Fotografie 19.03.2010, 19:45 Uhr

Der Zauber der Bergwerke und Hütten  

Schwarz die Landschaften der Montanregion, weiß die Passepartouts, die Rahmen, die Museumswände. Die Objekte werden zum Zauber für jeden, der bisher im Sinn tradierter Kulturbegriffe „das Schöne“ nur im Bereich der traditionellen Künste, niemals aber in der Welt der Arbeit und der Wirtschaft gesucht hat. Mehr als hundert Fotografien der berühmten Industriefotografen Hilla und Bernd Becher dokumentieren im Josef Albert Museum Quadrat in Bottrop das Ruhrgebiet in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. VDI nachrichten, Willich, 19. 3. 10, cha

Thema im zentralen Saal ist das Ruhrgebiet. Es wird vergleichend umgeben von Anlagen der Stahlindustrie und des Bergbaus im Siegerland, in Südwales, den USA, Frankreich und Benelux. „Die industriell geprägte Architektur unterlag Sachzwängen durch die geologischen Bedingungen der Lagerstätte und deren Teufe“, erläutert Hilla Becher. „Anhand von regionalen Unterschieden ziehen wir eine chronologische Entwicklungslinie“, anders als bei ihren „Typologien“.

Das Künstlerehepaar Bernd und Hilla Becher provoziert seit seinen ersten Ausstellungen von Fotografien industrieller Anlagen und Gebäude in den 1960er-Jahren Architekten, Ingenieure und Kunsthistoriker. Mit sachlich aufgenommenen Fördertürmen, Hochöfen, Wasser- und Kühltürmen, Silos, Aufbereitungsanlagen und Arbeiterhäusern leisteten die Bechers Pionierarbeit in der industriellen Archäologie. Sie dokumentierten technische Gebäude, die in keinem Reiseführer vorkamen und für die Moderne doch so bezeichnend sind wie die Kathedralen für das Mittelalter.

Einige wurden durch ihre Arbeiten mit einem Schlag öffentlich gemacht und vor dem Abriss gerettet, wie der großartige Jugendstilfachwerkbau der Maschinenhalle der Zeche Zollern in Dortmund. Über 600 Aufnahmen haben sie auch auf dem Gelände der Zeche Hannover in Bochum, „von der noch kümmerliche Reste stehen“, gemacht, die vom 26. 3.10 an in der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln gezeigt werden.

„Bei Bernd war es eine Kindheitsangelegenheit, alle in seiner Familie waren Bergleute“, antwortet Hilla Becher auf die Frage, wie sie und ihr Mann zu dem Thema gefunden hatten. Bernd Becher wurde am 20. August 1931 im Siegerland geboren, einem der ältesten Industriegebiete Deutschlands, das in der Ausstellung mit mehreren Fotografien vertreten ist. „Er wollte es festhalten, bevor es verschwand“, so seine Witwe, konnte aber beim Zeichnen der architektonischen Zeugen seiner Heimat mit dem Abriss nicht Schritt halten, also nutzte er Fotografien als Vorlagen. Sehr bald legte er den Zeichenstift beiseite: Fotografie als Medium und Dokumentation als Thema bestimmten fortan seine Arbeit.

Hilla Becher lernte ihren Mann an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo sie im Jahre 1958 die erste Fotoabteilung dieser Hochschule einrichtete, kennen und begann mit ihm die künstlerische Zusammenarbeit. Als erster Professor für künstlerische Fotografie kehrte Bernd Becher im Jahre 1976 an die Düsseldorfer Akademie zurück. Sein Fotografieverständnis lebt heute fort in dem Begriff „Becher-Schule“ oder „Düsseldorfer Schule“, aus der Prominente wie Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth hervorgingen. Hilla Becher kennt sie alle und hat noch heute Kontakt zu ihnen. Bernd Becher starb am 22. Juni 2007 in Rostock.

„Im Jahre 1969 prägten die Fotografen den Begriff der anonymen Skulptur, um auf die formalen Qualitäten der Industriearchitektur hinzuweisen, die im Bewusstsein der zumeist unbekannten Baumeister jedoch kaum eine Rolle spielten“, erläutert der Bottroper Museumsleiter Heinz Liesbrock. „Wir haben uns diese anonyme Architektur richtig erarbeitet, Objekt für Objekt, bis wir begriffen, welche unglaubliche Vielfalt in diesem Sujet steckt“, ergänzt Hilla Becher. Es war auch körperlich eine harte Arbeit, mit den großen, schweren Plattenkameras und der Fotoausrüstung in den Anlagen herumzuklettern, um den richtigen Standort zu finden.

Hilla und Bernd Becher seien oft „wenig konsequent um einzelne Anlagen herumgeschlichen“

Die Landschaften, wie sie jetzt in der Bottroper Ausstellung präsentiert werden, „waren immer ein bisschen zweitrangig“. Sie haben Hilla mehr interessiert als Bernd, den immer die Angst umgetrieben habe, „wir schaffen es nicht“. Bevor sie ein klares Konzept entwickelt hatten, seien sie oft „wenig konsequent um einzelne Anlagen herum geschlichen“. Das Problem war, wer hätte einen in die Anlage reingelassen?“, fragt Hilla. Die Abneigung der Industrie sei groß gewesen aus Angst vor Umweltkritik. Um überhaupt fotografieren zu können, mussten sie sich intensiv mit jeder Zeche auseinandersetzen, die Eigenschaften der „krakigen“ Hochöfen verstehen.

Das Werk der Bechers ist stets ein Ausbalancieren zwischen bildender Kunst und fotografischer Dokumentation. Für sie gehen die Gebäude und Anlagen nicht einfach in einer Funktion auf, sie scheinen in ihren teilweise ausufernden Strukturen ein Eigenleben zu entwickeln.

Dieses erschließt sich besonders in einer möglichst exakten Abbildung, deren Genauigkeit zunächst jede persönliche Lesart ausblendet. Um eine höchstmögliche Objektivität in der Darstellung zu gewährleisten, ist es notwendig, die Industriebauten stetig unter annähernd gleichen Bedingungen aufzunehmen. Am liebsten, wie die Fotografen ausführen, bei „gedämpftem Licht oder bei milder Sonne, um das Auftreten starker Schatten zu vermeiden, die ja eine zweite Form schaffen, die wir nicht wollen“.

Im Frühjahr und Herbst erreichen sie diese Neutralität am besten. Eine Verzerrung der riesigen Objekte verhindern sie durch einen leicht erhöhten Standpunkt, so geben die Fotografien die gesamte Silhouette einer solchen Industrieanlage wieder. Wie bei allen Aufnahmen ist auch bei diesen Industrielandschaften das Kriterium für die Auswahl ein subjektives: Immer wollen die Fotografien ein Beispiel für den Ort und die Zeit abgeben.

Obwohl sie wussten, dass ihre ehemaligen Motive abgerissen worden waren, haben sie deren Standorte noch mal besucht. „Man kann nicht alles unter Denkmalschutz stellen. Der Metallschrott der Fördertürme ist wertvoll und wird recycelt“, gibt sich Hilla Becher nüchtern.

Schnappschüsse machen ihr keinen Spaß sie seien später „unangenehm anzusehen“. Auch „Stimmungen zu fotografieren, wird auf die Dauer langweilig. Sonnenuntergänge – das war nichts für uns“. So plant Hilla Becher ihre nächste Reise nach England, um dort Gasometer zu fotografieren sie bleibt sich und dem künstlerischen Erbe ihres Mannes treu.

ECKART PASCHE

Von Eckart Pasche

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