Satelliten 30.06.2000, 17:25 Uhr

„Wir sind die echte Alternative“

Wo Iridium gescheitert ist, tritt jetzt die Satcon GmbH an. Die winzige Firma aus Teltow will 72 Kommunikations-Satelliten ins All schicken, das „Leo Sat Courier“ -System. Damit soll weltweites Telefonieren und Navigieren über Satelliten möglich und bezahlbar gemacht werden. Wird Brandenburg zum neuen Zentrum der Satellitenkommunikation?

Das Zeug zum Unternehmer scheint er zu haben. Im dichten Berliner Verkehr beweist Hans-Holger Kirchhoff jedenfalls ein hohes Maß an Risikobereitschaft. Ununterbrochen hat der 56-jährige das Autotelefon am Ohr, während er mit seinem Audi sein Hauptquartier in Teltow bei Berlin ansteuert.
Noch muss sich Kirchhoff zum Telefonieren auf eines der klassischen D-Netze verlassen, doch das soll bald anders werden: Dann will Kirchhoff, Geschäftsführer der Satcon GmbH, über seine eigenen Kommunikationssatelliten, das „Leo Sat Courier“-System, telefonieren können.
„Wissen Sie, ganz ehrlich, wie ich mich fühlen werde, wenn wir das Projekt verwirklicht haben?“, sinniert er, während über sein sonst so angespanntes Gesicht ein Lächeln zieht, „wie Kolumbus.“
Kolumbus hatte Kirchhoff nur eins voraus: einen risikofreudigen Sponsor. Der aber fehlt Kirchhoff noch. Dabei wird Kirchhoff“s Zeit knapp. 2003 will er an die Börse, Bau und Transport der Satelliten ins All dürften mindestens 3 Mrd. DM bis 4 Mrd. DM verschlingen. Doch Kirchhoff spielt seine Karten eng vor der Brust. Kein Wort darüber, woher das private Kapital kommen wird, nur geheimnisvolle Andeutungen.
Dafür tönt seine PR-Agentur umso lauter: „Brandenburg wird zum neuen Zentrum für Satellitenkommunikation in Europa“. So, als gebe es milliardenschwere Unternehmen wie die deutsch-französische Astrium oder die französische Alcatel nicht, die den europäischen Satellitenmarkt unter sich aufteilen und immer stärker in den Satellitenbetrieb einsteigen. Und so, als hätte es die Pleite des Zehn-Milliarden-Mark-Projekts Iridium nie gegeben.
Doch Kirchhoff gefällt sich in der David-gegen-Goliath-Rolle, und obwohl er Satcon schon 1993 gegründet hat, steht er offenbar noch ganz am Anfang. Im Gewerbegebiet von Teltow, südlich von Berlin, hat er sich in einem weißen Bürogebäude in der zweiten Etage eingemietet. Mit seinem schwarzen Aktenkoffer marschiert Kirchhoff durch den Hauseingang, am Briefkasten ist über dem Satcon-Schildchen mit Kugelschreiber „Kirchhoff“ auf den Briefschlitz gekritzelt. Kein Wunder, wenn hier jemand Post bekommt, dann dürfte er es sein – in den Büros herrscht gähnende Leere.
Aber das soll sich ändern, dafür will Kirchhoff schon sorgen: „Kolumbus hat sich mit seinem Werk unsterblich gemacht – ich kann mit Leo Sat Courier etwas für den wissenschaftlichen Fortschritt und für den Standort leisten.“
Von der zweiten Etage aus will der Ingenieur den Satellitenkommunikationsmarkt revolutionieren. Schon in drei Jahren sollen 72 Satelliten auf russischen Mittelstreckenraketen vom Typ SS 19 in den Orbit geschossen werden und von dort rund um den Globus Handy-Telefonate vermitteln, Verkehrsleitungssysteme anbieten und beim Aufspüren gestohlener Autos helfen.
Der Transport durch ehemals militärische Trägerraketen soll das Projekt kostengünstiger als andere große Satellitenprojekte machen – nach dem Iridium-Crash ein wichtiges Verkaufsargument für Kirchhoff. „Unser Konzept vermeidet alle Schwächen von Iridium“. Und deshalb, doziert Kirchhoff mit großen Augen und fester Stimme, „sind wir auf den Weltmeeren nach dem Tod von Iridium gewissermaßen exklusiv“.
Wenn man so will. Wenn man die Augen vor Projekten wie Globalstar verschließt oder den Plänen der französischen Alcatel, die mit Skybridge ein weltweites Satellitennetz anbieten will – und auch das Geld dafür hat.
Woher Kirchhoff seine Zuversicht schöpft, kann man nur ahnen. Alte Seilschaften scheinen eine große Rolle zu spielen. Früher mal war er in der Akademie der Wissenschaften der Ex-DDR für Forschungspolitik zuständig. Sein Kooperationspartner bei Satcon ist jetzt die NPO Mashinostroyenia aus dem russischen Reutov. Die Bücherwand im Großraumbüro seiner „technischen Projektleitung“ ist gefüllt mit kyrillischer Fachliteratur. Und wer es bis dahin nicht gemerkt hat, für den steht am Eingang zu Kirchhoffs leerem Empire eine Informationswand, die in großen Lettern das „russisch-europäische Kooperationsprojekt“ vorstellt.
Das aber läuft noch immer auf Sparflamme. Sieben Jahre nach seiner Gründung hat Satcon heute mal knapp 35 Mitarbeiter – alle auf freier Basis. Und alles ehemalige Mitarbeiter im deutsch-russischen Interkosmos-Programm an der Berliner Akademie der Wissenschaften. Früher beschäftigten sie sich mit Mars-Monden und militärischer Erdfernerkundung – heute arbeiten die Informatiker, Ingenieure und Physiker daran, Teltow zum „neuen Zentrum für Satellitenkommunikation in Europa“ zu machen. In ein paar Jahren sollen im Umfeld der Satcon GmbH 1500 Arbeitsplätze entstehen.

„Wir sind ein Ossi-Unternehmen“

Noch deutet in der öden Etage im Teltower Gewerbepark allerdings nicht viel darauf hin, wie Kirchhoff in gut drei Jahren aus Satcon die Betreibergesellschaft eines weltumspannenden Kommunikationsnetzes machen will. In der verwaisten Büroetage kann man an diesem Juni-Nachmittag die Mitarbeiter an einer Hand abzählen.
Vorbei an Glastrennwänden, die die Etage noch leerer erscheinen lassen, hetzt Kirchhoff ins Geschäftsführerzimmer und sucht Zuflucht in seinem großen, schwarzen Ledersessel. Schnell hat er wieder sein David-gegenGoliath-Modell bei der Hand: „Die Kommunikationswelt ist US-amerikanisch dominiert. Wir sind die Alternative, die man sich im arabischen Raum, in Entwicklungsländern, in Russland und in China wünscht.“
Wer sich hier was wünscht, ist offensichtlich. Seine Stimme klingt drängend, so, als wolle er alle Skeptiker mit einem Schlag begeistern.
Da scheint er sich bisweilen auch bei seinen eigenen Mitarbeitern schwer zu tun. Ein paar Büros weiter sitzt Peter Richter über seinem Notebook. „Wir sind ein Ossi-Unternehmen“, sagt er voller Überzeugung.
Richter ist Leiter der Satcon-Grundlagenforschung und arbeitet an der intelligenten Routenplanung für die Informationsübertragung zwischen den Satelliten – meistens von zu Hause aus. Ohne seine zweite Beschäftigung in Magdeburg, eine Honorarprofessur für Informatik, käme kaum genug Geld in die Kasse. „Den sicheren Arbeitsplatz wie früher haben wir jetzt nicht mehr,“ murmelt der freie Mitarbeiter Richter in seinen Bart, „und solange die Geldgeber ausbleiben, kann es hier nicht richtig losgehen mit der Arbeit.“ Aus den Augenwinkeln beobachtet Richter dabei seinen Chef, der draußen an der gläsernen Wand des Büros vorbeimarschiert.
Viele von Richters Satcon-Kollegen erstellen Auftragsgutachten zu Informations- und Kommunikationstechnik für das Land Brandenburg. Da passt es gut, dass Kirchhoff ehrenamtlich im Vorstand des Brandenburgischen Zentrums für Technologie- und Know-how-Transfer arbeitet.
Doch es kommt auch deutliche Kritik. Klaus Berge, beim Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) für die Raumfahrt zuständig, meint, dass Satcon „sich ein wenig von seiner russischen Beziehung lösen sollte, denn auch Russland hat nicht viel Geld und nicht die Technologie. Auf dem Weltmarkt gibt es genug Geld, aber das fließt nur, wenn das Projekt weniger risikoreich ist.“
Doch über solche Zweifler und Bedenkenträger aus dem Westen schüttelt Kirchhoff nur den Kopf: „Sie treten in ein Geschäft und haben es nur mit Leuten zu tun, die ihnen den Erfolg neiden.“ Erfolg?
Doch Kirchhoff hat auch Freunde, unter ihnen NRW-Stehaufmann Jürgen Möllemann. Der, so Kirchhoff, hat als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft angeregt, dass sich das „ölreiche Arabien“ an dem Kirchhoff“s Satellitensystem finanziell beteiligen solle.
Das wäre ganz nach Kirchhoff“s Geschmack. Doch wie es aussieht, werden seinen 72 Satelliten noch einige Zeit auf sich warten lassen. Bis dahin wird sich Kirchhoff beim Telefonieren aus dem Auto noch auf ein D-Netz verlassen müssen. PETRA WENZEL
Ein Mann, der seinen Traum in der Hand hält: Hans-Holger Kirchhoff mit dem Modell eines Satelliten seines „Leo Sat Courier“-Systems. 72 solcher Satelliten will er in den nächsten Jahren ins All schießen.
Warten auf das große Geld: Peter Richter (li.), Satcon-Wissenschaftler, und sein Chef. Wie alle Mitarbeiter des zukünftigen Satellitennetz-Betreibers hat auch Richter derzeit nur einen Part-time-Job.
Die Spinne im Netz: In der zweiten Etage dieses Gebäudes im Teltower Gewerbepark entsteht Europas ambitioniertestes System von Kommunikationssatelliten.
Satellitenkommunikation

Ein Milliardenmarkt mit Leo Sat Courier

Verkehrstelematik, Datentransfer (E-Mail, Fax und Paging) und Öko-Monitoring, vor allem aber Telefondienste sollen dem Satellitensystem Leo Sat Courier einen Umsatz von 27 Mrd. DM zwischen 2003 und 2011 verschaffen. Versorgen mit diesen Diensten will Leo Sat die Gebiete Eurasien, Afrika, Australien und Südamerika, Nordamerika wird ausgespart. Eigene Mobilfunk-Endgeräte wie bei Iridium seien nicht notwendig, weil das System GSM-kompatibel (sprich Handy-kompatibel) ausgelegt ist. Die Daten werden bei den in naher Erdumlaufbahn (Leo – low earth orbit) von 800 km Höhe fliegenden Satelliten über eine intelligente Steuerung von Satellit zu Satellit übertragen, 19 Gateways weltweit sollen sie zum Empfänger leiten. Alle formalen Voraussetzungen für Courier sind, so Kirchhoff, erledigt. Das Bundesamt für Post und Telekommunikation hat das System bereits weltweit veröffentlicht, die Frequenzen für den Betrieb sind reserviert. Die Gebühren für das Telefonieren über Leo Sat Courier sollen bei 80 Pf. pro Minute liegen. pw

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