Kultur 07.07.2006, 19:22 Uhr

1:0 für Hightech – nicht immer, aber immer öfter  

VDI nachrichten, Düsseldorf/Berlin, 7. 7. 06, rb – Ein Festival der Hightech, das sollte die Fußball-WM 2006 in Deutschland sein. Riesige Leinwände, Mega-TV-Übertragungen in alle Welt – manche hochauflösend, dazu Handy-TV, RFID-Ticketing und der Einsatz von Sicherheitsrobotern. Für Kenner gab es neben tollen Spielen jede Menge Innovationen zu bewundern. Auch wenn nicht immer alles so funktionierte wie geplant. Zeit für eine WM-Bilanz aus technischer Perspektive.

$bild1$Berlin ist die Hauptstadt der WM-Fans, Frankfurt dagegen könnte die Hauptstadt der imposantesten WM-Technik sein. Für Furore sorgten die Hessen bereits wenige Tage vor dem Start mit einem gigantischen Bilderspektakel an den Bankenhochhaus-Fassaden. Mehrere hunderttausend Besucher schauten sich an Pfingsten die „Sky-Arena“ an. Chef des WM-Organisationskomitees (OKs) Franz Beckenbauer zeigte sich überwältigt: „Besser kann man sich nicht präsentieren.“ Und auch während der WM zeigten die Frankfurter spektakuläre Hightech. Die „größte Leinwand in Europa“, so Jürgen Schulz-Anker von der zuständigen Agentur Markgraph, wurde zum Public-Viewing-Magnet, der es aus ganz anderen Gründen mit der Berliner Fanmeile aufnehmen konnte. Die LED-Fläche stand auf einer Hubinsel, die normalerweise für die Offshore-Technik angewandt wird.

Fernsehen

Ob in der Öffentlichkeit oder am heimischen Gerät – über 30 Mrd. Zuschauer dürften die Weltmeisterschaft im Fernsehen verfolgt und so gemeinsam über 5 Mio. Jahre mit Zuschauen verbracht haben. Erstmals war HDTV die Regel, Standardfernsehen die Ausnahme. Zumindest bei den Signalen, die offiziell produziert und über das gigantische Leitungsnetz von Telekom und T-Systems aus den Stadien nach München zum International Broadcast Center (IBC) geführt wurden und von dort zu Sendezentren in aller Welt.

Sicherlich war die Nutzung von HDTV eine Sache der Minderheiten – sowohl bei den Broadcastern als auch bei den Zuschauern. Das Standardfernsehen im Format 16:9 und 4:3 wurde aus den hochzeiligen Bildern abgeleitet – und führte bei einigen Zuschauern zumindest anfangs zu Irritationen: Durch zu viele Weitwinkelaufnahmen (Totalen) kamen die Spieler nicht immer richtig zur Geltung, waren einfach zu klein. Umgekehrt störten viele Großaufnahmen bei HDTV-Großbildprojektionen. Dennoch steht fest: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das hochauflösende Fernsehen durchsetzt.

Kurz vor dem Finale gibt Karsten Winterberg noch einmal das Motto für Sonntag aus: „Wir müssen unsere Techniker aus der täglichen Routine wachrütteln.“ Doch der WM-Projektleiter von T-Systems, der im IBC die WM-Bilder aus den Stadien in alle Welt verschickt, ist mittlerweile gelassen. Im Vergleich zum Finale sei die Vorrunde mit drei Spiele pro Tag und teils zeitgleichen Partien viel anspruchsvoller gewesen. „Da mussten wir die doppelte Anzahl an Leitungen managen.“

Das Unvorstellbare passierte dann während der WM-Partie zwischen Italien und Australien im Achtelfinale. Von den deutschen Zuschauern unbemerkt, „ist irgendwo zwischen Schottland und den Shetland Inseln das Seekabel gerissen“, so Winterberg. Normalerweise gehen darüber die WM-Bilder von München aus in die USA und nach Lateinamerika. „Dann fiel auch noch das Backup über das zweite Seekabel aus“, so Winterberg.

15 TV-Anstalten in Übersee seien davon betroffen gewesen, 13 davon erhielten sofort das Weltbild über die dritte Backup-Möglichkeit – den Satellit. Nach Aussagen des Seekabelbetreiber-Konsortiums wird es bis zu drei Wochen dauern, bis ein Schiff hinausfährt, die gerissene Stelle im Seekabel lokalisiert und repariert.

IT-Netz

Eine positive Bilanz zieht WM-Sponsor Avaya, der das IT-Netzwerk in den WM-Stadien gemeinsam mit T-Systems betrieb. „Es gab keine Ausfälle“, vermeldet Projektingenieur Carsten Hobbie stolz. Das Netzwerk habe jederzeit einwandfrei funktioniert. In einzelnen Städten habe es lediglich ein paar kleinere Stromausfälle gegeben, die aber durch das Ausweichen auf andere Energieversorgungssysteme ohne Folgen für das Netzwerk blieben. Beinahe 2 TByte an Sprach- und Datenverkehr wurden von beiden Unternehmen übertragen.

Der einzige Zwischenfall war ein Überraschungsbesuch von Fußball-Ex-Star Diego Maradona. Auf der Flucht vor Autogrammjägern verirrte er sich ins Technik-Zentrum. Das Avaya-Team zeigte dem ehemaligen Ballkünstler prompt die Hightechwelt.

Handy-TV

Einer Zitterpartie glich in den Wochen vor der WM das hier zu Lande angekündigte Handy-TV. Es folgte eine hektische Lizenzvergabe in einzelnen Bundesländern für die im Süden favorisierte Rundfunkübertragungs-Technologie Digital Multimedia Broadcasting (DMB). Zum 31. Mai gingen dann am Fuße des Stuttgarter Fernsehturms ZDF, N24, MTV und Comedy-Formate von ProSieben/Sat1 durch Servicebetreiber Debitel „on air“. Fußball-Fans können so in sechs Städten vor allem im Freien WM-Tore sehen. Vorausgesetzt, das ZDF überträgt die Spiele und man verfügt über ein spezielles Samsung-Handy. Manchmal ruckelt das Bild und bei schnellen Kameraschwenks leidet die Schärfe.

„Der Testbetrieb in weiteren Städten wie Hamburg und Hannover läuft“, so Debitel-Pressesprecher Johannes Ippach. „Im Herbst haben wir auch Leipzig und das Ruhrgebiet erschlossen, dann wird es weitere Handys geben.“ Wie viele TV-Handys zur WM über den Ladentisch gingen, verriet Ippach nicht. 100 000 Kunden will man bis Ende Mai 2007 erreichen. Und, so Christian Fiege, Kundenvorstand bei Debitel: „Der Akku reicht für Haupt-, Nachspielzeit und Elf-Meter-Schießen.“

Knapp hielten die Akkus des Samsung-TV-Handys auf dem konkurrierenden DVB-H-Standard während des Viertelfinales Deutschland – Argentinien durch. In Berlin, München, Hannover und Hamburg wurde der Testbetrieb gefahren. Dafür gaben E-Plus, O2, T-Mobile und Vodafone als Mobilfunkbetreiber-Konsortium 1000 Testgeräte aus. BenQ, Nokia, Sagem, Samsung und Motorola haben DVB-H-Prototypen geliefert. Kurzfristig wurden sie für das deutsche DVB-H-Signal angepasst, daher arbeitet die Software in einem Vorserien-Stadium. So blieb es derweilen nicht aus, das Test-Handy mit einem Code neu zu starten, damit es das Signal wiederfindet. Dennoch ein Erlebnis: 14 Sender und sechs Radioprogramme sind „on air“, alle WM-Partien kamen gestochen scharf auf das drehbare Samsung-Display. Wie bei den DMB-Handys hinken auch hier die Spiele samt Torszenen dem normalen TV-Signal um 10 s hinterher. Der Regelbetrieb für DVB-H wird allerdings erst 2007 beginnen.

RFID-Ticketing

Technisch aufwändig war das WM-Ticketkonzept der Fifa. Personalisierte Tickets, Barcode, Hologramm und erstmalig RFID-Chips sollten Hooligans von den Stadien fernhalten, Fälschungen verhindern und den Schwarzmarkthandel eindämmen. Die gute Nachricht zuerst. Nur einmal fiel in Stuttgart während des Achtelfinal-Spiels Schweiz – Frankreich die Elektronik am Drehkreuz aus. Die gut gelaunten Fifa-Volunteers kontrollierten einfach manuell die Tickets.

Doch das ausgefeilte Ticketing wurde anderweitig konterkariert. Schon am ersten WM-Wochenende war klar, dass kaum etwas von den scharfen Kontrollen rund um die Sicherheitsringe der Stadien übrig blieb. Landauf, landab bot sich das gleiche Bild. Die Glücklichen mit ihren WM-Tickets in der Hand taten es gerne: Karten vorzeigen, kurzer Bodycheck und ein Blick in die mitgebrachten Taschen. Schon war die erste Einlasskontrolle passiert.

Lachend nahm einem ein Volunteer das grüne Ticket aus der Hand und führte es an den Lesekopf des Drehkreuzes. Die Anzeige sprang auf „Grün“, und schon ging es los: Olé, olé, olé. Seither blühte der Schwarzhandel. Niemand verlangte jedoch den Personalausweis oder überprüfte, ob die Daten mit dem Ticket übereinstimmten und die rechtmäßigen Ticketbesitzer Einlass bekamen.

„500 bis 1000 Besucher wurden pro Spiel kontrolliert“, sagt hingegen Horst R. Schmidt. Der Ticketverantwortliche und Vize-Präsident des OKs will deshalb von einem gescheiterten Konzept nichts hören. Somit geht das Ticketingkonzept als größter öffentlicher RFID-Chip-Test in die Annalen ein. Für die WM 2010 in Südafrika sei noch nichts in puncto RFID-Ticketing entschieden, so Gerd Graus, Pressesprecher beim OK. Doch bereits jetzt ist für Martin Kallen klar, dass nichts vom WM-Ticketing zur Fußball-Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz übernommen wird.

Robotik

Seit Beginn der WM übernahmen 20 Überwachungsroboter der Berliner Technologieschmiede Robowatch Technologies nachts den Wachdienst in den Tiefgaragen des Olympiastadions. Sie bewachten dort VIP-Bereiche und liefen Streife rund um das Stadion. „Niemand versuchte, den Zaun am Maifeld zu überwinden“, sagt Marketingmanager Benjamin Stengl von Robowatch. „Wie überall haben wir hier auch eine besonders friedliche WM erlebt.“ Bis zur letzten WM-Woche gab es keinerlei Zwischenfälle rund um das Berliner Olympiastadion. N. BLECHNER/R. BÜCKEN/P. DEHN/ N. WOHLLAIB/ R. BÖNSCH

Von N. Blechner/R. Bücken/P. Dehn/N. Wohllaib/R. Bönsch

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