Industrie 28.04.2000, 17:25 Uhr

Das Revier schaut zurück und sucht nach Orientierung für seine Zukunft

Verunsicherung, Sehnsüchte, Ängste – auch in der Vergangenheit war der Blick nach vorn nicht immer von Optimismus geprägt, wie eine Ausstellung im Rheinischen Industriemuseum in Oberhausen zeigt.

Für Rainer Borsdorf ist schon lange klar: „Es musste ja einmal zu Ende gehen mit der Kumpelseligkeit und der Schmalzstullenromantik“, erklärt der Mentor des Historama Ruhr 2000 Projektes, zu dem die Ausstellung „War die Zukunft besser?“ den Auftakt bildet.
Wer soll für Veränderungen im Revier den Stein ins Rollen bringen? Borsdorf ist sich sicher, dass nur die „Neubürger“ den Anstoß für einen strukturellen Wandel geben können. Neubürger, das sind die prägenden Kräfte in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Aber auch dieses Neubürgertum reproduziert die alten, scheinbar überwundenen Mentalitäten.
Milder Größenwahn und Bodenständigkeit zugleich kennzeichnen das Ruhrgebiet bis heute. Zumindest ist Selbstironie erkennbar, wenn Prof. Dr. Rainer Wirtz – Direktor des Rheinischen Industriemuseums – die Pläne für eine Transrapid-Strecke durch das Revier mit der süffisanten Bemerkung kommentiert: „Eine funktionierende S-Bahn wäre auch schon was“.

Die Industrie: „Segen“ oder bloß ein „Schwindel“?

Ein Blick auf die „Übersichtskarte der konzessionierten und projektierten Eisenbahnstrecken von 1840“ im Vergleich zur Karte des Eisenbahnnetzes von 1884 zeigt die große Dynamik, mit der die Industrie an Ruhr und Emscher eine völlig neue Landschaft schuf. In der Aufbruchstimmung der Industrialisierung wurde der „reiche Segen, der so plötzlich sich ergießt“, gefeiert, während andere befürchteten, dass der „Industrieschwindel“ bald ein schnelles Ende finden würde. Erst mit einiger Verzögerung wurde in den (stadt-)planerischen Konzepten auch wieder an die Menschen gedacht. Für die Massen von Einwanderern sollten Gartenstädte zur neuen Heimat werden, in der auch jenseits der Arbeit das Leben lebenswert ist.
Die Umweltbelastungen galten längst nicht mehr als notwendiges Übel wirtschaftlicher Prosperität, als Anfang der 60er Jahre eine weitere Sensibilisierung einsetzte. Das Ruhrgebiet wollte nicht länger Ruhrgebiet sein: Gefordert wurde der blaue Himmel über den Zechen. Als ersten Erfolg der Bemühungen verabschiedete der Landtag Nordrhein-Westfalens am 10. April 1962 das erste Immissionsschutzgesetz der Bundesrepublik. Die technische Seite dieser Entwicklung zeigt die Ausstellung mit den damals üblichen Kontroll- und Messinstrumenten.
Heute wird die Idee eines Nationalparks der Industriekultur in die Diskussion gebracht – nicht zuletzt, um das touristische Potentiaz des Ruhrgebietes weiterzuentwickeln. Unter anderen Vorzeichen gab es bereits 1910 Überlegungen für einen Nationalpark Ruhrgebiet, der das noch vorhandene Grün sichern sollte. Als organisatorische Klammer für dieses (dann gescheiterte) und andere Projekte wurde der Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk (heute Kommunalverband Ruhrgebiet) gegründet.
Aber zu keiner Zeit ist es gelungen, die Städte und Gemeinden des Ruhrgebietes zu einer langfristigen gemeinsamen Planung zu bewegen. Beispielhaft dokumentiert die Ausstellung die Auseinandersetzungen um die Gemeindereform von 1926/29, als Sterkrade lieber selbständig bleiben wollte, aber doch ein Stadtteil Oberhausens wurde. Wattenscheid (zu Bochum) und Kettwig (zu Essen) ging es bei der letzten Gemeindereform 1975 nicht besser.
In den 20er Jahren fühlte sich das Ruhrgebiet bereits als Metropole von Weltrang – Vergnügen und Kultur boomten ähnlich wie in Berlin. Das Revier feierte seine ersten Wolkenkratzer und suchte durch den Bau von Flughäfen die schnelle Anbindung an die weite Welt. Das Flugaufkommen des Dortmunder Flughafens war zunächst höher als in Düsseldorf, aber notwendige Ausbauten wurden nicht vorgenommen. Episode blieb in den 50er Jahren auch der Hubschrauberflugdienst der belgischen Sabena, die eine ständige Verbindung von Dortmund über Duisburg nach Brüssel eingerichtet hatte. Das Scheitern von Verkehrsprojekten gehört zur Geschichte des Ruhrgebietes dazu und hat lange Tradition.
Früh wurde darüber nachgedacht, wie der Verkehr besser zu organisieren sei – die „Verkehrszählung 1926 auf den Hauptstraßen des Ruhrkohlenbezirks“ und die „Gesamtverkehrsplanung für den Ruhrkohlenbezirk“ 1938 zeigen dies deutlich.

Noch in den 60er Jahren wurde für den Bergbau als zukunftsfähiger Branche geworben

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt die autofreundliche Großstadt als Maß aller Dinge. Das Schnellstraßennetz sollte nach Möglichkeit getunnelt werden, aber die A40 im Tunnel blieb bis heute ein Traum. Für die zuletzt gebaute A52 war ein 15 km langer Tunnel vorgesehen, gebaut wurde schließlich eine überdachte Röhre von 500 m Länge.
Und die Eisenbahn? Bereits in den 20er Jahren sollte die Rheinisch-Westfälische Schnellbahn Fahrgäste in 77 Minuten von Dortmund nach Köln bringen. Der Bergbau legte sein Veto ein, weil er die Folgekosten durch Bergschäden scheute. Das Modell eines Triebwagens für diese Schnellbahn ist in der Ausstellung zu sehen. Eine neue Vision, die „Metro-Rapid“ als „Edel-S-Bahn“ ist das letzte Glied in der langen Reihe von Versuchen, den Verkehr im und aus dem Revier innovativ zu entwickeln.
Die Kohle schuf das Bild vom Ruhrgebiet wie es allgegenwärtig ist, und noch 1965 warb der Steinkohlenbergbau in der Tat junge Leute für einen Beruf mit Zukunft. Aber wer weiß schon, dass 1959 die Essener Messe „Atom und Wasser“ über die Möglichkeiten der Atomenergie informierte und 1965 Meldungen durch die Essener Tagespresse geisterten, die den Bau eines Forschungsreaktors in der Stadt ankündigten.
Aus heutiger Sicht rührend wirkt das ausgestellte Datenerfassungssystem Nixdorf 720 aus dem Jahr 1972. Der riesige Rechner war „vorzugsweise für die online-Verarbeitung als aktiver Erfassungsplatz konzipiert.“ Technische Neuerungen gehören bis heute zum Ruhrgebiet und bilden vermutlich sein wichtigstes Potenzial für die Zukunft – wie das kleinste U-Boot der Welt als Beispiel für die Möglichkeiten der Micro-Technologie in der Ausstellung zeigt -, aber sie können nicht mehr wie in früheren Zeiten massenhaft für Arbeitsplätze sorgen. MANFRED BURAZEROVIC
„War die Zukunft früher besser? Visionen für das Ruhrgebiet“ bis zum 17. September im Rheinischen Industriemuseum Oberhausen. Geöffnet dienstags bis sonntags 10-17 Uhr, donnerstags 10-20 Uhr, umfangreiches Begleitprogramm. Vom 15.10 bis 14.01. im Westfälische Industriemuseum in der alten Zeche Zollern II/IV in Dortmund.
Wie man sich vor 30 Jahren die Zukunft vorstellte: Ein Plakat der Ruhrkohle AG von 1970.
So kam es, Gott sei Dank, nicht: der Maschinenmensch als Vision der rationalisierten Arbeitswelt (Karikatur von 1931).

Historoma Ruhr 2000

Mit mehr als 150 Veranstaltungen vom 15. April bis zum 15. Oktober wird an die Geschichte des Ruhrgebietes erinnert. Dazu gehören Ausstellungen, Aktionen, ein internationaler Kongress zum Ruhrgebiet im Strukturwandel, eine Sommer-Uni und ein mehrtägiges Geschichtsfest auf der Zeche Zollverein, das Bundespräsident Johannes Rau am 22. Juni eröffnen wird.
Historoma Ruhr 2000 ist eine Kooperation zwischen dem Arbeits- und Sozialministerium Nordrhein-Westfalen, der Kultur Ruhr GmbH, der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland und dem Kommunalverband Ruhrgebiet als Projektträger. Historama Ruhr steht unter Ägide des Ruhrlandmuseums Essen, des Rheinischen und des Westfälischen Industriemuseums, der Stiftung Bibliothek des Ruhrgebietes, des Forums Geschichtskultur an Ruhr und Emscher, des Westdeutschen Rundfunks und der Kinemathek im Ruhrgebiet. MB

Von Manfred Burazerovic
Von Manfred Burazerovic

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