Kultur 31.10.2008, 19:38 Uhr

Dampfmaschinen im Wartesaal  

VDI nachrichten, Bonn, 31. 10. 08, Fr – Märklin macht Station im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. In den früheren Wartesälen sind faszinierende Miniaturen aus historisch wertvollen Sammlungen zu sehen. Blechspielzeug, Landschaftsmodelle mit fahrenden Zügen und Dampfmaschinen entführen spielerisch in die Welt der Technik.

Deutschlands einziges „Museum mit Gleisanschluss“ – am Arp Museum hält stündlich eine Regionalbahn – hat für den Jubilar Märklin die Tür weit geöffnet. Das schwäbische Unternehmen feiert 2009 sein 150-jähriges Bestehen. Da der Bahnhof Rolandseck 2008 auch 150 Jahre alt geworden ist, entstand die auf den ersten Blick ungewöhnliche Idee, technisches Spielzeug in ein Kunstmuseum zu holen. Die Schau in dem klassizistischen Gebäude zwischen echten Eisenbahnschienen und reger Rheinschifffahrt vermittelt schnell das Gefühl: Dort gehört die Miniaturwelt hin.

Wer im Tiefgeschoss des Bahnhofs im alten Teil des Arp Museums ankommt, durchquert einen Tunnel, begleitet von einer Tender-Lok aus den 20er Jahren. Sie zieht auf ihrer Fahrt die Besucher förmlich in das Gebäude hinein. Der Tunnel führt in das neue Museum des Architekten Richard Meier. Der Miniatur-Shuttle fährt etwa 40 m vor und zurück. Ein Arp-Zitat, das viele Deutungen zulässt, begleitet diese Fahrt: „Menschen, die als eine arabische Eins in eine Eisenbahn einsteigen und als römische Eins wieder aussteigen“, steht in großen Lettern an der Tunnelwand. Vielleicht eine Formel dafür, wie Reisen verändern kann.

Ein leises, surrendes Modelleisenbahngeräusch empfängt die Besucher in den alten Wartesälen eine Etage höher. Drei Schauanlagen vor der Fensterfront lassen das Herz des Modellbauers schneller schlagen. Es geht geschäftig zu auf der Schauanlage „Hamburg“. Nah- und Fernzüge fahren in die glasüberdachte Bahnsteighalle des Bahnhofs „Hamburg Dammtor“ ein und aus.

Auf der Trasse der Hafenbahn verkehren Güterzüge. Die Baumeister haben 60 m Gleise verlegt und 40 m2 Sperrholz verbaut. Gleich nebenan wurde ein viergleisiger Durchgangsbahnhof mit Industriegleisen in eine typische Schwarzwaldlandschaft gesetzt.

Durch den sechsgleisigen Schattenbahnhof, einen verdeckter, von außen nicht sichtbaren Anlageteil im Bahnhof und durch die Aufteilung in zwei Stromkreise ist das Spiel mit der selbst gebauten Technik abwechslungsreich. Gesteuert wird hier automatisch.

Noch mehr Spaß machte Märklins Spielgerät, als ab 1984 die digitale Technik Einzug hielt. Dadurch konnte gleichzeitig auf viele Lokomotiven zugegriffen werden. Die automatisierten Abläufe mit lebensechten Geräuschen, vorbildgetreuer Beleuchtung mit Fernlicht und der Funktion Entkuppeln steigerten die Spielfreude der „Stellwerker“. Den Dampfmaschinen, die Wärme in Bewegungsenergie umsetzen, ist ein eigenes Kabinett gewidmet. Die Dampfmaschine mit Compound-Anordnung gilt als Märklins schönste. Die Kombination besteht aus einem Hoch- und Niedrigdruckzylinder. Beachtliche 9 l passten in den Kessel. Die Brennerflamme konnte mit einer Zugstange verändert werden. Das Spielzeug bot Märklin von 1907 bis 1909 an.

Eine Rarität ist die Dampfmaschine System Wolf aus dem Jahr 1906. Als Vorbild diente die echte Maschine, die im Berliner Schloss des Kaiser Willhelm II. in Betrieb war. Von der Miniatur soll es nur noch zwei Exemplare geben.

Ein Highlight der Miniatur-Bahnhöfe aus feinstem Blech ist der Zahnrad-Bahnhof Spur Null (Spur 0). Das kleine zweigeschossige, dekorative Bauwerk mit Treppentürmen, Schalter- und Klosetträumen war nur ganz kurz im Programm.

Während Besucher eines der seltensten Märklin-Modelle bestaunen, hält draußen vor den Fenstern der Regionalexpress nach Koblenz. Das einzige Museum mit Gleisanschluss ist unbestritten ein passender Ort für Märklins Schau. Und Künstler hat die Technik und vor allem die Eisenbahn immer schon fasziniert. Erinnert sei nur an René Magrittes surrealistisches Traumbild, in dem ein Zug aus dem Kamin rast. INES GOLLNICK

Die Ausstellung „Mythos Märklin“ läuft bis 3. Mai 2009 im Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

www.arpmuseum.org

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