Raumfahrt 31.08.2001, 17:30 Uhr

Peinliche Schlappe für Raumfahrt-Goliath Astrium

Über Jahre hat der Astrium-Konzern zivile Radarsatelliten in Deutschland gebaut und wurde dafür mit Millionensummen gefördert. Jetzt schnappt ihm der Bremer Raumfahrt- Mittelständler OHB den 600-Mio.-DM-Auftrag zum Bau mehrerer militärischer Radarsatelliten weg – als Folge wandern deutsche Steuergelder nach Frankreich.

Die Hiobsbotschaft traf Klaus Enßlin an seinem letzten Urlaubstag: Am Freitag vergangener Woche erfuhr Enßlin, Astrium-Geschäftsführer und in Deutschland für das Satellitengeschäft seines Unternehmens verantwortlich, dass ihm das kleine Bremer Unternehmen OHB eines der wohl lukrativsten Raumfahrtgeschäfte der letzten Zeit weggeschnappt hat: Den 600-Mio.-DM-Auftrag zum Bau des ersten deutschen Systems von militärischen Aufklärungssatelliten – SAR-Lupe genannt.
Seitdem Verteidigungsminister Rudolf Scharping 1999 im Balkankonflikt die Erfahrung machen musste, dass die Amerikaner ihn nur sehr selektiv an den Daten ihrer eigenen militärischen Aufklärungssatelliten teilhaben ließen, plant die Bundesregierung den Bau eines eigenen Systems von Radar-Aufklärungssatelliten – zumal auch immer mehr deutsche Soldaten in Auslandsmissionen unterwegs sind.
Im Herbst vergangenen Jahres fiel die vorläufige Entscheidung, das System wurde vom Bundesverteidigungsministerium ausgeschrieben. Im Mai dieses Jahres gaben zwei Wettbewerber ihr Angebot ab: der Raumfahrt-Goliath Astrium aus Friedrichshafen mit fast 1300 Mitarbeitern im Satellitenbereich und der Zwerg OHB aus Bremen mit gut 300 Mitarbeitern.
Drei Monate ließ sich das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) mit seiner Beurteilung der Angebote Zeit: Letzte Woche fiel die Wahl endgültig auf das OHB-System.
Die Details sind zwar geheim, doch was beide Systeme unterscheidet, ist vor allem die Zahl der Satelliten: Astrium hat ein System aus zwei SAR(synthetic aperture radar)-Satelliten vorgeschlagen, ausbaubar auf vier. Der OHB-Vorschlag sieht fünf Satelliten vor. Ab 2006 soll das System für zehn Jahre im All arbeiten. (Siehe Kasten)
Anfragen beim BWB blieben unbeantwort. Dennoch gilt als sicher, dass die BWB-Spezialisten das OHB-System dem Astrium-System gegenüber als technisch überlegen ansahen. Zudem soll der OHB-Vorschlag um 20 % preiswerter als das Astrium-Angbot sein, das bei nicht ganz 600 Mio.DM lag.
Diese Entscheidung ist eine böse Schlappe für Astrium-Chef Enßlin: Immerhin hat das Bundesforschungsministerium in den letzten 15 Jahren die Entwicklung der SAR-Technologie bei Astrium und seinen Vorläufern wie Dasa- und Dornier-Satellitensyteme mit mehr als 800 Mio. Euro gefördert. Kein Unternehmen hat in Europa mit zivilen Radarsatelliten so viel Erfahrung wie Astrium, das maßgeblich an Radarsatelliten wie ERS1 und ERS2 und Envisat beteiligt war. Doch diese Satelliten wurden nicht in einem vergleichbaren Wettbewerb ausgeschrieben.
Im offenen Rennen um das SAR-Lupe-Projekt hat nun der Zwerg OHB den Riesen Astrium aus dem Feld geschlagen – was die These belegen dürfte, dass kleinere Unternehmen doch die innovativeren sind – oder dass jahrelange öffentliche Förderung nur wenig Rückschlüsse auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen zulässt.
Die Entscheidung des BWB für das OHB-System ist allerdings nicht nur eine Schlappe für Astrium. Sie wirft auch ein Schlaglicht auf die desolate Technologiepolitik der Bundesregierung.
Denn anders als Astrium hat OHB so gut wie keine Erfahrung mit Entwicklung und Bau von Radarsatelliten. Folglich muss OHB die Radartechnologie für SAR-Lupe größtenteil zukaufen.
Dafür hat OHB das französische Unternehmen Alcatel mit ins Boot geholt: So wird dieser französische Raumfahrtkonzern jetzt die Schlüsselelemente für Radartechnologie der deutschen SAR-Lupe-Satelliten liefern.
Technologiepolitisch hat sich die Bundesregierung damit in eine paradoxe Situation manövriert: Nachdem das Bundesforschungsministerium jahrelang die Technologie ziviler Radarsatelliten mit 800 Mio. Euro gefördert hat, werden jetzt nicht unerhebliche Steuermittel ins Ausland fließen, wenn OHB eben jene Technologie für die SAR-Lupe-Satelliten in Frankreich wieder einkauft. Nur kommen die Mittel diesmal nicht aus dem Forschungs-, sondern aus dem Verteidigungsetat.
Für den Industriestandort Deutschland eine bedenkliche Entwicklung, findet auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Wir halten es für strategisch bedeutsam“, so DLR-Sprecher Peter Zarth, „dass die in Deutschland aufgebaute Expertise auf dem Sektor der hochauflösenden Radartechnologie auch in Deutschland erhalten bleibt, in die Entwicklung von SAR-Lupe einfließt und dadurch weiter ausgebaut wird.“
Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus. In den kommenden Wochen wird OHB-Chef Manfred Fuchs mit dem Verteidigungsministerium die Details des Angebots durchgehen. Eine Möglichkeit sieht er jedoch nicht: Dass Astrium aus Friedrichshafen an Stelle der französischen Alcatel die Radartechnologie für SAR-Lupe liefert. „Das“, so Fuchs, „lässt der Vertrag nicht zu.“
Bisher jedenfalls. Denn Verlierer Astrium wird versuchen, politisch Druck zu machen, um doch noch sein Radar-Know-how ins Spiel zu bringen.
Doch dann kommt die letzte Hürde: Im Oktober wird sich der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages mit der Finanzierung des Projekts befassen. Gegenwärtig besteht, so die Einschätzung des Haushaltsexperten der CDU, Dietrich Austermann, auch in der Bundesregierung die Neigung, weniger die Satelliten zu kaufen, sondern eher die Dienstleistung – sprich die Aufklärungsbilder. Das würde zwar kurzfristig den Verteidigungshaushalt entlasten, hieße aber, dass OHB Entwicklung und Bau des SAR-Lupe-Systems vorfinanzieren müsste und dann als privater Anbieter der Satellitenbilder auftritt. Das aber könnte über die finanzielle Kraft von OHB gehen. moc

Von Wolfgang Mock
Von Wolfgang Mock

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