Ausstellung 01.02.2013, 11:51 Uhr

Durch die Jahrhunderte den Durchblick behalten

Es gibt Erfindungen, ohne die wäre die Menschheit nicht das, was sie heute ist. Die Brille ist eine davon. Durch drei Jahrhunderte Brillengeschichte führt jetzt eine Ausstellung im Museum im Klosterhof in Lauffen am Neckar. Dass sie zustande kam, ist dem zufälligen Zusammentreffen des Museumsleiters Volker Friebel mit dem Optikermeister und Sammler Peter Schumacher zu verdanken.

Eine der historischen Brillen der Brillen-Retrospektive in Lauffen. Brillen waren immer auch ein Markt der Eitelkeiten.

Eine der historischen Brillen der Brillen-Retrospektive in Lauffen. Brillen waren immer auch ein Markt der Eitelkeiten.

Foto: Museum Lauffen

„Alles begann damit, dass ich als Lehrling von meiner Chefin drei alte Zwicker geschenkt bekam“, erzählt der heute 70-Jährige. Rund 1200 Exponate, von denen viele aus England, Frankreich und den USA stammen, hat er seitdem auf Auktionen, Sammlerbörsen und Messen erstanden. 400 davon sind bis zum 24. Februar in der Schau „Vom Lesestein zur Kontaktlinse“ zu sehen.

Die Ausstellung zeigt seltene Kostbarkeiten, aber auch alltagstaugliche Sehhilfen. Zu den Raritäten gehört eine Scherenbrille, deren zwei übereinanderklappbare Arme aus Gold gearbeitet und zum Teil mit bemalter Emaille überzogen sind. Sie wurde 1810 von einem russischen Adligen bestellt, aber nie bei dem französischen Optiker abgeholt. Ein weiteres Unikat besteht aus einer durchgesägten Münze, in die eine Leselupe eingearbeitet wurde. Auch ganz eigenwillige Konstruktionen hält die Ausstellung parat, zum Beispiel eine Kombination aus Brille und Hörrohr oder eine sogenannte Lazarettbrille, durch die der Träger über eine Halterung gleichzeitig mit Sauerstoff versorgt werden konnte.

Brillen waren immer auch ein Markt für Eitelkeiten

Brillen waren jedoch nicht nur Sehhilfen. Bis heute beliefern sie den Marktplatz der Eitelkeiten. Sie sind Zeugen gesellschaftlicher Entwicklungen – mal geächtet, mal gefeiert. Goethe, der selbst kurzsichtig war, fand, dass „Brillen den Eindruck des Unhöflichen machen“, und auch Beethoven äußerte sich abfällig über seine Augengläser. Die Brillenhersteller selbst waren dagegen sehr geachtete Handwerker. Die Fertigung des schon im 15. Jahrhundert in Venedig entwickelten Murano-Glases, das völlig durchsichtig war und sich deshalb auch sehr gut zur Brillenherstellung eignete, unterlag der absoluten Geheimhaltung. „Die Glasherstellung war Staatsgeheimnis“, erzählt Peter Schumacher. „Deshalb war es den Brillenmachern auch verboten, den Wohnort zu wechseln. Wer dagegen verstieß, musste mit dem Tod rechnen.“ In einem Beschluss aus dem Jahr 1554 hatte der vereinigte Rat von Venedig beispielsweise festgelegt, „den flüchtigen Pietro de Vetor, der sich in Wien aufhält, und den Antonio Victori, der in Florenz weilt, aus dieser Welt entfernen zu lassen“.

Wann die Geschichte der Brille ihren Anfang nahm, ist heute nicht mehr genau zu beziffern. Sicher ist, dass die ersten Sehhilfen ausschließlich gegen die Altersweitsichtigkeit eingesetzt wurden. Noch bis Mitte des 16. Jahrhunderts glaubte man, Kurzsichtigkeit sei eine Erscheinung der Jugend, die sich mit zunehmendem Alter auswachsen würde. Im Mittelalter verwendete man Lesesteine aus Kristall, die von einem Wort zum nächsten geschoben wurden. Die ältesten Brillenfunde reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Sie wurden in Büchern entdeckt, zum Teil bei Renovierungsarbeiten hinter Wandvertäfelungen und unter Holzböden, in deren Ritzen sie verschwunden waren, gefunden. Diese Nietbrillen bestanden aus zwei Linsen, die in einer runden Fassung aus Holz steckten und an einem kurzen Stil vor die Augen gehalten wurden. Nachteil war, man hatte nie beide Hände frei.

Frühe Brillen mit Bändern und Stirnreifen

Diesem Problem versuchten die Brillenmacher mit den unterschiedlichsten Techniken beizukommen. Die Ausstellung zeigt unter anderem Sehhilfen, die mit Bändern und Riemen hinter dem Kopf zusammengeknotet wurden und Brillen, die aus einem Stirnreif bestanden, an dem die Gläser baumelten. Speziell war die sogenannte Mützenbrille, die über eine Stange unter der Perücke oder dem Hut befestigt wurde. Sie galt als typisches Damenaccessoire, weil Frauen – im Gegensatz zu Männern – bei der Begrüßung ihre Kopfbedeckung nicht abnehmen mussten. Die Schläfenbrillen wurden am Kopf festgeklemmt und waren nicht selten Ursache für die Kopfschmerzen ihres Trägers. Auf die Idee, Brillen mit zwei elastischen Rundbögen hinter den Ohren zu befestigen, kam man übrigens erst im 19. Jahrhundert und nahezu nochmal ein Jahrhundert sollte es dauern, bis die Ohrenbrille sich endgültig durchgesetzt hatte.

„Jahrhunderte lang empfanden die Menschen ein ,Aber‘ gegenüber Brillen. Fehlsichtigkeit galt als Schwäche, die man besser verstecken sollte“, erzählt Peter Schumacher. In den adligen Kreisen des 17. und 18. Jahrhunderts wurden die Sehhilfen deshalb als Schmuckstück getarnt oder in kunstvollen Etuis versteckt. Raffinierte Klappvorrichtungen, Schiebemechanismen und Faltmöglichkeiten verbargen die Linsen auf kleinstem Raum unter wertvollen Verzierungen aus Gold, Silber und Edelsteinen.

Der Mann von Welt nutzte den Zwicker

Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und dem Aufkommen einer wohlhabenden Bürgerschicht begann man offensiver mit dem Makel der Fehlsichtigkeit umzugehen. Die Lorgnette – zwei Gläser, die an einem Stiel gehalten wurden – entwickelte sich zur Brille für die Dame, der Mann von Welt nutzte den neu erfundenen Zwicker, später das Monokel. Aber auch diese Sehhilfen unterlagen gesellschaftlichen Regeln. Untergebene durften sich ihren Vorgesetzten nicht mit Brille nähern und bei der Begrüßung musste der Kneifer abgenommen werden. Ein rückhaltloses „ja“ zur Brille beobachtet Peter Schumacher eigentlich erst seit ein paar Jahren. In den 60ern sei die Brille endgültig zum optischen Geständnis dessen geworden, der sie trägt, sagt er. Die in der Ausstellung vertretenen Modelabels von Dior bis Nina Ricchi bestätigen diese Entwicklung, die dazu beitrug, dass Künstler wie Elton John oder Woody Allen damit ihr ureigenstes Image kreieren konnten.

  • Monika Etspüler

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