Kultur 16.06.2006, 19:22 Uhr

Die neuen Werte der Generation Silber  

VDI nachrichten, Bonn, 16. 6. 06, ws – Die Generation der über 55-Jährigen soll sich weiterbilden und so für den Arbeitsmarkt interessant machen. Sie erhebt aber auch Ansprüche. Die Wirtschaft stellt nicht zuletzt den Service im Alltag vor allem auch auf Rentner ein.

Ein älterer Herr klettert munter aufs Zehnmeterbrett und springt kopfüber in den Pool der Ferienanlage. Seine stolze Frau verweist erläuternd auf ein hilfreiches Herz-Kreislauf-Präparat.

Diese Lifestyle-Werbung für die jungen Alten läuft seit einiger Zeit nicht mehr im Fernsehen. Allzu krass war offenbar das Bild von der „Jetzt bin ich dran“-Generation, den „Best Agers“ und „Master-Consumers“ ungefähr ab Mitte 50, von denen Marketingprofis schwärmen.

Demografischer Wandel und Fachkräftemangel zwingen Gesellschaft und Wirtschaft, sich den Älteren verstärkt zuzuwenden. „Lebenslanges Lernen“ gehört zu jenen Schlagworten, die auch erfahrene Arbeitskräfte und Arbeitslose jenseits der 50 vom beruflichen Stillstand abhalten und zur Offensive bewegen sollen. „Ich glaube, das Fachwissen, die Erfahrung und die Menschenkenntnis älterer Menschen werden in der Zukunft auch betriebswirtschaftlich immer wichtiger“, sagt etwa Bundespräsident Horst Köhler. Altersgemischte Teams werden als die ideale Personallösung der Zukunft betrachtet.

Nicht alle aber sind vom Wissensdurst der Senioren und seinen Begleiterscheinungen begeistert. Auf die grau melierten Sunny Boys und Girls mit den großen Freiheiten im (Vor-)Ruhestand reagieren die Twens von heute vielmehr schnell gereizt: „Es gibt Vorlesungen und Übungen, da kommt es zu Szenen wie am Strand auf Mallorca“, klagt Abel Schumann, oberster Studentenvertreter an der Goethe-Universität in Frankfurt. „Senioren reservieren sich eine halbe Stunde vor Beginn die besten Plätze und wir Normalstudenten, die von einer Pflichtveranstaltung zur nächsten hetzen, landen auf dem Fußboden. Das darf nicht wahr sein.“

Das neue Bewusstsein der Älteren und im Umgang mit ihnen schlägt sich nicht in der Bildung und betriebswirtschaftschaftlich, sondern auch volkswirtschaftlich nieder. Insgesamt gibt es heute rund 20 Mio. Rentner (mit steigender Tendenz), nicht eingerechnet fast 5 Mio. Staatspensionäre und ehemals Selbstständige. Dabei ist schon in der Altersgruppe zwischen 55 und 64 nicht mal mehr jede(r) Zweite erwerbstätig – aber auch nicht verbraucht, sondern fit fürs dritte Lebensalter. Heute fühlen sich die meisten bis Mitte 70 laut Marktforschern „zehn Jahre jünger“.

Sie kaufen vielleicht auch Kukident Haftcreme, aber sonst noch viel mehr. Sie sind, wie der Werbefachmann Uli Veigl von „Grey Germany“ sagt, beispielsweise ein Motor des Tourismus und ein fester Kundenstamm für hochwertige Markenwaren von der neuen Küche bis zur Bekleidung. Erst „Hochaltrige“ über 80 konzentrieren ihre Konsumansprüche auf alterstypische Hilfsmittel und Dienste.

„Da hatte sich der Ex-RTL-Chef Helmut Thoma schwer verkalkuliert“, so Veigl, „als er die Hauptzielgruppe der Konsumwerbung zwischen Null und 49 definierte.“

In der Seniorenwirtschaft knubbelt sich vielmehr das dicke Geld. So wird aufgrund der demografischen Entwicklung heute mit Mitte 50 erst einmal ge- und nicht schon wieder vererbt! Die „Generation 55 +“, ein gutes Viertel der Gesamtbevölkerung, besitzt die Hälfte des Immobilienvermögens und deutlich mehr Wertpapiere als der Bevölkerungsdurchschnitt.

Ruheständler im Zwei-Personen-Haushalt haben laut Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen im statistischen Durchschnitt ein flüssiges Jahreseinkommen von 20 000 €, fast ebenso viel wie jüngere Lebensgemeinschaften. Wobei natürlich die Einkommensspreizungen vom Vorstandsvorsitzenden bis zur Putzfrau im Rentenalter deutlicher ausfallen als vorher, zumal wenn die Reinigungskraft allein lebt.

Gleichwohl: Alterswohlstand und nicht Altersarmut ist heutzutage generationentypisch. Auch wenn Seniorenverbände wie kürzlich auf einer Fachtagung in Bonn gern gegen „Altersdiskriminierung“ polemisieren, die Wirtschaft hat die neuen Nachfragesegmente längst erkannt und stellt nicht zuletzt den Service im Alltag darauf ein.

So etwa die Metro-Gruppe in einem Futurestore bei Düsseldorf mit großflächigen elektronischen Preisangaben. In allen größeren Supermärkten sind zudem Einkaufswagen mit einer Sitzgelegenheit selbstverständlich. Der traditionelle Ladenverkauf spürt gerade im wachsenden Seniorensegment einen überproportionalen Konkurrenzdruck durch den Versandhandel und das Home-Shopping im Fernsehen oder am Computer. Moderne IT, überhaupt die Wissensgesellschaft von morgen, ist auch für Ältere kein Problem – die Volkshochschule hilft mit speziellen Seniorenkursen.

Allenfalls in weiter Ferne ziehen dunklere Wolken am Seniorenhimmel auf. Die volle Rente erst ab 67 statt 65 will die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag erst zwischen 2012 und 2035 in kleinen Monatsschritten einführen. Sie wird mithin höchstens die Enddreißiger von heute uneingeschränkt treffen. Diese Aussichten können die Seniorenwirtschaft also noch lange nicht trüben – wenn überhaupt.

HERMANN HORSTKOTTE/ws

www.bagso.de

Von Hermann Horstkotte/Wolfgang Schmitz

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