Satelliten 08.12.2006, 19:25 Uhr

Satellitennavigation geht exakte Wege  

Ob zur Einmessung bestehender Versorgungsnetze, bei Wartung und Reparatur oder beim Gasspüren. Die künftigen Galileo-Satelliten bieten neue Perspektiven. Mit dem EU-Projekt Giga, an dem E.on Ruhrgas beteiligt ist, will man die Satellitennavigations-Dienste weiter ausbauen.

Schon heute können die Energieversorger mit ihrem ausgedehnten Leitungsnetz kaum auf die Hilfe von Satellitennavigation (Global Navigation Satellite System – GNSS) verzichten. Die Vermessungsdienste werden immer weiter verbessert: So hat der Satelliten-Servicedienst ascos der E.on Ruhrgas in Essen neben den reinen GPS-Stationen ein Netz von weit über 60 hochgenau eingemessenen GPS- und Glonass-Referenzstationen aufgebaut, um die erforderliche Genauigkeit für die Positionierung von Erdgasleitungen mit GPS- und den russischen Glonass-Satelliten zu erzielen.

Erst kürzlich konnte ascos durch eine Kooperation mit den Stadtwerken Wolfsburg und den Harzwasserwerken/Harz Energie zwei weitere Stationen im südlichen Niedersachsen installieren. „Durch die zusätzliche Nutzung der Glonass-Daten haben wir jetzt eine erhöhte GNSS-Verfügbarkeit“, sagt Heiner Brandes von den Stadtwerken Wolfsburg, die neben den Harz Wasserwerken und Harz Energie zu den ersten Kooperationspartnern gehören. Eine bis zu 50 % bessere Verfügbarkeit lässt sich dadurch erzielen, weiß Peter Loef von E.on Ruhrgas und Leiter von ascos. Das wirkt sich auch auf die Messgenauigkeit aus: Normalerweise wird zum Einmessen von Leitungen 2cm Zuverlässigkeit gefordert.

Die Korrekturdaten von ascos nutzen die Stadtwerke Wolfsburg, um das Versorgungsnetz in Wolfsburg und Umgebung zu vermessen und in ein Geodateninformationssystem (GIS) zu übertragen. Zudem werden die Korrekturdaten für die Hausanschlusseinmessung verwendet, die mittels GPS- und Tachymetermessung erfolgt. „Dank Satelliten-Referenzdienst haben wir realere Daten im GIS und können bei Hausanschlussstörungen eine bessere Planauskunft geben bzw. die Störung schneller lokalisieren und beheben“, sagt Brandes. Auch Gelsenwasser gelingt es so, seine Leitungen nach Lage und Höhe mit 5 cm Genauigkeit wieder zu finden.

Trotz allem existieren aus Anwendersicht derzeit noch Schwachstellen bei der Nutzung von GNSS: Es gibt keine ausreichenden Integritätsinformationen, unter Umständen lange Fixing-Zeiten und Signalstörungen durch Multi-Path-Effekte in engen Häuserschluchten, was zu einer unzureichenden Verfügbarkeit in Städten führt, klagt Michael Stelz von E.on Ruhrgas. Die Konsequenz daraus: Die präzise Leitungsvermessung mit GNSS konnte sich noch nicht überall etablieren.

Das wird sich mit der künftigen europäischen Satellitennavigation Galileo ändern: Ein Geschäftsmodell in Public-Private-Partnership soll ab 2010 zudem Unabhängigkeit von den militärisch ausgerichteten Systemen (GPS und Glonass) bringen. Im Zuge des EU-Projektes Giga (Galileo Integrated Georeference Applications) unter Führung von E.on Ruhrgas wird der Betrieb eines Galileo-Servicecenters für Versorger angestrebt. Im Giga-Konsortium zeichnet E.on Ruhrgas für das Projektmanagement sowie als Serviceprovider, die Allsat GmbH für die Gerätetechnologie und BritishTelecom für die mobile Kommunikation verantwortlich. „Zielsetzung von Giga ist die Einführung der Satellitennavigationstechnologie in die Prozesse der Energiewirtschaft – auch unter Berücksichtigung der heutigen Positionierungssysteme“, so Michael Stelz, der dies kürzlich im Rahmen der IT-Trends-Energie in Essen vorstellte.

Hierin eingebunden ist auch die Initiative Navisat des Nordrhein-Westfälischen Anwenderverbundes für integrierte Sattelitennavigationslösungen/Galileo e.V. „Sie soll die Nutzung der Satellitennavigation weiter ausbauen sowie eine Brücke zwischen Infrastruktur und den vielfältigen anwenderspezifischen Problemstellungen schlagen, so Peter Loef, gleichzeitig Vorstandsvorsitzender von Navisat: Die Zeit sei nun reif für die Entwicklung wirtschaftlicher Anwendungen. Loef ruft Technologieunternehmen dazu auf, sich mit ihren Innovationen daran zu beteiligen – immerhin 500 Mio. € EU-Fördergelder stünden im Rahmen von Galileo zur Verfügung.

Die Notwendigkeit der geplanten Maßnahmen verdeutlicht auch Rainer Grohe, Leiter des Galileo Joint Undertakings: „Galileo wird die Prozesse in der Schlüsselbranche Versorgungswirtschaft nachhaltig verändern.“ Immerhin ist der Zielmarkt von Giga riesig: Gas- und Ölpipelines mit knapp 1,7 km Gesamtlänge liegen auf bzw. im europäischen Boden, hinzu kommen 8,3 Mio. km Stromleitungen.

Insgesamt 27 mögliche GNSS-Applikationen wurden identifiziert und untersucht: Von der Leitungssuche, über die -einmessung bis hin zur -wartung. 90 % aller Vermessungsaufgaben in diesem Bereich sollen so bis 2020 satellitengestützt erfolgen. Alles in allem wären dann 80 Satelliten im Orbit, was eine noch bessere Verfügbarkeit und höhere Genauigkeit auch ohne Referenzstationen bedeutet – insbesondere in städtischen Gebieten. „Der Wettbewerb unter den Systemen Galileo, GPS und Glonass wird den Markt auf jeden Fall beleben“, glaubt Stelz. Er rechnet mit einer Arbeitszeitersparnis von 30 % bis 70 % für die Versorger und einer Kostenersparnis von 30 %.

EDGAR LANGE

Ein Beitrag von:

  • Edgar Lange

    Freier Fachjournalist in Düsseldorf. Schreibt vor allem über IT-Themen.

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