Kultur 28.05.2004, 18:30 Uhr

Die Macht der Zeichen

Eine Berliner Ausstellung widmet sich dem Faszinosum der Zahlen.

Einzelne Ziffern und ganze Zahlenkolonnen schweben auf einer tiefblauen Fläche, von der Decke auf einen raumfüllenden Tisch projiziert. Leuchten sie gelb auf, kann der Ausstellungsbesucher sie berühren und es öffnen sich Compu-teranimationen zu Bedeutung, Mythologie und Kulturgeschichte der jeweiligen Zahl. Dass die 13 eine Unglückszahl sei, liegt beim Betrachter. Seit Jesu Geburt, ist zu erfahren, gibt es mehr Freitage, die auf einen 13. gefallen sind als auf einen anderen Tag im Monat. Der Zwölftonkomponist Arnold Schönberg zog es vor, die 13 auch bei Hausnummern zu meiden – an einem 13. geboren, verstarb er auch an einem solchen Tag. Zufall oder Schicksal?
Um die 7 ranken sich ebenso viele Mythen: von den sieben Weltwundern und den sieben Tugenden bis zu rechnerischen Annahme, dass wenn ein Mensch hundert Bekannte hat, um sieben Ecken alle 6 Mrd. Menschen miteinander bekannt sind. Mathematiker wissen, dass Zahlen eine eigentümliche Eleganz und Ästhetik innehaben. So lässt sich etwa das Rechenspiel 12 x 12 = 144 auch in umgestellter Zahlenfolge als 21 x 21 = 441 lesen. Sehr anschaulich präsentiert die interaktive Installation, die den Mittelpunkt der Ausstellung 10 + 5 = Gott – Die Macht der Zeichen“ bildet, das Mysterium der Zahlen.
Zehn Räume ordnen sich zu einer Kulturgeschichte der Zeichen. Anfangs wird auf das Lesen und Schreiben als elementare Kulturtechnik abgehoben. Im hebräischen Alphabet stehen die 22 Buchstaben jeweils auch für Ziffern, die ersten neun für die Zahlen 1 bis 9, dann folgen die neun Zehner und dann die ersten vier Hunderter. Allerdings haben sich aus Glaubensgründen arabische Zahlen durchgesetzt, nur in religiösen Texten und bei Kalenderdaten werden die hebräischen benutzt. Hierdurch erklärt sich der Titel der Ausstellung: Weil die 10 dem Buchstaben J und die 5 einem H entspricht und beide zusammen Teile des Namens Gottes (Jahwe) sind, wird die 15 zu schreiben vermieden und stattdessen 9+6 benutzt. Den Namen Gottes zu schreiben, ist im Judentum ein Tabu.
Den meisten deutschen Nichtjuden wird dies unbekannt sein, obwohl es eine große gemeinsame Geschichte gibt, die von der NS-Zeit jählings unterbrochen wurde. Zum Selbstverständnis des Jüdischen Museums Berlin gehört es, genau hieran anzuknüpfen und auf die Gemeinsamkeiten der jüdischen und deutschen Geschichte aufmerksam zu machen. So stehen Alltag und Kultur, Religion und Politik, Wissenschaft und Wirtschaft im Zentrum der Ausstellung, deren Exponate aus der ganzen Welt stammen.
Das Westfälische Schulmuseum Dortmund beispielsweise hat „Lucke“s Leseapparat“ und „Wlecke“s Finger-Rechen-Apparat“, mit denen Kinder um 1920 auf hebräisch lesen und rechnen lernten, zur Verfügung gestellt. Vom Department of Computer Science der israelischen Universität Rehovot stammt ein Bauteil des Computers Golem Aleph, einem der ersten Elektronengehirne, das dem Ideal der Kabbalistik – eine Welt ganz aus Zahlen – ziemlich nahe kommt.
Naturgemäß spielen Zahlen in der Wissenschaft eine große Rolle. Um 1900 war Göttingen das Zentrum der mathematischen Gelehrtenwelt. Berühmte Mathematiker, darunter viele Juden, vollzogen in Göttingen den Übergang zur formalistischen Mathematik, die aufgrund ihrer schwierigen Vermittelbarkeit eine „Krise der Anschauung“ zu Folge und eine Reihe von Judenklischees hervorgebracht hatte. Die Jacobische Amplitude, die Kummersche Fläche und Hilberts 23 mathematische Probleme, von denen erst zehn als gelöst gelten, wurden in Göttingen „erfunden“.
Zu den vielen Klischees über Juden trug auch der Umstand bei, dass viele im Bankenwesen arbeiteten. Zwischen 1870 und 1900 waren zwei Drittel der Berliner Bankiers jüdischer Herkunft. Georg von Siemens, Joseph Mendelssohn und Adelbert Delbrück zählten zu den großen Finanzherrschern. Traditionell von vielen Berufen ausgeschlossen, hatten Juden bereits im Mittelalter sich auf den Geldverleih verlegt und ein internationales Geflecht von Beziehungen aufgebaut. Dass sie auch maßgeblich an der Entwicklung von Telefon und Telegrafie sowie am Bau des Berliner Rohrpostsystems beteiligt waren, wird in der Ausstellung kaum unterschlagen. HELMUT MERSCHMANN

Ein Beitrag von:

  • Helmut Merschmann

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