Ausstellung 18.12.2009, 19:44 Uhr

Die Welt eines humorvollen Genies erkunden  

Das Heinz Nixdorf-MuseumsForum (HNF) in Paderborn ist immer eine Reise wert. Jetzt lockt zusätzlich eine Schau der skurrilen Apparate, die der US-Ingenieur, Mathematiker und Pionier des Computerzeitalters Claude Shannon entwickelt hat. Er gilt als „Vater des Bits“. VDI nachrichten, Düsseldorf, 18. 12. 09, cha

Einen hohen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit hat Claude Shannon (1916-2001) nicht, dabei haben wir ihm alle so viel zu verdanken, denn der Wissenschaftler legte die Fundamente für die gesamte digitale Technologie. Nach dem Studium arbeitete er am MIT und am Institut für Advanced Studies in Princeton, wechselte aber 1941 zu den Bell Telephone Labs. Sieben Jahre später schreibt er in seinem bahnbrechenden Aufsatz „A Mathematical Theory of Communication“ erstmals, dass Datenschübe, in binäre Codes zerlegt, besser transportiert werden können. Er nutzte den Begriff Bit (Binary Digit). Ein Jahr später schrieb er seine „Communication Theory of Secret Systems“, die wissenschaftliche Basis für die Kryptologie im digitalen Zeitalter. Häufig diente die Forschung der Rüstungsindustrie.

Claude Shannon soll ein zurückhaltender, überaus humorvoller Mann gewesen sein, der seine jeweiligen Forschungsthemen gern ins Privatleben übertrug. Der hochbegabte Wissenschaftler arbeitete in seiner Freizeit an Jonglierrobotern, Schachcomputern und programmierbaren Blechmäusen. Als er bis 1978 Professor am MIT war, sahen ihn die Kollegen auch schon mal auf seinem selbst gebauten Einrad jonglierend durch die Flure fahren. Niemand nahm es ihm übel, letztendlich wurde ihm sogar gewährt, den Lehrbetrieb an den Nagel zu hängen und sich ganz seinen Apparaten zu widmen, bei vollem Bezug des Gehalts. Genialität lässt sich nicht in Bürozeiten quetschen.

Erstmals in Europa sind nun einige der Apparate des Genies im Rahmen der Ausstellung „Codes und Clowns“ im HNF zu sehen. Manche sind komplett nutzlos, andere sind Zeugnisse wegbereitender innovativer Entwicklungen. Lange standen die Exponate in einer eher unbeachteten Ecke des MIT-Museums in Massachusetts. Dort entdeckte sie ein Mitarbeiter des HNF. Und weil schon bei der erfolgreichen Ausstellung „Zahlen, bitte!“ ein Shannon-Apparat zu sehen war, entschloss sich Projektleiter Norbert Ryska, auch die anderen Kuriositäten in Bezug zu Biografie und Geschichte der Informationstechnik auszustellen. „Wir haben die Ausstellung auch konzipiert, um den Typus Wissenschaftler-Erfinder, wie ihn Shannon beeindruckend verkörpert, unseren jungen Besuchern zur Nachahmung zu empfehlen. Wir brauchen tausend Shannons in der deutschen Wissenschaft und Industrie“, so HNF-Geschäftsführer Norbert Ryska.

Oft waren es einfache Baukastensätze, gekauft von Ehefrau Betty, die Shannon als Grundlage für seine selbst gelöteten Preziosen verwendete. Und wer in sein Haus kam, wurde nach Zeitzeugenaussagen „verrückt“ wegen Shannons „Ultimate Machine“. Ein zigarrenkistengroßer Kasten mit einem Hebel, der stets in der Aus-Position verharrt. Drückt der Neugierige den On-Knopf, ertönt ein Brummen und eine Hand fährt aus, die den Schalter wieder auf Aus legt, die Kiste verstummt. Eine Spielerei, die aber viel über den Schalk in Shannons Geist ausdrückt. In Paderborn steht ein Nachbau dieser Maschine.

Shannons Maschinen sind in Paderborn kreisförmig angeordnet. Aus konservatorischen Gründen sind sie nicht elektrifiziert, Filme zeigen die Funktionsweise und Aktionen. Wie immer haben die Paderborner auch einen pädagogischen Ansatz gewählt und die Besucher können an diversen Stationen selbst ein wenig den Prinzipien Shannons nachspüren. „Ich habe viel Zeit mit vollkommen nutzlosen Dingen verbracht“, sagte Shannon im betagteren Alter.

Auf einer großen Leinwand erklärt Shannon im Film selbst auch die Funktionsweise seines „Theseus“. Eine Blechmaus fährt auf magnetischen Rädern durch ein Metall-Labyrinth und ertastet sich mittels kupferner Schnurrbarthaare den Weg. Das war Anfang der 50er-Jahre.

Theseus hat keinen eigenen Antrieb, aber einen Stabmagneten im Bauch. In der Maschine fährt ein Elektromagnet auf zwei Achsen und steuert die Maus oben auf der Platte. Trifft die Maus auf eine Wand, schließt ein elektrischer Kontakt und die Maschine dreht um. Magnet-Schalter erkennen, wo Theseus eingesetzt wird – die automatische Suche beginnt.

Bei der ersten Erkundung steuert ein Trial- and Error-Verfahren die Suche. Im zweiten Zustand kann die Maschine bekannte Wege abrufen und das Ziel direkt ansteuern. Theseus ist eines der ersten Beispiele für lernfähige Maschinen überhaupt. Um den Algorithmus zu implementieren und die bekannten Wege zu speichern, hat Shannon etwa 100 Telefon- und Flugzeugrelais verbaut.

CLAUDIA HANTROP

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