Kultur 15.10.2010, 19:49 Uhr

Computer und Glaube

Zum Abschluss und Höhepunkt des Konrad-Zuse-Jahres hat das Deutsche Technikmuseum Berlin seine Ausstellung über den vielseitigen Computererfinder überarbeitet.

Innerhalb eines binärlogischen Systems hätte die Frage, ob man von sich und seiner Geschäftsidee überzeugt ist, nur zwei mögliche Antworten: Man ist davon überzeugt oder man ist es nicht. Anlässlich seines 100. Geburtstages hat das Deutsche Technikmuseum Berlin seine Sonderausstellung über den Computerpionier Konrad Zuse in die ständige Ausstellung des Museums überführt.

Die sechs Themenfelder zum Werdegang Zuses lassen den Eindruck entstehen, er hätte die Frage, ob er an sich und seine Vision von programmierbaren Rechenmaschinen glaubt, mit Ja beantwortet – keine Einschränkungen, keine Vorbehalte, keine Schattierungen außerhalb der Computerlogik von 1 oder 0. Und ist es nicht schön, jemandem dabei zuzusehen, der an sich glaubt, der sich von Krieg und Konkurrenz nicht beirren lässt, der als kleiner Junge schon mit dem Technikbaukasten Maschinen erfindet und bis ins hohe Alter nach technischen Lösungen zum Wohle der Menschheit sucht?

Innerhalb der Geschichte des Computers ist es Zuses neue Idee, mit einer mechanischen Rechenmaschine verschiedene Rechenschritte durchzuführen, deren Ablauf in einem veränderlichen Rechenplan jeweils neu zusammengestellt werden kann. Erste Ausformung dieser Idee ist die Rechenmaschine aus handgesägten Blechen und Metallstiften, die der Student Zuse 1936 auf dem elterlichen Wohnzimmertisch (unweit des Museums in Berlin-Kreuzberg) zusammensetzt und die viele Entscheidungen für den Aufbau der heutigen Computer vorwegnimmt: Arithmetische Zahlen werden in binärer Schreibweise mit den Werkzeugen der Schaltungslogik bearbeitet, die einzelnen Rechenprozesse sind modular voneinander getrennt, es gibt – zum ersten Mal außerhalb des menschlichen Gehirns – eine wandelbare Software zur Steuerung der Programme. Zuse nennt sie verheißungsvoll Z1, da noch viele Rechenmaschinen folgen sollen.

Die in den 1980er-Jahren von Konrad Zuse persönlich angefertigte Rekonstruktion der Z1, deren Prototyp im Bombenkrieg in Berlin zerstört wurde, ist das Kernstück der Ausstellung. Während die Z1 bis vor Kurzem noch in Demonstrationsbetrieb genommen werden konnte, geschah es gelegentlich, dass Metallstaub der gesägten Bleche den Schaltungsablauf behinderte. Ausstellungskuratorin Hadwig Dorsch erzählt, wie sie in solchen Momenten mit Zuse im hessischen Hünfeld telefonierte, der den Fehler in der Maschine anhand ihrer Angaben sofort lokalisieren konnte: Welche Variablen haben Sie eingegeben? Wie weit ist der Lochstreifen mit dem Programm gelaufen? Wie oft haben Sie an der Kurbel gedreht? Aha, also muss der Fehler an folgendem Bauteil zu finden sein…

Aus konservatorischen Gründen – man könnte auch sagen, weil kein lebender Mensch die Z1 so verinnerlicht hat und instandhalten kann wie der 1995 verstorbene Konrad Zuse – ist sie nun unter einer Glasvitrine zu sehen. Der morbide Charme vergangenen Wissens lässt den Besucher fast Nostalgie empfinden in der Parade der Folgemodelle aus der Produktion von Zuses nach dem Krieg gegründeten Computerfirma: elektromechanische Kuriositäten, in die man hineingehen konnte, die man ratternd rechnen hören konnte, deren Stromspannung so hoch war, dass sie den Benutzer in Lebensgefahr brachte.

Verschiedene Ausstellungsstücke geben einen Eindruck vom Charakter des Menschen, der diese Rechenmaschinen möglich machte. So beispielsweise die schwer entzifferbaren technischen Notizen, die Zuse in einem privaten Steno-Kode verfasste oder die Lichtführung in seinen Hobby-Gemälden, die an gotische Fenster mit Lasershow erinnert. Objekte wie ein Wrackteil einer HS 293-Gleitbombe wiederum zeigen, wie Zuses Biografie mit der deutschen Zeitgeschichte verwoben ist: Um sich vom Frontdienst entbinden zu lassen, konstruierte Zuse während des Zweiten Weltkrieges einen Automaten zur Berechnung der Winkel, in welchem die Flügel von Gleitbomben angebracht werden mussten. Zuse distanzierte sich gleichzeitig davon, indem er diesen Automaten der Nummerierung nach nicht seinen Z-Rechnern zuordnete. Stattdessen nannte er ihn S1 – S für Spezialmaschine.

Das Selbstbewusstsein der Computernation Deutschland ist dem Museum ein besonderes Anliegen, denn dass der erste Computer 1936 in Deutschland gebaut wurde, wird viele der vor allem jungen Besucher überraschen. Anhand von Multimedia-Installationen und interaktiven Elementen lädt die Ausstellung sie dazu ein, das Schreiben und Rechnen mit Bits nachvollziehen oder gibt Ausblick in ein weiteres Gebiet, in dem Zuse seiner Zeit vorauseilte: den Rechnenden Raum, das Universum als Quantencomputer.

Die Erfolgsgeschichte dieses facettenreichen Erfinders und Unternehmers endete 1964. In jenem Jahr hat Zuse sein Unternehmen an BBC verkauft, später wurde es von Siemens übernommen. Zuse hätte in einem Umfang investieren müssen, wie es ihm nicht möglich war. Das Schicksal seiner Firma gibt Anlass zu fragen, ob in der heutigen Zeit genug dafür getan wird, damit junge Erfinder über die Wohnzimmertisch- oder auch Garagenphase ihrer Unternehmen hinauswachsen können? Mit dem Raster der binären Logik sind diese Fragen nur schwer zu beantworten. Die Ausstellung über Konrad Zuse im Deutschen Technikmuseum hält dazu an, sie gleichwohl zu stellen. Und den Glauben zu bewahren. KATHARINA ERBEN

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