Raumfahrt 02.06.2000, 17:25 Uhr

Schwerelos wie ein echter Astronaut

zwanzig Sekunden am Stück können sie hier in Schwerelosigkeit forschen.

One minute“, dröhnt die kühle Stimme des Piloten aus dem Lautsprecher. Ich suche mir einen Platz auf der weißen Schaummatte, lege mich auf den Rücken, klemme einen Fuß unter eine der zahllosen roten Riemen, die über den Boden verspannt sind, drücke den Kopf fest auf die Matte, die Hände feucht, ein letzter Blick, über mir baumelt ein Pokemon am Bindfaden, warum tue ich mir das bloß an – ,,thirty seconds, twenty, ten, five, four, three, two, one, pullup“.
Die Nase des Airbus A-300 steigt steil nach oben, ich bilde mir ein, dass die Triebwerke lauter werden. Die Hände werden schwer, der Körper wird für endlos dauernde Sekunden in die Matte gepresst, mit 1,8 g, fast dem doppelten Körpergewicht. Der Fotoapparat, den ich mir auf den Bauch gelegt hatte, presst ein Loch in meinem Magen. Alles wird nach untern gedrückt, die Ohren der Kiefer, ein bisschen auch die Nerven.
Kaum lässt der Druck etwas nach, tönt schon wieder die unbeteiligte Stimme des Piloten: „thirty“, jetzt gibt er den Steigwinkel des Flugzeugs durch, „forty“, und dann: „injection“.
Und plötzlich ist alles anders. Unvorstellbar anders. Unvorbereitet schwebe ich in Richtung gepolsterte Flugzeugdecke, ich rudere in der Luft herum, die Überraschung ist größer als der Schreck, ein paar Hände halten mich, bevor ich gegen die Decke knalle, und dann schwebe ich, tatsächlich, ich schwebe, völlig unbeschwert, durch den Bauch des Airbus zusammen mit gut zwei Dutzend Wissenschaftlern und einer Hand voll von Sicherheitsleuten, von denen einer mich noch immer gepackt hält. Neben mir das Pokemon.
Vorsichtig rudere ich mit Armen und Beinen, viel bringt es nicht, die Hand hält mich gepackt, ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, diese Sensation zu verdauen, als schon wieder die Stimme des Piloten durch den Flieger tönt: „twenty“. Der Sicherheitsmann in seinem orangen Overall holt mich von der Decke und drückt mich auf dem Boden des Flugzeugs, wo ich doch so gern weiter durch die Gegend getrudelt wäre, „thirty“, dann „pullout“, und die Schwerkraft hat mich fast übergangslos wieder.
Aus den Augenwinkeln sehe ich noch den ein oder anderen Wissenschaftler, der sich zu spät nach unten bewegt hat, etwas unsanft neben seinem Experiment auf den Boden aufschlagen.
In sieben Sekunden stürzen wir jetzt wieder von nahezu völliger Schwerelosigkeit auf 1,8 g ab, nach einer Minute zieht der Pilot die Maschine hoch, dann schwebe ich wieder, nicht sehr überzeugend offenbar, denn die Hand in meinem Rücken lässt mich nicht los. Noch drei Mal fliegt der Airbus seine Parabeln, dann eine kurze Pause von vier Minuten, Zeit um diese spektakuläre Erfahrung etwas zu verdauen.Andere sind da routinierter, vielleicht auch nur abgelenkter. Axel Griesche hat vor Jahren auf einer Caravelle seine ersten Parabelflüge hinter sich gebracht. Jetzt ist er fast ununterbrochen damit beschäftigt, an seinem Experiment herum zu schrauben. Der Wissenschaftler von der TU Berlin untersucht in der Schwerelosigkeit die Diffusion von Flüssigkeiten in einer sog. Scherzelle, einem kleinen Plexiglasgehäuse. „Und mindestens so wichtig wie das Experiment ist für uns das Experimentiergerät selber“, erklärt er, während er konzentriert weiterschraubt, „die Diagnostik muss stimmen“.
Viel Platz bleibt Griesche in dem Flieger zum Schrauben nicht, unmittelbar neben ihm blinkt ein großer Kasten voller Glühbirnen auf, Wissenschaftler von Philips testen hier Möglichkeiten, die Lebensdauer von Glühlampen zu verbessern.
Jeder in dem Flugzeug ist irgendwie in Bewegung. Der Airbus A-300 ist in der Mitte zwar leergeräumt und mit weißem Schaumstoff ausgekleidet, aber da, wo einst die Stühle standen, stehen jetzt große und kleine Experimentiervorrichtungen, die Kanten in Schaumstoff verpackt, an jedem Experiment ist ein großer roter Knopf, das „Notaus“. Dazwischen gut 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die auf dem Boden hocken oder über ihren Experimenten schweben.
Parabelflüge, wie mit diesem Airbus, sind für sie die einzige Möglichkeit, auf der Erde in weitgehender Schwerelosigkeit zu experimentieren. Bei diesen Parabeln hat das Flugzeug eine Anfangsgeschwindigkeit von 345 Knoten (kn) bei 20 000 Fuß Höhe, steigt dann auf 25 000 Fuß, geht bei einem Steigwinkel von 45º und einer Geschwindigkeit von 250 kn vom Schub. Jetzt setzt für 22 Sekunden Schwerelosigkeit ein. Das Flugzeug steigt auf der Parabelkurve mit dem Schwung auf 28 000 Fuß, verlangsamt auf 130 kn und stürzt dann wieder mit 45º nach unten. Wenn die Maschine aus der unteren Kurve wieder nach oben zieht, wird für gut 7 sec das 1,8 fache der normalen Schwerkraft erreicht.
Überall sind Haltebänder verspannt, zwischen den Experimenten unterteilen Netze den Rumpf des Airbus, den Sicherheitskräften in den orangefarbenen Overalls entgeht nichts.
Wieder dröhnt die Stimme des Piloten aus dem Lautsprecher. Ich lege mich hin, die doppelte Schwerkraft drückt mich in den Schaumstoffboden – dann wieder dieses fast nicht zu beschreibende Gefühl der Schwerelosigkeit, wenn man mit nur einer lockeren Bewegung der Hand den eigenen Körper in der Luft um alle Achsen drehen kann. Einige der Wissenschaftler rollen sich zusammen und lassen sich von den Sicherheitsleuten durch die Luft wirbeln, fröhliche Wissenschaft.
Doch nach den ersten 15 Parabeln droht mein Canossa. ESA-Wissenschaftler Frits de Jong hat mich überredet, an einem Versuch teilzunehmen: Mit einem englischen Kollegen hat er eine Art Bauchtasche für Astronauten entwickelt, jetzt will er herausfinden, wie seine Tasche ankommt. Ich muss mich hinstellen, er schnallt mir die Bauchtasche um, die Füße werden auf einer Platte am Boden fixiert. ESA-Astronaut André Kuipers gibt mir ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg, „Bauch- und Beinmuskulatur anspannen, dann fließt nicht zu viel Blut bei den 1,8 g aus dem Kopf nach unten“.
Nervös halte ich mich an den Haltegriffen fest, dann zieht der Pilot die Maschine hoch, ich spanne die Beinmuskeln an, alle Last der Welt ruht kurzzeitig auf meinen Schultern, aber es kommt noch unangenehmer: Als plötzlich die Schwerelosigkeit einsetzt, habe ich mit den fixierten Füßen das Gefühl, alles Blut schießt mir durch die Schädeldecke.
Trotzdem fange ich sofort an, den Tascheninhalt aus- und einzupacken, dann in der Tasche ein kleines Lego-Auto auseinander zu nehmen und wieder zusammenzusetzen. Nach der dritten Parabel bricht mir der kalte Schweiß aus, die Gesichter, die mich beobachten, werden nachdenklicher, aber ich halte bis zur fünften Parabel durch, dann ist mir schlecht, ich lege mich hin und brauche ein paar Parabeln, um mich wieder zu beruhigen. Aber es klappt, der Mageninhalt bleibt drin – was nicht bei jedem meiner Mitflieger der Fall ist.
Nicht zuletzt deshalb arbeiten die Wissenschaftler im Team. Jens Struckmeier allerdings schwebt völlig unbehellig und entspannt über seinem Experiment. Zusammen mit einer ganzen Gruppe von Marburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern untersucht er das Verhalten mechanisch angeregter Knochenzellen in der Schwerelosigkeit. Auch er muss immer wieder seine Experimente überprüfen, die in mehreren großen, mit Styropor ummantelten Alu-Containern integriert sind.
Als ich mich das erste Mal souverän schwebend durch das Flugzeug gehangelt habe, ist auch schon alles vorbei. Nach 30 Parabeln landet der Airbus wieder auf dem Flughafen von Bordeaux. Nur eins ist klar: Morgen bin ich wieder dabei. WOLFGANG MOCK
Ja, wo fliegen sie denn?Jens Struckmeier, Wissenschaftler aus Marburg, versucht während einer Phase der Schwerelosigkeit den Fortgang seiner Experimente nicht aus den Augen zu verlieren.
Schrauben, was das Zeug hält: Axel Griesche von der TU Berlin justiert zwischen zwei Parabeln seine Scherzelle nach.
ESA-Wissenschaftler Frits de Jong mit der von ihm entwickelten Bauchtasche für Astronauten. Dahinter, völlig losgelöst, aber unsteten Blicks: der Autor.

Die Europäische Weltraumagentur

ESA hat seit 1984 insgesamt 28 Parabelflug-Kampagnen absolviert, zuerst mit einer Caravelle, seit 1997 mit dem Airbus A-300. Das entspricht ungefähr 16 Stunden relativer Schwerelosigkeit, in denen fast 400 Experimente durchgeführt wurden. In den kommenden Jahren plant die ESA pro Jahr jeweils zwei solcher Kampagen (je drei Flüge mit je 30 Parabeln).
Zwölf und mehr Experimente sind pro Flug möglich. Die Experimente stammen aus der Materialwissenschaft, der Biologie und der Medizin – hier vor allem die Reaktion des menschlichen Organismus auf die Schwerelosigkeit. Sie dienen meist der Vorbereitung auf die Internationale Raumstation ISS. moc

Von Wolfgang Mock

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