Raumfahrt 25.02.2005, 18:37 Uhr

Raumfahrt vor dem Fadenriss

VDI nachrichten, Bremen, 25. 2. 05 -Der Start der Ariane 5 vor zwei Wochen war ein Erfolg für die europäische und deutsche Raumfahrtunternehmen. Doch die Zukunft ist unklar. Schon in wenigen Monaten gehen Teilen der Branche die Aufträge aus, Stellenabbau droht. Allein in Deutschland fehlen 38 Mio.  €.Was kommt nach der Ariane 5, was kommt nach dem europäischen Weltraumlabor Columbus?

VDI nachrichten: Die 10-t-Version der Ariane 5 ist Mitte Februar erfolgreich gestartet. Das europäische Raumlabor Columbus ist fertig. Alle großen Weltraum-Infrastrukturprojekte, an denen Deutschland beteiligt war, laufen aus. Was kommt danach?
Kind: Unser vorrangiges Ziel ist, das Ariane-System noch robuster und sicherer zu machen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir langfristig im Markt Erfolg haben. Gleichzeitig müssen wir die Zukunft vorbereiten. Denn es geht um den langfristigen Zugang Europas zum Weltraum.
VDI nachrichten: Ist dafür die Weiterentwicklung der Ariane zu einem noch leistungsfähigeren Träger für 12 t Nutzlast notwendig?
Kind: Für einen solchen Träger fehlt derzeit die Nachfrage. Deshalb sollten die Mitgliedsländer der Europäischen Weltraumagentur ESA diese Entscheidung einige Jahre aufschieben. Aber es darf kein Fadenriss entstehen zwischen den jetzt auslaufenden Entwicklungsprogrammen und der Grundsatzentscheidung über das europäische Trägersystem der nächsten Generation.
VDI nachrichten: Die Bremer EADS hat sich mit dem Raumgleiter Phoenix stark bei wiederverwendbaren Trägersystemen engagiert. Ist das die Zukunft?
Kind: Es wäre verfrüht und unseriös, schon heute eine Entscheidung pro oder contra wiederverwendbare Trägersysteme zu treffen. Unser Ziel ist, in den nächsten zwei, drei Jahren Technologiedemonstratoren zu bauen, neue kryogene Triebwerke zu entwickeln und zukünftige Trägersysteme zu untersuchen und dann eine Entscheidung zu fällen.
VDI nachrichten: Das europäische FLPP-Programm der ESA zur Entwicklung zukünftiger Trägersysteme sollte also über die gegenwärtigen 24 Mio. € hinaus deutlich aufgestockt werden?
Kind: In jedem Fall. Nur dann können wir die Phase von drei bis vier Jahren zwischen den auslaufenden und den zukünftigen Programmen überbrücken. Und wir würden keine Papierstudien produzieren, sondern Hardware bis hin zu neuen Triebwerkstechnologien. Damit hätten wir eine gute Entscheidungsgrundlage dafür, wo die Entwicklung einer neuen Generation von Trägern hingeht.
VDI nachrichten: Die schon seit Jahren in Deutschland schrumpfenden Kompetenzen sind damit zu halten?
Kind: Alles hängt davon ab, ob sich die ESA-Mitgliedsländer und Deutschland – das ja mit 30 % an dem Programm beteiligt ist – zu einer Aufstockung des FLPP-Programms durchringen.
VDI nachrichten: Werden Sie Phoenix in das FLPP-Programm einbringen?
Kind: Im Moment geht das noch nicht, aber ab 2007 wird das möglich. Bis dahin versuchen wir, das Phoenix-Programm national weiter zu entwickeln.
VDI nachrichten: Um wie viel müsste das FLPP-Programm aufgestockt werden?
Kind: Allein in Deutschland fehlen in den nächsten zwei Jahren 38 Mio. €, um unsere Ingenieurteams und damit deutsches Know-how zu erhalten. Bleiben die Mittel aus, haben wir ab Mitte dieses Jahres den befürchteten Fadenriss. Dann sind gut 200 hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Gefahr.
VDI nachrichten: Wo soll das Geld herkommen?
Kind: Da die Ariane nicht weiter entwickelt wird, gibt es hier neuen finanziellen Spielraum. Die ursprünglich geplante Weiterentwicklung der Ariane 5 hätte ja einige hundert Millionen Euro gekostet.
VDI nachrichten: Das US-Shuttle soll im Frühsommer erstmals wieder starten. Anfang 2007 soll das europäische Raumlabor Columbus zur Internationalen Raumstation ISS fliegen…
Kind: …mit etwas Glück vielleicht sogar schon im Herbst 2006…
VDI nachrichten: …aber 2010 wollen die USA das Shuttle einmotten. Ist das ein Problem für die sinnvolle Nutzung des europäischen Labors?
Kind: Nein. Möglicherweise ist das sogar eine Chance für Europa. Denn die Amerikaner brauchen dann ab 2010 ein Logistik-Modul, um zur Raumstation zu kommen. Und die Europäer haben mit dem Automated Transfer Vehicle, das auf der Ariane zur ISS geschossen wird, ein solches Logistikmodul. Da laufen bereits Gespräche mit den USA auf industrieller Ebene.
VDI nachrichten: Wächst mit der Einstellung des Shuttlebetriebs ab 2010 auch die Chance, dass in Zukunft eine russische Soyus-Rakete vom Ariane-Startplatz in Kourou aus Astronauten zur ISS schickt?
Kind: Darüber denken wir nach, wenn die Soyus in Kourou ihre ersten Starts erfolgreich hinter sich hat. Unwahrscheinlich ist es aber nicht.
VDI nachrichten: US-Präsident George W. Bush hat vor einem Jahr die Kolonisierung von Mond und Mars angekündigt, die Nasa scheint diesen Vorgaben zu folgen. Die ESA hat mit ihrem Aurora-Programm ein wesentlich bescheideneres Konzept vorgeschlagen. Deutschland will sich bisher aber nicht daran beteiligen.
Kind: Wenn sich Deutschland nicht am Aurora-Programm beteiligt, dann wird das für unsere Wissenschaft eine Katastrophe. Wir haben leistungsfähige automatische und Robotik-Systeme, die eine wichtige Rolle im Aurora-Programm spielen könnten. Niemand spricht doch davon, dass die Europäer einen Menschen auf den Mars schicken wollen. Unsere Kompetenz heißt Automatisierung und Robotik. Doch wenn die Bundesregierung beim Aurora-Program nicht mitmachen will, sind wir draußen.
VDI nachrichten: Geht die Konzentration auf dem europäischen Raumfahrtmarkt weiter? Was wird aus EADS und dem französischen Triebwerkshersteller Snecma?
Kind: Die Märkte schrumpfen, also wird auch die Konzentration weitergehen. Die deutsche Regierung ist über den Zusammenschluss von Snecma mit den Triebwerksaktivitäten der EADS nicht sehr glücklich, weil sie fürchtet, wir würden dann von den Franzosen dominiert. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der Gesellschaftervertrag zwischen Snecma und EADS wird schon sicherstellen, dass wir industriell unseren Einfluss behalten. Entscheidend ist letztlich, dass wir uns langfristig auf die Rückendeckung der Politik verlassen können.moc

Von Wolfgang Mock
Von Wolfgang Mock

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