Kultur 24.10.2008, 19:37 Uhr

„Diese Dynamik in China fasziniert mich“

Ulrich Walker ist seit 2006 Daimler-Chef der Region Nordostasien (Festlandchina, Hongkong und Macau). Zuvor war er Smart-Chef und in der Führung von Mitsubishi tätig. In diesem Jahr machte er als Jury-Mitglied beim Mondialogo-School Contest mit, einer Daimler- und Unesco-Initiative, die das kulturelle Miteinander fördern soll. Mit den VDI nachrichten sprach er über interkulturelle Kompetenz und seine Erfahrungen in China.

Walker: Wichtig ist, dass sich die Betroffenen mit der Kultur wirklich beschäftigen und kulturelle Unterschiede erkennen. Ich werde nie ein Chinese werden, ich bleibe immer Deutscher, aber das Wichtige ist, dass man die Kultur versteht, weiß, wo die Fettnäpfchen sind und auf kulturelle Gepflogenheiten Rücksicht nimmt.

VDI nachrichten: Selbst wenn alles gut geht, bleibt ein so genannter Kulturschock doch wohl nicht aus?

Walker: Einen Kulturschock gibt es nur, wenn man sich nicht positiv auf das Land, in das man geht, einstellt.

VDI nachrichten: Welche Besonderheiten haben Sie in China ausgemacht?

Walker: Sämtliche Themen werden hier viel schneller angegangen. Diese Dynamik in China fasziniert mich. Das gilt auch für die Geschwindigkeit, mit der hier Entscheidungen getroffen werden. Sicher ist dabei zu berücksichtigen, dass das System hier anders ist.

VDI nachrichten: Worauf ist in China besonders zu achten?

Walker: Wie überall in Asien ist es wichtig, dass man zuallererst einmal zuhört. Es ist wichtig, dem Gegenüber Aufnahmebereitschaft zu signalisieren und erst am Schluss die eigene Meinung kundzutun. Das ist anders als in der westlichen Kultur, wo alle relativ schnell ihre Meinung sagen

VDI nachrichten: Welche Fettnäpfchen gibt es für Ausländer in China?

Walker: Wir sollten uns hier aus politischen Themen heraushalten. Das ist nicht unsere Aufgabe. Das sind nicht meine Themen. Zudem ist es nicht angebracht, sich herauszuheben der Menge. Das ist in China so wie in Japan. Sie müssen als Chef nicht der Wortführer sein. Es ist nicht immer der Boss oder Chef, der am lautesten und am meisten redet. Oft ist es sogar gerade der Chef, der am wenigsten redet.

VDI nachrichten: In welches Fettnäpfchen sind Sie selbst zuerst getreten?

Walker: Obwohl ich wusste, dass man sich am Anfang zurückhalten sollte, habe ich zu schnell meine Meinung gesagt. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, mich zurückzunehmen. Das kann ich in der Zwischenzeit so gut, dass dann in Deutschland vielleicht sogar gedacht wird: „Warum sagt der jetzt nichts?“ (lacht).

VDI nachrichten: Mit welchen Erwartungen kommen Manager und Ingenieure hier an und was sagen Sie denen?

Walker: Ich sage denen, dass sie auf die Kultur Rücksicht nehmen müssen, nicht so hohe Erwartungen haben sollen. Dass sie hierherkommen, auch um zu lernen. Dass sie nicht einfach nur hier sind, in einem fremden Land, um den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu machen.

VDI nachrichten: Was haben Sie persönlich gelernt?

Walker: Dass die Chinesen extrem gut verhandeln können, ein außergewöhnliches Durchhaltevermögen haben. Sie kennen die Storylinie ganz genau, aber sie gehen Schritt für Schritt vor. Wir Deutsche kennen das Ziel und sagen relativ schnell, wohin wir wollen, die Chinesen sagen das relativ spät.

VDI nachrichten: Sind die Mitarbeiter hier überwiegend Chinesen?

Walker: Wir beschäftigen in unseren Joint-Ventures 98 % Chinesen. Von den 2200 Mitarbeitern sind in etwa 40 Expats.

VDI nachrichten: In Deutschland ist von Fachkräftemangel die Rede. Wie sieht es hier mit Fachkräften aus? Es soll sehr viele Ingenieure geben. Welches Ausbildungsniveau hat China?

Walker: Das Ausbildungsniveau hier ist gut. Ingenieure, BWLer und andere Berufsgruppen haben gute Grundlagen, ihnen fehlt noch die Erfahrung, die müssen wir ihnen geben. Sie sind sehr wissensdurstig, das fasziniert mich.

VDI nachrichten: Wie hoch ist bei Ihnen die Fluktuation?

Walker: Sie war deutlich höher, wir haben sie unter 10 % bekommen. Wir haben umfangreiche Programme gestartet, wir machen family days, wir haben social clubs, wir tun viel, um die Mitarbeiter an uns zu binden. Wir im Management versuchen zudem in persönlichen Gesprächen, die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass Loyalität wichtig ist – wie in einer Familie.

VDI nachrichten: Wie viel verdienen Ingenieure bei Daimler in China?

Walker: Das Gehalt liegt im Monat je nach Qualifikation zwischen 1200 ‹ und 3000 ‹ bis 4000 ‹. Gut qualifizierten Leuten müssen Sie annähernd so viel bezahlen wie bei uns in Deutschland.

VDI nachrichten: Bieten Sie noch Incentives an?

Walker: Wir bieten beispielsweise ein Pensionsprogramm an. Zudem können Mitarbeiter nach zwei Jahren Zugehörigkeit einen Mercedes zum Vorzugspreis bekommen. Es ist hier ganz wichtig, Mitarbeiter und ihre Familien im Unternehmen zusammenzubringen, damit die Familie das Unternehmen erlebt, so wie beim familiy day.

VDI nachrichten: Die Ingenieur-Absolventen in China sind deutlich jünger als in Deutschland?

Walker: Ja. Ich hatte erst vor ein paar Wochen wieder eine Diskussion darüber. Das ist ein großer Nachteil des deutschen Bildungssystems, dass die Absolventen größtenteils fünf Jahre älter sind als in diesem Land. Es gibt zwar in Deutschland jetzt den Bachelor, aber ich glaube, die Thematik fängt noch früher an. CLAUDIA HANTROP

 

Von Claudia Hantrop

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