Kultur 19.10.2001, 17:31 Uhr

„Besitz ist eine Gnadengabe Gottes

Zinsen sind verboten, die Kapitalbildung hat wenig Tradition und das Recht ist schwer kalkulierbar, so die Meinung des Islam-Experten Peter Heine.

VDI nachrichten: Warum tun sich islamische Länder schwer mit dem Kapitalismus?

Heine: Die Kapitalbildung im islamischen Kulturkreis ist zwar nicht verboten, aber sie hat keine Tradition, große Investitionen waren deshalb kaum üblich. Außerdem gab es nicht die Rechtssicherheit, die in den westlichen Ländern üblich ist und die eine wichtige Voraussetzung ist für Marktwirtschaften. Wer über eine größere Summe verfügte, gründete lieber eine religiöse Stiftung, zum Beispiel eine Armenküche oder eine Moschee.

VDI nachrichten: Ist der Terror eine Folge der Globalisierung?

Heine: Das wird man wohl so sehen müssen. Aber auch unter gemäßigten Muslimen ist die Angst groß, dass sie durch die Globalisierung ihre islamische Identität verlieren könnten. Ein Beispiel: Mit der Einführung des Telefons wird sich die Kommunikationsstruktur ändern, die Menschen können direkt miteinander reden und leichter das in Frage stellen, was ihnen als wahr und richtig vorgesetzt wird. Das Problem ist den Rechtsgelehrten bewusst, aber sie haben keine Antwort – und auf das Telefon wollen und können sie nicht verzichten.

VDI nachrichten: Ist der Islam wirtschaftspolitisch neutral?

Heine: Ja, es gibt Privateigentum, das ist selbstverständlich. Besitz wird jedoch nicht als das Ergebnis eigener Leistung gesehen, sondern als Gnadengabe Gottes, mit der die Gläubigen sorgsam umgehen und es möglichst auch mehren müssen. Der Gewinn ist für gute Zwecke zu verwenden.

VDI nachrichten: Eine Methode der Gewinnerzielung ist der Zins, und der ist im Islam verboten.

Heine: Ja, absolut, sowohl Zinsen zu verlangen wie auch Zinsen zu bezahlen.

VDI nachrichten: Aber es gibt doch Umwege, um dennoch Zinsen zu erheben?

Heine: Das ist der Trick des islamischen Rechts, die so genannten Rechtskniffe. Die Diskussion dreht sich um die Auslegung des Wortes „Ribah“ im Koran: Sollen darunter nur Wucherzinsen oder Zinsen grundsätzlich verstanden werden, auch wenn sie beispielsweise nur 0,5 % betragen? Einige Rechtsgelehrte gehen von einem grundsätzlichen Zinsverbot aus, bekommen dann aber Probleme, weil Kapital durch Inflation aufgezehrt werden kann. Geld kann auch in Unternehmen angelegt werden, das ist erlaubt. Allerdings sind die Anleger dann auch am Risiko beteiligt. Eine Lösung dieses „Zinsproblems“ besteht darin, dass eine Verwaltungsgebühr verlangt wird, die oft der Höhe eines Zinses entspricht.

VDI nachrichten: Bereitet das den Gelehrten keine Probleme?

Heine: Doch, und eine Antwort kennen sie derzeit nicht.

VDI nachrichten: Wie nimmt das Rechtssystem Einfluss auf die Wirtschaft?

Heine: Es gibt in den islamischen Ländern keine Entsprechung zum Bürgerlichen Gesetzbuch. Strittige Fragen werden von Fall zu Fall entschieden. Für die Sunniten zum Beispiel ist die Meinung eines Rechtsgelehrten nicht unbedingt verbindlich.

VDI nachrichten: Führt das nicht zu willkürlichen Entscheidungen?

Heine: Das ist das Problem: Das Recht in islamischen Ländern ist kaum kalkulierbar. Es gibt neben dem islamischen Recht zwar auch andere Rechtssysteme, in Saudi-Arabien heißen sie Königliche Befehle und regeln z. B. das Handelsrecht, aber sie können sich auch schnell ändern und tragen damit auch nicht zur Rechtssicherheit bei.

VDI nachrichten: Gibt es denn Vorbehalte gegenüber Technik?

Heine: Nein, das ist völlig unproblematisch – anders als in Deutschland im 19. Jahrhundert, als Pfarrer das Gaslicht ablehnten, weil sie meinten, man solle die von Gott gewollte Unterscheidung von Tag und Nacht nicht aufheben. Es gibt, im Gegenteil, in den muslimischen Ländern eine große Tradition an natur- und ingenieurwissenschaftlichen Entwicklungen. Das Problem ist eher die unzureichende Kapitalakkumulation.

VDI nachrichten: Was heißt Gerechtigkeit im Islam?

Heine: Nicht alle sollen das Gleiche bekommen, aber es muss dafür gesorgt sein, dass die Armen ihr Auskommen haben. Der Prophet sagt, dass derjenige kein Muslim sei, der zu Bett geht und weiß, dass sein Nachbar hungert.

VDI nachrichten: Ist die enge Verbindung von Staat und Religion ein Problem?

Heine: Faktisch gibt es sie nicht. Die Religionsgelehrten wollen zwar mitbestimmen, wie die Politik abzulaufen habe, und zwar in allen Bereichen: Wirtschaft, Soziales, Kultur. In der Praxis ist es aber anders. Es gibt Staatstheologen, die das schreiben, was Herrscher hören wollen und die Oppositionellen haben sowieso eine andere Meinung als das religiöse Establishment. In keinem muslimischen Land gibt es eine Einheit von Staat und Religion.

VDI nachrichten: Birgt die fehlende Emanzipation der Frauen ein Konfliktpotenzial?

Heine: Das ist ein Problem für die städtischen Mittel- und Oberschichten, aber nicht für die Frauen auf dem Land, und es wird nur dort virulent, wo die westliche Kultur als Leitkultur auf den Plan tritt und wo die selbst bestimmte Liebe eine Rolle spielt. Traditionell sind die Frauen für Haus und Familie zuständig, sie sind oft nicht arm, sind cleverer und können mit Geld besser umgehen als Männer. HARTMUT STEIGER

Von Hartmut Steiger
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