Kultur 23.11.2007, 19:31 Uhr

Die Ingenieure des Jihad  

Ingenieure und Techniker. Doch warum ist das so?

Viele islamistische Radikale sind besser ausgebildet als ihre Mitbürger und eine ganze Menge von ihnen haben einen Hochschulabschluss. Das ist bekannt. „Wesentlich überraschender“, so Diego Gambetta und Steffen Hertog, sei die Tatsache, dass „viele von ihnen Ingenieure sind, eine Berufsgruppe, die man normalerweise nicht mit religiös inspirierten Bewegungen in Verbindung bringt.“

Gambetta und Hertog, Wissenschaftler an den britischen Universitäten Oxford und Durham, haben in einer jüngst erschienenen Studie (Engineers of Jihad, Sociology Working Papers 2007/10) versucht, die Gründe dafür zu entschlüsseln.

Tatsache ist, dass es – von Mohammad Atta – einem der Köpfe hinter dem Attentat des 11. September – bis hin zum iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad, eine ganze Reihe von Ingenieuren gibt, die dem mehr oder weniger radikalen Islam nahestehen.

Für diese Affinität von Ingenieuren gegenüber der islamistischen Bewegung gibt es seit den 70er Jahren Hinweise, wie Gambetta und Hertog belegen. In einer Fallstudie von über 400 namentlich bekannten Anhängern radikalislamischer Gruppen ließ sich bei 196 deren Ausbildung nachweisen, 78 waren demnach Ingenieure. Schwerpunkte war Elektro-, Bau- und IuK-Ingenieure.

Nach Gambetta und Hertog ist damit der Anteil der Ingenieure an radikalislamischen Gruppen neunmal höher als im Bevölkerungsdurchschnitt in den Herkunftsländern – unabhängig davon, ob es sich um Gruppen aus dem Nahen Osten, Pakistan, Südostasien oder Nordafrika handelt.

Doch woher kommt diese Affinität? Zufall schließen die Forscher aus, die hochgradige Vernetzung der Ingenieure allein könne es auch nicht sein, da diese nicht zwangsweise zur Radikalisierung führe. Auch für eine systematische Rekrutierung dieser Berufsgruppe durch die radikalislamischen Bewegungen finden die britischen Wissenschaftler keine hinreichenden Belege.

Sie versuchen deshalb eine Kombination aus zwei Erklärungsansätzen: Zum einen der Bewusstseinslage („mindset“) der Ingenieure, zum anderen ihre spezielle Wahrnehmung der gesamtgesellschaftlichen Probleme in ihren Heimatländern.

Gambetta und Hertog argumentieren, ausgehend von Untersuchungen des amerikanischen Soziologen Seymour Martin Lipset, dass Ingenieure eher dem konservativen Spektrum angehören, und – wenn sie sich politisch radikalisieren – eher in rechtsradikalen Gruppen zu finden sind. Demnach neigten Ingenieure dazu, Widersprüche und Ambivalenzen als illegitim anzusehen, komplexere gesellschaftliche Probleme auf eine einzige Ursache zurückzuführen: „Wenn alle Menschen rational handelten, wären alle Lösungen einfach“, formuliert das die Studie. Dazu komme, so die beiden Wissenschaftler, eine gewisse politische Rückgewandtheit.

Und schließlich sei bei Ingenieuren eine deutlicher ausgeprägte Religiosität zu finden als in anderen Berufsgruppen.

Das aber, so die britischen Forscher, seien noch keine hinreichenden Gründe, um technisch ausgebildete Menschen in radikalislamische Gruppen zu treiben. Dazu komme ein zweites Motiv. Dies sei die Tatsache, dass Ingenieure in islamischen Ländern von der Ausbildung her zur Bildungselite gehörten, dort aber immer weniger Chancen für ihr eigenes Fortkommen sähen.

Zudem sei das Ingenieurstudium für die Studenten gleichsam eine permanente Demonstration der Leistungen des industrialisierten Westens, und damit eine Demonstration des Scheiterns ihrer eigenen Herkunftsländer und deren Abhängigkeit vom Westen. Das, gemeinsam mit der Bewusstseinslage, sei das „Schießpulver“, an dem sich ihr Hass entzünde und so insbesondere Ingenieure in die radikalislamischen Bewegungen treibe. moc

Von Wolfgang Mock

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