Kultur 07.12.2007, 19:32 Uhr

Die soziale Marktwirtschaft braucht den Werteschutz  

VDI nachrichten, Herrsching, 7. 12. 07, rus – Wir haben nicht ein Klimaproblem, wir haben ein Systemproblem. Die Marktwirtschaft muss lernen, dass Werteziele gleichrangig sind mit wirtschaftlichen Zielen. Diese Thesen vertritt Peter H. Grassmann, Industriemanager und Vorstand der Umweltakademie. Nachfolgend schlägt er vor, dass Industrieverbände eine völlig neue Rolle übernehmen sollen. Sie sollen von Lobbyisten zum Wächter der Selbstverpflichtung werden.

Am 10. Dezember wird dem Ex-US-Vizepräsidenten Al Gore und dem IPCC der Friedensnobelpreis verliehen. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), auch als Weltklimarat bezeichnet, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) ins Leben gerufen.

Das heißt im Klartext: Von dem weltweit respektierten Nobelpreis-Komitee wird der Klimawandel als eine enorme Gefahr für das zivilisatorische Gleichgewicht gesehen, als eine moralische Herausforderung erster Güte. Sofortiges Handeln wird gefordert.

Für mich als Physiker waren Erderwärmung und Klimawandel schon immer eine zwangsläufige Folge des CO2-Anstiegs. Wie genau, darüber konnte man spekulieren, aber dass ein Risiko bestand, war immer zweifelsfrei.

Für mich als Ingenieur war damit auch klar: Vorbeugen ist Pflicht, wie immer bei Risiken. Sind wir doch als Ingenieure gewohnt, Risiken vorzubeugen – täglich in unzähligen präventiven Sicherheitsmaßnahmen, Produktrückrufen und Risikoüberprüfungen.

Aber nichts geschah hinsichtlich des drohenden Klimawandels. Ergebnisse der Klimastudien anzuzweifeln war bequemer, als sich dem Risiko zu stellen. Der „Markt“ reagierte nicht. Nicolas Stern, der britische Ökonom, spricht in seinem Report „vom größten Versagen des Marktes“.

Fast zwanzig Jahre lang, seit der warnenden Konferenz von Rio gab es immer wieder Appelle, ein paar neue Normen, aber keine Trendwende.

Für mich ist die lang anhaltende Zeit ohne Reaktionen der Beweis: Wir haben nicht ein Klimaproblem, wir haben ein Systemproblem. Unsere Marktwirtschaft – und auch unsere demokratischen Institutionen – reagieren nur unzureichend auf Nachhaltigkeitsforderungen, ja generell auf Werteforderungen, die nicht unmittelbarer Kundenwunsch, die unpopulär sind.

Aber wollen wir das wirklich oder verführt uns hier unser System der vielleicht manchmal zu freien Märkte?

Nachhaltigkeit ist eine Pflicht der Vernunft, ein Gebot des Kantschen Imperativs der Nächstenliebe, eben ein Gebot richtig verstandener Brüderlichkeit und Fairness. Ohne ein solches Verhalten würden wir zu einer egoistischen Generation, zu moralischen Versagern.

Wir brauchen einen Weg, der Nachhaltigkeit verpflichtend macht, ohne deshalb die Marktwirtschaft grundsätzlich zu gefährden. Unmöglich? Mit wirtschaftlichen Zielen nicht vereinbar?

Viele Unternehmer und Unternehmen bemühen sich bereits um Vorbildlichkeit, um „Corporate Social Responsibility“, aber der Spielraum im Wettbewerb ist begrenzt, stößt rasch an seine Grenzen, denn es ist eine freiwillige Regel und schwarze Schafe gibt es genug.

Natürlich gibt es Gesetze. Aber sie sind es ja gerade, die durch Kompromisse, Langsamkeit und Praxisferne gezeigt haben, dass die Politik allein kein ausreichendes Gegengewicht ist.

Die Marktwirtschaft muss lernen, dass Werteziele gleichrangig sind mit wirtschaftlichen Zielen.

Für Praxisnähe und Flexibilität kann es nur einen Weg von innen, eine bessere Selbstorganisation der Marktwirtschaft geben.

Wir brauchen ein gemeinsames, koordinierendes Dach der einzelnen Wirtschaftszweige, das bestimmte Werteregeln und Vorgehensweisen definiert und auch durchsetzt, das also Regeln definiert und schützt, das Entwicklungen koordiniert, Verhaltensleitlinien gibt, schlicht, das in Wertefragen zielbezogen begleitet.

Ein gemeinsames Dach? Das gibt es, das könnten die Wirtschaftsverbände sein. Die Projekte zum Beispiel des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) zum Klimaschutz sind lobenswert. Aber sie sind freiwillig. Das reicht nicht in der realen Welt. Nachhaltigkeit muss verpflichtend, schwarze Schafe können nicht geduldet werden. Wir bräuchten dazu eine völlig andere Kultur, eine völlige Umstellung von Aufgabe und Selbstverständnis der Wirtschaftsverbände, eine Umstellung vom Lobbyisten zum Wächter.

Die in allen Branchen vorhandenen Organisationen – manche sogar mit Pflichtmitgliedschaft – sind gut aufgestellt, aber leisten letztlich oft nur einen unzureichenden Wertebeitrag.

In der heutigen Freiwilligkeit liegt das Positive und das Problem zugleich. Denn Freiwilligkeit zwingt in den Kompromiss leichter Akzeptanz und Popularität, ganz wie in der Politik.

Aber es gibt auch Pflichten, moralische Pflichten wie eben den Klimaschutz und Werteschutz generell, die dabei verdrängt werden. Das braucht den Zwang zur Einordnung, eine völlig andere Denkweise, eine Umstellung von Aufgabe und Kultur der Wirtschaftsverbände, eine Umstellung vom Lobbyisten zum Wächter.

Die Wirtschaftsverbände sind flächendeckend in allen Branchen vorhandene Organisationen. Sie können diese Rolle übernehmen, es muss nichts Neues erfunden werden.

Ich glaube sogar, sie müssen es, auch wenn für die Mitglieder daraus einige Zwänge und Regeln für den Werteschutz entstehen. Angestoßen und teils auch begleitet vom Gesetzgeber können Definitionspflichten, Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten ein verpflichtendes Dach für alle Geschäftstätigkeiten werden – eine neue Selbstorganisation und Eigenverantwortung.

Nehmen Sie den Berufssport als Beispiel. Er definiert seine Regeln und setzt sie in aller Regel auch durch, eliminiert schwarze Schafe, teils unter erheblichem öffentlichem Druck, größtenteils aber freiwillig und diszipliniert. Das gibt den Ansatz für ein neues Modell. Aber es genügt nicht. Denn Kulturwandel braucht den Druck von außen, braucht den Spiegel und die Vision durch Externe, braucht den systematischen Dialog mit Andersdenkenden.

Ich nenne es die „Mitbestimmung“ der Zivilgesellschaft, erreichbar durch einen externen „Zukunfts- und Ethikrat“, der branchenspezifisch die werteorientierten Nichtregierungsorganisationen (NGO) repräsentiert, aber auch renommierte Wissenschaftler umfasst. Individuell, für jede Branche, denn nur das gibt Sachverstand und gegenseitiges Verständnis durch Argumentationssicherheit auch im Detail.

In meinem Buch „Plateau 3“ beschreibe ich den Weg von der sozialen Marktwirtschaft – meinem Plateau 2 – auf dieses nächste Plateau des Werteschutzes. Es wäre der schnellste Weg auch zum Klimaschutz. So gefordert, definiert jede Branche viel kreativer und rascher, welchen Beitrag sie in den nächsten Jahren dazu leisten kann.

Die Schlüsselbranchen definieren zum Beispiel eine road-map ihrer technologischen Zukunft und sprechen so viel offener über notwendige Koordination, Vermarktungsphilosophien und Langfristziele. So, wie das die Halbleiterbranche erfolgreich schon seit Jahrzehnten tut.

Hätte sich zum Beispiel die Automobilbranche diesem Dialog gestellt und seine Forderungen umgesetzt, hätten wir heute auf Effizienz, Hybrid und Elektrolösungen, auf neue Kraftstoffe und auf Leichtbau ausgerichtete Produktlösungen. Diese wären besser gerüstet für den globalen Wettbewerb, als unsere Formel-1 inspirierten PS-Boliden.

Es ist eine Wertesicherung von innen, durch selbst auferlegte Verpflichtung zur Nachhaltigkeit, genauer beschrieben in der oben erwähnten Buchveröffentlichung „Plateau 3“, das den Weg zeigt zu verantwortungsvoll aktiver Umgestaltung unserer Märkte.

Die Wirtschaftsverbände können der Schlüssel sein für diese Antwort von innen, für den notwendigen Beitrag mit Branchenverstand, Flexibilität und deshalb Tiefgang über die Freiwilligkeit jedes einzelnen Unternehmens hinaus.

Klimaschutz ist seit den eindringlichen Warnungen des letzten IPCC-Reports eine moralische Herausforderung. Sie ist noch nicht einmal im Ansatz gemeistert.

Der letzte Satz des Kommuniqués des Friedens-Nobelpreises lautet: „Wir müssen jetzt handeln, bevor sich der Klimawandel dem menschlichen Einfluss entzieht.“

Handeln wir weiterhin zu zaghaft, dann könnte die Kernfrage der nächsten Generation lauten: „Was habt ihr gewusst und was habt ihr getan?“

Es ist das drohende Bild, als eine zu egoistische Generation in die Geschichte einzugehen. Es ist eine moralische Herausforderung an alle, die Produkte gestalten und vermarkten, zum koordinierten Handeln – eine Herausforderung für die Marktwirtschaft – und deren Naturwissenschaftler und Ingenieure. PETER H. GRASSMANN

Von Peter H. Grassmann

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