begriff zu bringen, weil sich die entscheidenden Verwandlungen sozusagen „subkutan“ ereignet hätten. „Das Wesen des Fortschritts besteht nicht so sehr in Beschleunigung, Rationalisierung, Qualitätsverbesserung, das Wesen des Fortschritts“, entwickelte der ehemalige Auto-Manager seine Gedanken weiter, „ist eher darin zu suchen, was all die fortschreitenden Maßnahmen mit uns gemacht haben bzw. mit uns machen.“

Wie eine solche Durchdringung funktioniert, lässt sich nach Goeudevert an aktuellen Beispielen wie etwa der Computer- oder der Handy-Generation illustrieren. Zur Erläuterung dieser Zusammenhänge gestattete er sich allerdings einen Ausflug in die Vergangenheit. „Mein Beispiel hat sich in meinem Heimatland, in Frankreich, ereignet und ist alles andere als irgendein beliebiges Beispiel.“

Es ist die Geschichte der Guillotine. Diese Maschine, die nichts produziert und gleichwohl das Urbild einer seriellen Produktionsweise darstellt, markiert einen tief greifenden Paradigmenwechsel. Dieser Paradigmenwechsel lasse sich aber weder mit rationalen, noch mit moralischen Kategorien vollständig erfassen, meinte Daniel Goeudevert. Die Hinrichtung durch die Guillotine sei zweifellos „sauberer“, und das Ansinnen des Monsieur Guillotin war ebenso zweifellos „gut gemeint“. „Nein, die Gefräßigkeit der Guillotine entsteht dadurch, dass man ihr, als einer apersonalen, gleichsam übersubjektiven Instanz, Verantwortung übertragen kann. Die Maschine wird zu einer Art Blackbox, in die sich alle möglichen Motive und Wünsche projizieren lassen.“

Am Ende seien die menschlichen Träger dieser Motive und Wünsche nicht mehr zu erkennen. Etwas passiere, aber niemand sei es gewesen. „Das heißt, die Maschine entlastet nicht nur von Arbeit – wobei man die Henker als erste Rationalisierungsopfer betrachten könnte – , sie entlässt den Menschen auch ein Stück weit aus der Verantwortung. Und diese Nebenwirkung verändert unser Denken, unsere Einstellungen, unsere Verhaltensweisen.“

Eine Maschine, eine technische oder technologische Neuerung lasse sich eben nicht auf ihre Funktion reduzieren. „Sie ist nicht neutral“, betonte Publizist Goeudevert mit Nachdruck. “ Sie enthält einen Wirkungsüberschuss. Sie beeinflusst immer auch den politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen oder ökologischen Kontext, in dem sie zum Einsatz kommt.“

Die Folge dieser Entwicklung umriss er mit wenigen Worten: „Es gibt kaum noch einzelne Personen, die selbst ihren Spezialbereich vollständig zu überblicken imstande sind, geschweige denn, die anderen Wirklichkeitsbereiche, in die eine etwa im Team entwickelte technische Lösung hineinwirkt.“ Wie solle da, fragte er hypothetisch, das Spektrum der Wirkungsmöglichkeiten noch überdacht werden? Diese Komplexität mache die Sache mit der Verantwortung natürlich ungeheuer kompliziert. Hoffnungslos sei die Situation trotzdem nicht, verantwortliches Handeln bleibe möglich.

Um verantwortlich zu handeln, bedürfe es als erster Grundvoraussetzung zunächst einmal eines Problembewusstseins. „Und ein solches Problembewusstsein, da bin ich mir ganz sicher, ist bei Ingenieurinnen und Ingenieuren mittlerweile sehr ausgeprägt.“ Als zweite Grundvoraussetzung für verantwortliches Handeln nannte Goeudevert eine klare, handlungsweisende ethische Orientierung.

Die Situation sei für Ingenieure aber auch deshalb so schwierig, weil sie ihre Arbeit zunächst einmal nicht im Dienste der Menschheit, wie es in einem Ethik-Kodex des VDI aus den 50er Jahren heißt, sondern im Dienst des Unternehmens, einer Firma, eines konkreten Auftraggebers ausführen. „Was aber eine Unternehmens- oder Firmenleitung heute für geboten hält, kann sich morgen durchaus als schlechter Dienst an der Menschheit erweisen. Was aber macht ein Ingenieur, wenn er diese Sorge hat? An wen kann er sich wenden?“

„Mir ist bewusst, dass Sie heute in den Betrieben unter großem Konkurrenzdruck“, sprach Daniel Goeudevert die Zuhörer direkt an, „und deshalb unter permanentem Innovationszwang stehen. Marketing und Absatz geben die Schlagzahl vor.“ Und weiter: „Aber ich frage mich, ob es auf dem Weg zu immer mehr Perfektion überhaupt noch darum geht, Leben leichter zu machen. Ich frage mich auch, ob die Entwickler eines neuen Produkts immer über den Sinn ihres Tuns nachdenken, über die Funktion des Produkts, den Benutzer, den Menschen.“

Was also macht ein Entwicklungsingenieur in der Industrie, der angesichts der absehbaren Entwicklung erkennt, dass es heute nicht mehr nur darum gehen kann, bessere Autos als die Konkurrenz zu bauen? Dass es vielmehr darum gehen müsse, nach neuen Lösungen zu suchen, neue Antriebsarten und Modelle zu entwickeln, die eine ökologisch und sozial verantwortbare Mobilität auch in Zukunft gewährleisten können? Und der ebenfalls erkennt, dass nur, wer hierauf als Unternehmen Antwort findet, damit letztlich auch seinen ökonomischen Fortbestand sichern kann?

Was also macht ein Ingenieur mit solchen Erkenntnissen? „Ich denke, hier bestünde eine der Hauptaufgaben gerade des VDI darin, künftig noch stärker als bisher als Resonanzboden für das Neue zu fungieren.“ Die Ingenieurinnen und Ingenieure sitzen an den Schnittstellen zwischen Altem und Neuem und sind dadurch wie kaum eine andere Berufsgruppe aufgerufen, vorauszuschauen. „Und das heißt nicht, nach neuen Absatzmärkten Ausschau zu halten“, so das Resumee von Daniel Goeudevert, „sondern Antworten auf zukünftige Anforderungen zu suchen sowie bedarfs- und marktgerechte Produkte zu entwickeln. Sie dabei zu unterstützen, dem Neuen Raum zu geben und im Zweifel auch in die Unternehmen hineinzuwirken, dazu sind vor allem die Politik sowie die Interessen- und Berufsverbände aufgefordert.“ 

Von Gregor Frechen Tags:

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