Raumfahrt 30.04.1999, 17:21 Uhr

Warten auf den Befreiungsschlag

Am 11. und 12. Mai treffen sich die europäischen Raumfahrtminister in Brüssel. Angesichts knapper Kassen müssen sie versuchen, der ESA eine neue Perspektive zu geben.

Auf dem Treffen dem europäischen Raumfahrtminister am 11. und 12. Mai in Brüssel will ESA-Chef Antonio Rodota ein ambitioniertes Programm verabschieden. Gut ein Dutzend Einzelprogramme – Navigationssatelliten, Telekommunikationssatelliten, ein Erdbeobachtungsprogramm, die Nutzungsvorbereitung der Internationalen Raumstation, die Weiterentwicklung der Ariane-5-Rakete, aber auch ein Technologieprogramm für solche Raumfahrzeuge, die einmal die Ariane ablösen sollen.
Dieses Gesamtpaket hat einen Umfang von gut 3,2 Mrd. Euro (knapp 6 Mrd. DM) und läuft, bei unterschiedlicher Dauer von Unterprogrammen, bis zum Jahr 2003. Das Programmpaket wird fakultativ genannt, weil es jedem ESA-Mitgliedsland freisteht, sich daran zu beteiligen oder nicht.
Dazu kommt noch einmal ein Summe von 2,7 Mrd. Euro für die Zeit von 1999 bis 2003 für die Finanzierung des sogenannten obligatorischen Programms. Das sind insbesondere die wissenschaftlichen Programme, die für alle Mitglieder verpflichtend sind und das Rückrat der ESA bilden – prominente Beispiele sind das Sonnen- und Heliosphärenobservatorium Helios oder die Rosettamissionen. Teil des obligatorischen Programms ist auch der allgemeine Haushalt der ESA.
Den eigentlichen Konfliktstoff bietet jedoch das fakultative Programm. Denn hier sind auch die finanziell größten und bisweilen unkalkulierbarsten Brocken untergebracht: die europäische Beteiligung an der Internationalen Raumstation und die Entwicklungsfinanzierung der europäischen Trägerrakete Ariane.
Die deutsche Seite, allen voran Forschungsministerin Edelgard Bulmahn, steckt in einer bedrohlichen Klemme: Die fakultativen Programme mögen sich zwar fakultativ nennen, aber der politische Druck, den Staaten wie Frankreich und Italien auf Deutschland ausüben, ist nicht unerheblich: Beide Länder wollen, daß Deutschland sich auch weiter in üppiger Form an den fakultativen Programmen beteiligt – vorrangig an der Ariane-5-Entwicklung und an der Nutzung der Raumstation – weil sie selber hohe Beteiligungen daran haben, ihren eigenen Anteil aber auch nicht erhöhen wollen. Steigt Deutschland aus, sind somit diese Projekte in Gefahr.
Internationale Verträge machen es den Deutschen und Europäern ohnehin unmöglich, aus der Kooperation mit Russen, Amerikanern, Japanern und Kanadiern bei der Internationalen Raumstation auszusteigen, obwohl Bulmahn nie verschwiegen hat, daß sie von dem Projekt nichts hält.
Aus innenpolitischer Sicht ist Bulmahn nun in der Defensive: Die alte Bundesregierung hatte entschieden, sich mit 41 % am Bau des europäischen Weltraumlabors Columbus zu beteiligen, das Ende 2003 an die Raumstation angedockt werden soll. Allein die Kosten dafür wachsen von 1998 bis zum Jahr 2003 von 260 Mio. DM auf 556 Mio. DM an.
Hier hat sich jetzt die Industrie entschlossen, einen Teil vorzufinanzieren, will dabei sogar die Kapitalkosten übernehmen. (Siehe S. 1).
Aber auch das löst das prinzipielle Problem von Forschungsministerin Bulmahn nicht: Schon heute gehen mehr als 30 % der Projektförderung im bundesdeutschen Forschungshaushalt für die Förderung der Raumfahrt drauf – und die Projektmittel sind nahezu die einzigen Mittel mit denen das Forschungsministerium schnell und flexibel auf neue Forschungstrends reagieren und diese fördern kann.
Konsequenz: Da sich Bulmahn der Förderung der Raumfahrt, insbesondere der massiven Finanzmittel für die bemannte Raumfahrt und für das Weltraumlabor Columbus aus vertraglichen Gründen und wegen des politischen Drucks ihrer europäischen Partner nicht entziehen kann, werden ihre eigenen Versuche blockiert, in von ihr als innovativ erkannten Forschungsgebieten neue Schwerpunkte zu setzen, blockiert.
So verschlingt schon heute die Förderung der Raumfahrt ein Vielfaches dessen, was etwa an Projektförderung für die Biotechnologie zur Verfügung steht.
Und selbst wenn Regierungschef Gerhard Schröder noch Mitte des Monats in Bremen voller Zuversicht von der Möglichkeit sprach, über die Raumfahrtforschung „Märkte zu entwickeln und Märkte zu erobern“, so ändert das nichts an der Tatsache, daß es bis heute niemandem gelungen ist, den wirtschaftlichen Nutzen, etwa der Raumstation oder von Menschen im All, überzeugend nachzuweisen.
Das wirtschaftlich noch immer attraktivste Projekt der europäischen Raumfahrt ist die Ariane 4 und ihre Weiterentwicklung, die Ariane 5. Über 50 % aller kommerziellen Satellitenstarts weltweit werden derzeit mit Ariane-Raketen durchgeführt.
Ihr Vorteil: Die Ariane kann zwei große Satelliten gleichzeitig ins All bringen. Da aber die Größe von Satelliten beständig zunimmt, Wettbewerber wie die Delta- und Atlas-Trägerraketen immer größer werden, muß auch die Leistungskraft der Ariane steigen: Ab 2002 soll sie deshalb in der Lage sein, mindestens zwei Satelliten mit einem Gesamtgewicht von 9 t in den Orbit zu schicken, ab 2010 sollen es dann 11 t sein. Heute sind es gerade mal 6 t. Gleichzeitig sollen die Kosten pro Start um mehr als 50 % auf 100 Mio. Dollar reduziert werden.
An diesem Weiterentwicklungsprogramm der Ariane 5 namens „Ariane 5+“ beteiligen sich die Franzosen mit 50 % und rechneten bisher mit einer Beteiligung der Deutschen von 30 %. Bis zum Jahr 2006 könnte Deutschland das gut 600 Mio. DM kosten.
Bei den Treffen der ESA-Minister am 11./12. Mai will Bulmahn jetzt versuchen, die deutsche Beteiligung auf 25 % herunter zu handeln, gleichzeitig das ganze Ariane-5 +-Programm im Einvernehmen mit den Franzosen noch einmal um 10 % abzuspecken.
Ganz raushalten will Bulmahn sich bei einer Reihe anderer Projekte: zwei großen Telekommunikationsprojekten, die nach Berechnungen der ESA bis zum Jahr 2005 mindesten 350 Mio. Euro kosten werden, und an denen vor allem die Franzosen ein großes Interesse haben. Sie haben, stärker als die Deutschen, ihre nationale Forschung im Bereich der Telekom- und Multimediasatelliten gefördert.
Raushalten will Bulmahn sich auch aus dem ESA-Programm zur Schwerelosigkeitsforschung, das auf insgesamt knapp 100 Mio. Euro veranschlagt ist, und schließlich aus dem ESA-Technologieprogramm, das sich im wesentlichen mit Vorstudien zu neuen Trägersystemen beschäftigt, die in Zukunft „Wegwerfraketen“ wie die Ariane durch wiederverwendbare Raumfahrtsysteme ablösen sollen.
Während das Ausscheren aus dem Telekommunikationsprogramm und dem Schwerelosigkeitsprogramm der ESA eher ein Zeichen knapper Kassen ist, ist die Zurückhaltung bei dem Programm der zukünftigen Trägersysteme mehr ein Zeichen politischer Vorsicht.
Denn wenn der ESA hier eines fehlt, murren Branchenvertreter, dann ist es ein klares Konzept sowohl in der Frage der zukünftigen Trägersysteme wie in der ihrer eigenen Zukunft. Denn in bisher nicht veröffentlichten ESA-Plänen wachsen die Ausgaben für die Trägersysteme von knapp 100 Mio. Euro heute bis zum Jahr 2006 auf fast 600 Mio. Euro an – das nächte Milliardengrab.
Ähnlich diffus ist die Zukunft der ESA selber. Während Forschungsministerin Edelgard Bulmahn und ihr französischer Kollege Claude Allègre alles daransetzen, die ESA zu reformieren, zu verschlanken und wirtschaftlich effizienter zu machen, träumen die ESA-Manager von nahezu unbegrenzten Möglichkeiten. Während sich die großen Raumfahrtnationen bemühen, bei ihren Forschungsanstrengungen in Sachen Weltraum nicht den Markt völlig aus den Augen zu verlieren, träumt die ESA von einer „vollständigen Raumfahrt-Fähigkeit“, wie es kürzlich das Langzeit-Komitee der ESA formulierte.
Nach dem Jahr 2000, so das Komitee, sollen die ESA-Mitgliedsländer wieder mehr Geld in die Raumfahrt stecken, weil, wie das US-Beispiel zeige, Raumfahrt zunehmend zu einem integralen Bestandteil politischer, wirtschaftlicher und militärischer Führung werde.
Damit ist allerdings kaum zu rechnen.
Denn bei den großen Raumfahrtnationen wächst derzeit der Frust darüber, daß die ESA mit ihren Verfahren des „juste return“ – jedes Land erhält das zurück, was es einzahlt – den Wettbewerb in Sachen Raumfahrt bremst, Preise in die Höhe treibt und Prozeduren unnötig verlängert.
Parallel dazu befindet sich die europäische Raumfahrtbranche derzeit in einem großen Konsolidierungsprozeß. Der DaimlerChrysler-Konzern ist im Begriff, sein gesamtes RaumfahrTgeschäft – die Dasa – mit dem Raumfahrtgeschäft der französischen Aérospatiale/Matra Hautes Technologies und der italienischen Alenia zu einem gemeinsamen Konzern zusammenzufassen. Der soll noch in diesem Sommer seine Arbeit beginnen.
Hier kann sich der Nukleus eines europäischen Generalanbieters von Raumfahrtinfrastruktur entwickeln, der das Management von einzelnen Raumfahrtelementen wie dem europäischen Weltraumlabor Columbus aus den umständlichen Strukturen der ESA lösen und in ein professionelles industrielles Management in eigener Verantwortung übernehmen könnte.
moc
Siehe dazu den Beitrag in den VDI nachrichten in der kommenden Woche.
Das europäische Columbus-Labor, angedockt an die Raumstation. Die überproportionale deutsche Beteiligung an dem Labor wird zum Bremsklotz der deutschen Forschungsförderung.
Das Automated Transfer Vehicle soll als Lastenträger von der Ariane 5 aus die Raumstation versorgen.
Kommerzieller Hoffnungsträger, der zudem die Raumstation bedient: Die Ariane 5.

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