Kultur 06.08.1999, 17:22 Uhr

Der Rausch auf Rollen

In den USA geboren, hat das Skateboarden in Deutschland seinen zweite Heimat gefunden. Sogar die Weltmeisterschaft wurde hier ausgetragen.

Jedes Mal, wenn Bucky vor einem solchen Abgrund steht, will er nichts lieber, als sich möglichst schnell hinunterstürzen. Diesmal zögert er. Der 26jährige pustet Luft aus seinem Mund. Die fast 10 000 Zuschauer in der Dortmunder Westfalenhalle links und rechts der Halfpipe warten auf ihn, den US-Star Bucky Lasek. Leicht rollt er sein Skateboard hin und her. Schweißtropfen rinnen unter seinem Helm hervor, über die Stirn, auf die Wangen, tropfen herab. „Come on Bucky“, ruft einer aus seinem Team. Noch einmal reibt sich Bucky die Hände an den Hintertaschen seiner zerschlissenen Leinenhose, holt Luft, Schwung, reißt den Körper nach vorn, und saust die 3,5 m hinunter.
Das Skateboard rappelt die Bretter der Holzpiste hinunter, in die Rundung hinein, die gegenüberliegende Seite der Halfpipe wieder hinauf, hebt ab in Richtung Hallendecke, 3 m, 4 m hoch, sein Körper überschlägt sich und mit einer geschickten Bewegung der Füße dreht Bucky dabei das Brett. Es schleudert unter seinen Füßen in der Luft und setzt wie von einem unsichtbaren Kleber gezogen an seinen Sohlen an. Bucky fällt wieder zurück, erreicht den oberen Rand der Halfpipe, fährt sie sofort hinunter, um sie auf der anderen Seite wieder hinaufzufahren, hin und her, Sprung auf Sprung hoch in die Luft, dutzende Male.
Ein paar Meter weiter in der Halle wird um die Krone einer anderen Disziplin gefochten: Streetstyle. Dort müssen die Skater auf einem der Straße nachempfundenen Gelände mit Betonkübeln, Parkbänken, Schrägen, Stufen, Rampen oder auch Treppen spektakuläre Sprünge und Schnelligkeit zeigen.
Insgesamt 150 Fahrer aus 30 Ländern rollten und sprangen in diesem Jahr bei der 18. Monster Mastership in Dortmund, der Weltmeisterschaft der Skateboarder, um den Sieg. Konzipiert hatte das Gelände in der Westfalenhalle Dave Duncun aus den USA.
Überhaupt sind es die Amerikaner, Brasilianer und Australier, die bei den Weltmeisterschaften den Ton angeben. Gerade in den USA ist der Rausch auf den Rollen ein großer „Kick“. Bereits Ende der 60er Jahre hatten die Amerikaner diese ihre Leidenschaft entdeckt: Die Surfer an der Küste Kaliforniens hatten genug von Wind und Wellen und schraubten sich ein paar Rollschuhrollen unter ein Holzbrett.
Das Gleiche passierte dann erneut in etwas anderer Form mehr als ein Jahrzehnt später. Jetzt schraubten die Skateboarder die Rollen wieder vom Brett ab und gingen in die Berge – mit dem Snowboard in den Schnee.
Mekka der Weltmeisterschaft ist jedoch Deutschland. Als 1982 das „Asphaltsurfen“ in Europa noch in den Kinderschuhen steckte, machte sich Titus Dittmann auf, die ersten Weltmeisterschaften der Skater zu organisieren. „Daß wir heute die Weltmeisterschaften immer noch in Deutschland haben, obwohl in den USA diese Sportart wie fast nirgendwo anders boomt, hat vor allem mit unserer guten Organisation zu tun“, sagt der 50jährige, fast glatzköpfige Deutsche.
Dittmann gehört zu der Generation, die Mitte der 70er Jahre mit fliegendem Haar als erste in Deutschland mit Holzbrettchen über schlecht gepflasterte Wege und löchrigem Boden schrubbten. Kopfhohe Sprünge namens „Ollie“ oder knochenbrecherische Manöver wie „Boneless over the Channel“ oder „getweakte Airs“ traut sich der Skate-Opa heute nicht mehr zu. „Ein wenig in der Halfpipe herumpoltern“ oder „über das Geländer rutschen“ schon eher.
Daß die sonst in Münster ausgetragenen Meisterschaften der Skater in diesem Juli zum ersten Mal in Dortmund stattfanden, hat seinen Grund. Das beschränkte Kartenkontingent im letzten Jahr hatte großen Unmut bei den jungen Fans, die aus allen Skateboard-faszinierten Ländern der Welt angereist waren, verursacht. Ihren Frust reagierten sie vor den Toren der Halle Münsterland mit heftigen Prügeleien ab. Aber auch in Dortmund ging es nicht ohne Blessuren unter den Zuschauern ab, als ein paar ausgeflippte Skateboard-Fans auf dem Westfalenhalle-Gelände bei einer nächtlichen Party mit Feuer und Wurfgeschossen randalierten. Die Bilanz: 24 Festgenommene, vier verletzte Polizisten.
Dabei bezeichnen sich die waren Skater gerne als „smooth“, „easy“, locker, wollen wenig Streß haben, viel reisen, Wettbewerbe besuchen und mit Freunden aus allen Ländern der Welt unterwegs sein. Es gibt keine Zwänge, wer wie auszusehen hat. Dennoch gehört für manche „Piercing“ genauso zum „coolen“ Charakter der Skater wie für andere Stoppelbart und Tätowierung.
„Natürlich wollen die echten Skater nicht randalieren. Sie wollen locker sein, aber sympathisch“, erklärt Titus. Deswegen sei der Sport auch von Mannschaftstrikots, Verbänden, festen Regeln und Leistungszwang weit entfernt. „Skateboarder behaupten von sich, Anti-Sportler zu sein“, sagt Titus. „Deswegen stellen wir auch keine Regeln auf. Und wenn wir welche aufstellen, dann heben wir sie nächstes Jahr wieder auf.“
Kaum einer der Zuschauer in Dortmund scheint nicht zur großen Familie der Skater zu gehören. Fast jeder der 15- bis 22jährigen Fans hatte nicht nur sein eigenes Brett mitgebracht, sondern auch sein Zelt, in dem er während der Weltmeisterschaftstage auf dem Gelände der Westfalenhalle übernachten konnte.
Skateboardfahren ist in den vergangenen Jahren schneller, akrobatischer und auch gefährlicher geworden. Helm, Knie- und Ellenbogenschoner sind in der Halfpipe Pflicht. Manche Fahrer schaffen in der Halfpipe 4 m hohe „Airs“. 7 m sind sie dann über dem Boden. Besondere Tricks sind die, bei denen sich der Skatboarder teilweise mehrfach um die eigene Achse dreht. 540 Grad sind fast schon im „Run“ eines jeden Fahrers.
Und daß die Skater auch außerhalb der „Pipe“ contesttauglich sein müssen, versteht sich von selbst. Biertrinken und Hip- Hophören gehören dabei noch zu den einfacheren Disziplinen. Vielleicht ist es deswegen kein Wunder, daß Mädchen bei den Weltmeisterschaften als Aktive 1989 zuletzt gesichtet wurden. Heute findet man sie um so mehr im Publikum.
Beim Streetfahren sind „Kickflips“ (Skater fliegt hoch, Board dreht sich in der Luft um die Längs- und Querachse, Skater landet wieder) und „Ollies“ (Skater hebt sich samt Board vom Boden ab) die häufigsten Tricks. Sie gibt es in unzähligen Variationen, die für Außenseiter kaum erkennbar sind. Allein ihre Namen wie „Frontside Ollie Nosebone“, „Kickflip Indy“, „Backside Nollie Flip“ oder „Switch Frontside Smith Grind“ lassen die Unterschiede ahnen.
Bucky kämpft sich derweil durch die Halfpipe, auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuten. Buckys härteste Konkurrenz kommt wieder mal aus Australien und Brasilien. Doch die Fans begeistern sich immer mehr für Bucky, er rollt vorne mit, wie so oft. Für Deutsche den Daumen zu drücken, lohnt sich bei einem solchen Wettbewerb kaum. Sie haben, wie fast in jedem Jahr, auch in diesem kaum eine Chance. Als bester deutsche Skater wird sich Jörg Schreiber aus Münster auf Platz 20 empfehlen.
Viel zu weit weg, um Bucky gefährlich werden zu können, schließlich fuhr er allen davon und holte den Titel. Seinen Sieg kommentierte der junge Amerikaner kurz und treffend in der Sprache des Gastgeberlandes: “ Ainfach gail“.
MARTIN ROOS
No risk no fun: Ohne meterhohe Sprünge läuft bei Skatewettbewerben heute so gut wie nichts mehr. Foto
Jahrelanges Üben und Körperbeherrschung sind die unverzichtbaren Voraussetzungen für einen erfolgreichen Skater.
Skates sind keine Bretter mit Rollen, sondern der liebevoll ornamentierte Ausdruck eines Lebensgefühls.

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