Weltkulturerbe 23.04.2010, 19:46 Uhr

„Cultural Masterplan“ sieht Zerstörung als Teil der Geschichte im Bamiyan-Tal

Sie waren die größten antiken Statuen, die bis in heutige Zeit erhalten blieben – die Buddhas im Bamiyan-Tal, die von Taliban-Kämpfern im März 2001 zuerst beschossen und schließlich gesprengt wurden. Kann man, soll man diese Zeugen einer buddhistischen Kultur in einem islamischen Land wieder aufbauen? Mit dieser Frage befassen sich Experten seit Jahren.

Schon 2002 besuchte eine erste Delegation der Welt-Denkmalpfleger-Vereinigung ICOMOS (International Council on Monuments and Sites) die zerstörten Statuen 2004 begannen Denkmalpfleger und Archäologen, die Trümmer der Buddhas zu bergen.

„Es waren 2000 m3 Schutt, rund 9000 Bruchstücke, die schwersten wogen bis zu 60 t“, erzählte Prof. Michael Petzet den VDI nachrichten. Der Präsident des deutschen ICOMOS reist Jahr für Jahr mit Kollegen ins Bamiyan-Tal.

Im feuchtkalten Winter kann man dort nicht arbeiten, und auch in der warmen Jahreszeit ging die Arbeit langsam voran, weil die Denkmalpfleger und ihre afghanischen Helfer ihre Arbeit immer wieder unterbrechen mussten, um Minenräumern den Vortritt zu lassen – zwischen den Trümmern kamen zahlreiche Blindgänger zum Vorschein.

Inzwischen liegen alle Trümmer in Lagerhallen direkt vor der Felswand, und die freigelegten Füße des 53 m hohen Großen Buddhas sind durch eine Abdeckung vor weiterem Verfall geschützt.

Einige kleine Bruchstücke der antiken Skulpturen liegen inzwischen im Labor von Prof. Erwin Emmerling am Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft der TU München.

Erstmals konnte jetzt die Konstruktion der Figuren detailliert wissenschaftlich untersucht werden: „Die Buddhas wurden aus dem anstehenden Gestein gehauen, aber die fein gefältelten Gewänder bestehen aus Lehmputz“, erklärte der Konservierungswissenschaftler: „Der wurde mithilfe von Armierungen aus Kieselsteinen oder aus kleinen Holzpflöcken mit dazwischen gespannten Seilen befestigt, ähnlich wie auch im Mittelalter in Europa.“ Auf einigen der Putzsstücke fanden sich mehrere Farbschichten. So waren die Innenseiten der Gewänder beider Figuren lange Zeit leuchtend blau, die Außenseiten rosa, orange oder rot.

Nach der Bergung der Trümmer wurde in der Nische des 35 m hohen Kleinen Buddhas ein Gerüst errichtet, um die Rückwand und die Reste des Kopfes zu untersuchen und zu sichern – denn auch der umgebende Fels ist durch Beschuss und Explosion instabil geworden.

Der Ingenieurgeologe Prof. Claudio Magottini von der Universität Modena untersuchte die gesamte, stellenweise erosionsgefährdete Felswand. Mit Stahlnetzen, Mauerankern und anderen Methoden wurde die Rückwand der Nischen stabilisiert und viele Risse mit einem speziellen Mörtel gefüllt. „Über jede Stabilisierungsmaßnahme musste man vor Ort vom Gerüst aus entscheiden, so was kann man nicht im Voraus planen“, so Magottini, „und man sollte die Risse künftig genau überwachen.“

Parallel kartierten die Geologen das fein gestreifte Muster der Gesteinsschichten – als Vorbereitung für einen Wiederaufbau der Buddhas. „Dieses Muster ist in jeder Höhe so individuell wie ein Fingerabdruck“, erklärte Prof. Michael Jansen, Bauhistoriker an der RWTH Aachen: „Damit lässt sich die ursprüngliche Position jedes Bruchstücks genau rekonstruieren.“ Ebenso wie das 3-D-Computermodell, das Jansen mit seinem Team entwickelt hat.

Immerhin konnte rund 80 % der Skulpturen geborgen werden. Den Rest könnte man durch Lehmziegel ersetzen, schlägt Jansen vor, der kürzlich einen „Cultural Masterplan“ für das Bamiyan-Tal vorgelegt hat. Die Fehlstellen sollen sichtbar bleiben, die Zerstörung ist ein Teil der Geschichte dieser antiken Meisterwerke. „Gleichzeitig ließen sich mit den Ziegeln die statischen Probleme lösen. Schließlich müssten wir bis zu 2 t schwere Steinbrocken in 20 m bis 30 m Höhe befestigen“, so Jansen.

Ein solcher Wiederaufbau aus Originalteilen, eine sogenannte Anastylose, ist allerdings nicht nur ein technisches Problem. Es wäre keine Denkmalpflege im strengen Sinn, die zum Ziel hat, ein historisches Bauwerk als Dokument einer Epoche zu bewahren. „Die Taliban haben die Buddhas zerstört, um die örtliche Bevölkerung der Hazara zu demütigen. Und deshalb wünschen sie sich den Wiederaufbau als Rehabilitation. Da geht es vor allem um den Erinnerungs- und den emotionalen Wert der Buddhas“, sagte Jansen.

Die ursprünglichen, im Lauf der Jahrhunderte verblassten Farben würde man allerdings nicht wiederherstellen. „Dafür bräuchte man eine perfekte Oberfläche, und die ist ja zum größten Teil defekt,“ erklärte der Münchner Konservierungswissenschaftler Emmerling. „Und diese Farbfassungen korrespondierten ursprünglich mit riesigen Wandmalereien in den Nischen, sie waren Teil eines sehr viel größeren Gesamtkonzepts.“ So wie die Buddhas Teil der ganzen Kulturlandschaft des Bamiyan-Tals sind, die aus insgesamt acht Stätten islamischer und buddhistischer Kulturen besteht diese Kulturlandschaft als Ganze wurde 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Ein Wiederaufbau der Buddhas ist kein Projekt für die nahe Zukunft. Die Bergung und wissenschaftliche Untersuchung der Trümmer wurden von der japanischen Regierung und vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert, wobei Letzteres seine Förderung jetzt einstellt. Eher zu verwirklichen wäre ein Museum im Bamiyan-Tal über die Geschichte dieser einmaligen Kulturlandschaft. Die afghanische Regierung und die Provinzregierung wünschen sich ein solches Museum als eine Art friedenstiftende Maßnahme. „Und wir würden damit den Menschen im Bamiyan-Tal und in Afghanistan zeigen, dass all die jahrelangen Untersuchungen und Diskussionen ein Ergebnis haben“, meinte Omar Said Sultan, stellvertretender Kulturminister des Landes. „Das finde ich sehr wichtig.“ RENATE ELL

www.bamiyan-development.org/

Von Renate Ell

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