Profiling verschärft 19.07.2016, 10:02 Uhr

Das Zielland kennt den Fluggast schon

Je mehr terroristische Anschläge in Europa Reisende wie Behörden alarmieren, desto mehr nehmen die Bemühungen zu, im Reiseverkehr so frühzeitig wie irgend möglich Einzelheiten über Einreisende zu bekommen. Dazu gehört nun auch, dass schon vor dem Abflug die Passagierdaten analysiert werden.

Wer reist, musst damit rechnen, "durchleuchtet" zu werden. 

Wer reist, musst damit rechnen, "durchleuchtet" zu werden. 

Foto: Maja Hitij/dpa

Im Flugverkehr ist es bislang üblich, dass die Fluggesellschaften bei Abflug alle Passagierdaten an die Behörden des Ziellandes elektronisch übermitteln. Dort werden sie meist nur mit Fahndungslisten abgeglichen. Genau das ändert sich inzwischen allerdings. Die britischen Behörden streben ein möglichst weitgehendes so genanntes Profiling der Passagiere schon vor dem Start im Ausland an. In zahlreichen Fällen geschieht das bereits.

Ticketdaten und Passinformationen werden gesendet

Beim Profiling im Ausland holen die britischen Behörden sehr weit aus. Von besonderem Interesse sind nicht nur die Einzelheiten zur Person des Reisenden, wie sie bei dieser Gelegenheit aus dem Pass überspielt werden. Gleichermaßen wichtig sind die so genannten Ticket-Daten. Dabei geht es um eine Vielzahl von Daten und schnelle Hintergrund-Checks.

Schon vor dem Abflug sollen künftig alle Passagierdaten an die Behörden des Ziellandes elektronisch übermittelt werden, wünscht Großbritannien. 

Schon vor dem Abflug sollen künftig alle Passagierdaten an die Behörden des Ziellandes elektronisch übermittelt werden, wünscht Großbritannien. 

Foto: Markus Scholz/dpa

Das beginnt damit, wann der Flugschein gekauft worden war. Ganz kurzfristige Käufe können – müssen aber nicht – verdächtig sein. Zugleich ist wichtig, wie viele Personen zusammen reisen. Reisen Eltern mit mehreren Kindern auf Flugscheine, die vielleicht schon Monate zuvor gekauft wurden, so gilt das als gutes Zeichen. Die Gefahr eines terroristischen Hintergrunds dieser Reise ist relativ gering.

Einfacher Flug oder Hin- und Rückflug?

Unter Sicherheitsaspekten erscheinen Flugscheine mit einer festen Rückflug-Buchung weniger Anschlags-Risiken zu enthalten. Allerdings besteht die Gefahr, dass potenzielle Täter dies wissen und gegebenenfalls ein Ticket mit festem Rückflug kaufen – auch wenn sie diesen Rückflug nie anzutreten vorhaben. Bei der sicherheitsrelevanten Bewertung der Tickets spielt indessen auch die Strecke eine Rolle.

Wer mit einem One-Way-Ticket von Zürich nach Frankfurt fliegt, ist meist weniger verdächtig als jener der ganz kurzfristig ein One-Way-Ticket Erster Klasse nach Rio de Janeiro gekauft hat und in London lediglich umsteigen will. Hier kommt der Verdacht auf, dass sich diese Person aus Europa absetzen will – aus welchen Gründen auch immer.

Eine unscharfe Aufnahme? Die britischen Behörden wollen mehr, viel mehr von ihren Passagieren im Land. Sie streben ein möglichst weitgehendes Profiling schon vor dem Start im Ausland an. In zahlreichen Fällen geschieht das bereits heute.

Eine unscharfe Aufnahme? Die britischen Behörden wollen mehr, viel mehr von ihren Passagieren im Land. Sie streben ein möglichst weitgehendes Profiling schon vor dem Start im Ausland an. In zahlreichen Fällen geschieht das bereits heute.

Foto: Nicolas Armer/dpa

Bei Vielfliegern ist es den britischen Behörden häufig möglich, aus den Ticket-Daten auch Rückschlüsse auf frühere Flüge oder Buchungen für die Zukunft zu ziehen. Wer jeden Monat für einen Tag von Frankfurt nach London fliegt ist relativ unverdächtig. Abweichungen von der “normalen” Reisetätigkeit können gute Gründe haben, können genauso aber auch sehr ungewöhnlich und damit auffällig sein.

Wie ist der Flugschein bezahlt worden?

Wer einen One-Way-Flugschein ganz kurzfristig gebucht und vor dem Abflug am Flughafen in bar bezahlt hat, gilt auf jeden Fall als verdächtig. Wer seine Flugscheine dagegen stets mit einer Kreditkarte bezahlt, die er oder sie schon lange benutzen, ist ungleich weniger verdächtig. Die Kreditkartendaten sind für die Behörden eine wahre Fundgrube und damit auch entsprechend begehrt. Nur ist aus den überspielten Ticket-Daten keineswegs immer zu entnehmen, wie der Flug bezahlt wurde. Dabei spielt auch eine Rolle, ob der Passagier das Ticket online gekauft hat, in einem Reisebüro oder am Flughafen erworben hat.

Mehrere Hundert Daten minutenschnell gesammelt

Alle Bewertungen zusammen ergeben ein Passagier-Profil. Das schließt die Ticket-Daten genauso wie die Passdaten ein. Dank der modernen Elektronik und sehr schneller Datenverbindungen können die Behörden in weniger als zwei Minuten bis zu mehrere Hundert Daten sammeln. Das sich daraus ergebende Passagier-Profil wird dann maschinell bewertet. Wer relativ unverdächtig erscheint, reist nach dem Flug ganz normal und weitgehend unbeobachtet ein. Wo das Profil aber gewisse Ungereimtheiten oder sogar verdächtige Einzelheiten ausweist, wird sich der Passbeamte, der das auf seinem Bildschirm sieht, eingehender mit dem Reisenden beschäftigen.

Sicherheitskontrolle am Düsseldorfer Flughafen. 

Sicherheitskontrolle am Düsseldorfer Flughafen. 

Foto: Maja Hitij/dpa

Benutzen Reisende die in Großbritannien sehr gebräuchlichen E-Gates oder elektronische Schranken, dann wissen deren Server auch, wen sie automatisch auszusortieren und einer menschlichen Endkontrolle durch einen Passbeamten zuzuführen haben.

Großbritannien hat nur eine einzige Landgrenze zu einem anderen EU-Land. Das ist die 500 Kilometer lange Grenze zur Republik Irland. Ansonsten können inselbedingt die Reisenden nur per Flugzeug oder Schiff oder mit der Bahn ankommen. Das aber erlaubt eine Kontrolle des gesamten Reiseverkehrs, der auf dem Kontinent durch den starken Reiseverkehr auf der Straße nicht möglich ist. Das lange Streben nach einer totalen Kontrolle des Reiseverkehrs, die inzwischen zum Profiling schon vor dem Abflug führt, ist auch der Grund, warum Großbritannien sich stets geweigert hat, dem Schengen-Abkommen beizutreten.

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