Kultur 16.11.2001, 17:31 Uhr

Dorn im Fleisch

Einen „Speer durch den Speer“ habe er bei seinem neuen „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände“ in Nürnberg getrieben, beschreibt der Grazer Günther Domenig seine Architektur. Vor zwei Wochen wurde dort die Ausstellung „Faszination und Gewalt“ für die Besucher geöffnet.

Domenig hat Recht. Wie ein Stachel bohrt sich das neue Gebäude schräg durch den Nordflügel der alten Nazi-Kongresshalle auf dem ehemaligen Parteitagsgelände. Einen 130 m langen Gang aus Glas und Stahl hat der Architekt entworfen, der real und sinnbildlich die Herrschaftsarchitektur der Kongresshalle durchschneidet. Es ist gerade dieser destruktive Schnitt, der plumpe Monumentalität und strenge Geometrie des Nazibaus durchbricht. „Mit dem Bruch des rechtwinkligen Systems setzt Domenig ein Zeichen zeitgenössischer Architektur und bezieht eine überzeugende Gegenposition“, sagt Annekatrin Fries vom Dokumentationszentrum.

Diagonal räumlich durchdringt der zu „Stahl und Glas gewordene Stachel“ das Gebäude und schwebt im Luftraum des Innenhofes der Kongresshalle. Dort steht der Besucher in luftiger Höhe auf transparentem Boden über dem Abgrund. Unzweideutig ist hier die Abgrenzung von der nationalsozialistischen Architekturideologie, was nichts ändert am Schauder des Authentischen, der vom im Rohzustand belassenen, unvollendeten Originalbau ausgeht.

„Der Pfahl ist die Längs- und vertikale Haupterschließung aller vorgesehenen Funktionsbereiche und in aller Deutlichkeit und als Zeichen durchgebildet“, erklärt Domenig. „Bei der Realisierung des Entwurfes ging nichts von der großartigen Idee verloren“, sagt Professor Dr. Walter Anderle, Baureferent der Stadt Nürnberg. „Im Gegenteil, bereits die ersten entscheidenden Bauabschnitte belegten für jedermann sichtbar die Qualität des spektakulären Entwurfs.“

Die Bauausführung war nach seinen Worten allerdings vor schwierigste Aufgaben gestellt. So musste an verschiedenen Stellen das 2 m dicke Mauerwerk durchschnitten werden. „Bei diagonalen Durchdringungen vergrößerte sich dies bis auf 5 m“, berichtet er. Der Einsatz modernster vermessungstechnischer Methoden habe die Präzision der Passformen garantiert.

Anderle zufolge waren während der Bauzeit umfangreiche Sicherungsmaßnahmen notwendig. Grund waren die vorhandenen Baumaterialien – Hartbrandziegel und hochwertiger Beton –, die den Abbrucharbeiten einen unerwartet großen Widerstand entgegen setzten. „Von statisch besonderer Schwierigkeit erwies sich das an zwei Unterzügen hängende Kino in der Empfangshalle“, erklärt er.

Was die Bauabwicklung betrifft, so hatten es die Beteiligten hier mit einem enormen Termindruck zu tun. Detailplanungen, Abstimmungen, auch europaweite Ausschreibungen für rund 30 Gewerke mussten teilweise parallel erfolgen. „In nur 19 Monaten vom Baubeginn im Januar 2000 bis zur termingerechten baulichen Fertigstellung im Juli 2001 wurden insgesamt zirka 12 Mio. DM verbaut“, sagt der Baureferent. Die moderne Technik kam dabei nicht nur beim Bau zur Hilfe. So sei die Verständigung zwischen den Bauleitern vor Ort, der städtischen Bauverwaltung und dem Büro Domenig per e-mail erfolgt. Die Postlaufzeit hätte sonst die zeitlich engen Fristen völlig gesprengt. Am Ende beliefen sich die Baukosten auf insgesamt 21,5 Mio. DM, von denen Bund, Land und Stadt jeweils ein Drittel übernahmen.

Allein durch seine Architektur ist das Dokumentationszentrum an sich schon ein Ausstellungsstück: Transparenz schlägt Monumentalität, filigraner Stahl ist stärker als meterdicker Stein. Doch auch die Vorgeschichte des Bauwerks regt zum Nachdenken an und hat durchaus Parallelen. So hat das Reichsparteitagsgelände viel gemeinsam mit dem Berliner Gestapogelände an der ehemaligen Prinz-Albrecht-, der heutigen Käthe-Niederkirchner-Straße. Jahrzehntelang wurde die braune Vergangenheit beider Areale verdrängt. Zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte ihre Bedeutung während des Dritten Reichs erst Mitte der 80er Jahre. Jedoch reichte es zunächst lediglich zu kleinen, provisorischen Ausstellungen. Erst in den 90er Jahren rangen sich die Verantwortlichen dazu durch, die Provisorien durch dauerhafte Präsentationen zu ersetzen. Beide werden erst im 21. Jahrhundert eröffnet, zwei Generationen nach dem NS-Regime.

Die Ähnlichkeiten sind nicht nur äußerlich. Das Nürnberger Dokumentationszentrum und die Berliner „Topografie des Terrors“ erinnern beide vor allem an Täter, nicht wie die KZ-Gedenkstätten oder das künftige Holocaust-Mahnmal im Zentrum Berlins an die Opfer. „Opfer gibt es nicht ohne Täter, und wo wir an Täter erinnern, da gedenken wir auch der Opfer“, sagte denn auch Bundespräsident Johannes Rau bei der Eröffnung des Dokumentationszentrums.

„Das Dokumentationszentrum versteht sich als erster Schritt, um zu einer längst notwendigen Gesamtkonzeption für die zukünftige Lösung des 380 ha großen Geländes zu gelangen“, erklärt Walter Anderle. Für den multifunktionalen Raum müsse eine Lösung gefunden und dann mit „langem Atem“ umgesetzt werden. Diese Lösung müsse sowohl auf die historischen Gegebenheiten vor 1933 eingehen als auch die etablierten Funktionen untereinander verträglich gestalten. Nicht zuletzt sei es wichtig, dass die verbliebene Substanz des Nazi-Erbes mittels überzeugendem Informationssystem möglichst kontrastierend ergänzt und verknüpft werde.

Im Februar 2001 hat die Stadt Nürnberg nach seinen Worten dazu einen städtebaulichen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Insgesamt hätten sich 184 Büros in 82 Planungsteams beteiligt. Die Ergebnisse lägen seit August 2001 vor. „Die Jury konnte leider kein herausragendes Konzept mit einem 1. Preis auszeichnen“, meint Anderle und erklärt dies damit, dass es wohl an der außergewöhnlich komplexen und schwierigen Aufgabenstellung lag. „In vielen Arbeiten wurden aber interessante und verwertbare Teillösungen vorgeschlagen.“ Die Nürnberger Bauverwaltung werde nun Gespräche mit den Planern sprechen, um Rahmenbedingungen für die weitere Entwicklung zu formulieren. „Auf dieser Grundlage ist dann das Leitbild für deb künftigen multifunktionalen Raumes zu erstellen“, so Anderle. T. SCHULZE/wip

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