Kultur 01.08.2003, 18:26 Uhr

Alles kickt nach seiner Pfeife

Knut Kircher ist Entwicklungsingenieur bei DaimlerChrysler.

Das ist aber nicht der Grund, weshalb der Bekanntheitsgrad des 34-Jährigen von Wochenende zu Wochenende steigt. Kircher
ist Fußball-Schiedsrichter und pfeift das erste Bundesligaspiel der neuen Saison.
Freitagabend ist es wieder da, dieses Kribbeln. Zwei Kollegen neben sich, 22 Profis dahinter. Gut 50 000 Zuschauer im Münchner Olympiastadion werden sie empfangen. „Ich bin auf den Bundesligastart genauso heiß wie die Spieler“, sagt Knut Kircher, Entwicklungsingenieur bei DaimlerChrysler in Sindelfingen. Der 34-Jährige aus dem 30 km entfernten Hailfingen hat diesmal das große Los gezogen und leitet das Eröffnungsspiel Bayern – Frankfurt der Bundesliga-Saison 2003/04.
Der steile Aufstieg geht damit weiter, denn Kircher zählt erst seit einem Jahr zur Garde der Bundesliga-Schiedsrichter. „Als ich die Ansetzung erfuhr, habe ich mich schon gefreut über die Anerkennung meiner Leistung“, sagt der gelernte Maschinenbau-Ingenieur. Dafür hat er hart gearbeitet, den Sommer wieder mit Lehrgängen verbracht, vollgepackt mit Theorie und schweißtreibender Praxis, während die Kollegen bei Daimler in die Ferien fuhren. 70 % bis 80 % seiner Urlaubstage investiert er in die Schiedsrichterei, schätzt er, „denn allein ein Freitagspiel bedeutet Anreise am Donnerstag, und erst Samstag um 11 Uhr bin ich wieder daheim.“ Hinzu kommen internationale Einsätze als vierter Schiedsrichter, „das sind jedes Mal Minimum zwei Tage Urlaub“.
Trotz des Spagats leidet die Karriere als Entwicklungsingenieur. „Wenn mein Chef eine Beförderung in Aussicht stellt, die mit steigender Zeitbelastung verbunden ist, muss ich leider passen“, sagt der Vater zweier Kinder, der froh ist, dass seine Familie dieses Mammutprogramm klaglos mitträgt. Dafür hat sich seine Frau sogar eigens das nötige Fachwissen angeeignet, mit dem Ergebnis, „dass sie mit Kritik nicht spart, wenn sie mich am Bildschirm verfolgt hat“. Ihm tue das gut, sagt er, „denn wie meine Leistung im Fernsehen ankommt, kann ich auf dem Platz gar nicht selbst beurteilen“. Auch wenn er nach einem schlechten Spiel mal drei Stunden Schweigen braucht, um die vielen Fehler zu verdauen, zeigt sie das nötige Verständnis.
„Die Schiedsrichterei hat mir für meine persönliche Entwicklung unheimlich geholfen“, bilanziert er und muss grinsen, wenn er auf dem Platz mal wieder den Ingenieur in sich entdeckt: „Ich bin da schon sehr akribisch, organisiere gern und probiere immer neue Wege aus, wenn es beim ersten Versuch nicht klappt, die Spieler zu erreichen.“ Sich durchsetzen, entscheidungsfreudig und linientreu, das sind Eigenschaften, von denen er mittlerweile sowohl auf dem Platz als auch am Schreibtisch profitiert. „Deshalb konnte mir gar nicht Besseres passieren, als diese Schiedsrichterkarriere.“
Als B-Jugendlicher seines Heimatvereins TSV Hirschau hatte er mit Mitspielern eine Schiedsrichterprüfung abgelegt und fand sich kurze Zeit später im Schiriteam des Vereins wieder. Dank der guten Benotungen stieg er Klasse um Klasse auf. „Dabei dachte ich nie an die Bundesliga, denn da hätte ich nur verkrampft.“ Sein Ziel war immer, das nächste Spiel ordentlich zu pfeifen und am besten gar nicht groß aufzufallen. Als er schließlich in der Oberliga angekommen war und in Pforzheim ein Spiel vor größerer Kulisse pfeifen durfte, hatte er sein Schlüsselerlebnis: „Ich hatte das Spiel im Griff, konnte die Zügel nach Belieben lockern oder anziehen, und hatte einfach nur ein Gefühl: Super!“. Ein Jahr später war er als Regionalliga-Referee bereits in ganz Deutschland unterwegs.
Den Unterschied zwischen Amateuren und Profis findet der 1,96 m-Hüne nicht gravierend. „Unterschiedliche Charaktere gibt’s überall, und auf Typen wie Oliver Kahn oder Jens Jeremies, die schnell explodieren, muss man sich halt einstellen und gleich einen Satz finden, mit dem man sie wieder runterholen kann.“ Überhaupt zählt er Kommunikationsfreude zu den wichtigsten Werkzeugen auf dem Platz. „Statt großer Gesten und schneller Strafen suche ich immer erst das Gespräch, das ist wie im Beruf“, sagt Kircher, der bei Daimler derzeit mit der neuen Baureihe 169 der A-Klasse, Schwerpunkt Türen, beschäftigt ist.
Doch trotz der Liebe zum Fußball will er den Beruf nicht zu kurz kommen lassen, während die Schirikollegen dieses Problem meist über reduzierte Arbeitsverträge oder Gemeinschaftspraxen lösen. Deshalb entschied er sich in der Vorsaison, die letzten beiden Spiele zugunsten der Erprobungstests der neuen A-Klasse in Larredo, Texas, abzusagen. „Es muss schließlich ein Geben und Nehmen mit den Arbeitskollegen bleiben“, findet er, auch wenn Schiedsrichter-Boss Volker Roth gar nicht begeistert war.
Unterdessen ist er in seiner schwäbischen Heimatgemeinde unter 1500 Einwohnern ein Star. „Natürlich werde ich beim Bäcker auf meine Spiele angesprochen“, erzählt Kircher, und auch sein Nachbar unkt immer öfter, dass er ja nur noch beim Rasen mähen und im Fernsehen zu sehen sei. Was die anderen jedoch nicht sehen, sind die kleinen Erfolgserlebnisse auf dem Platz. Einmal maulte Stefan Effenberg den Bundesliga-Neuling an: „Solche Fouls pfeift man nicht in der Bundesliga!“ Etwas später unterlief dem Spielmacher ein leichter Abspielfehler. „So spielt man aber nicht in der Bundesliga!“, raunte ihm Schiri Kircher im Vorbeilaufen zu. Stefan Effenberg grinste, dazu ein kurzer Blick. Diesmal auf Augenhöhe.
  ANDREAS LEIMBACH

Bundesliga-Ingenieure
Die Elite der „Schiris“
Neben Entwicklungsingenieur Knut Kircher sind noch drei weitere Techniker als Schiedsrichter in der Ersten Fußball-Bundesliga im Einsatz: Vertriebsleiter Dipl.-Ing. Jörg Keßler (39) geht für den Deutschen Fußball Bund (DFB) auf Auslandsreisen er pfeift also auch Spiele in den Europapokalwettbewerben und Länderspiele. In der Bundesliga pfeifen darüber hinaus der Elektrotechniker Detlef Scheppe (35) sowie der Maschinenbau-Techniker Edgar Steinborn (45).

Von Andreas Leimbach

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