Luftfahrt 18.05.2001, 17:29 Uhr

Neues Profil für Boeing

Nur sieben Wochen brauchte der Luft- und Raumfahrtriese Boeing, um sich einen neuen Firmensitz zu suchen. Jetzt zieht das Hauptquartier nach Chikago – Signal des Aufbruchs und der Konzentration auf neue Geschäftsfelder.

Leicht war sie nicht“, so Boeing Chef Phil Condit Ende letzter Woche, „die Entscheidung für Chikago.“ Aber sie fiel dann doch, und schneller als viele erwarteten. Spätestens im September kommenden Jahres werden 500 Boeing-Mitarbeiter von der gegenwärtigen Zentrale in Seattle in die neue Konzernzentrale in Chikago umgezogen sein.
In Seattle, wo Boeing seit 1916 seinen Firmensitz hatte, bleiben die 70 000 Beschäftigten der Flugzeugproduktion.
Doch Boeing zieht nicht nur einfach um: Boeing sucht eine neue Identität. Boeing will mehr sein als der Hersteller von Passagierflugzeugen, als der Rüstungsgigant oder als der Bauherr der Internationalen Raumstation ISS – Boeing will mit neuen Geschäftsfeldern ein neues Profil gewinnen. Der Umzug ist dabei ein wichtiger Schritt.
Der Umzug soll auch versinnbildlichen, dass die Fusion mit McDonnell Douglas verdaut und die Bestandteile der beiden Konzerne mittlerweile so weit integriert sind, dass es eine gemeinsame, funktionierende Identität gibt.
Künftig will der Boeing-Konzern jedoch vor allem in zwei neuen Geschäftsfeldern wachsen – und hier zweistellig, so Condit.
Unter dem Stichwort „Connexion by Boeing“ will das Unternehmen mobile, breitbandige Kommunikation an Bord von Flugzeugen anbieten, Jets zu fliegenden Büros machen und zugleich individuell gestaltbare Multimedia-Unterhaltung an Bord anbieten. Technische Voraussetzungen sind spezielle Antennen (phased array antennas), die ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt wurden. Als Content-Provider hat Boeing das US-Unternehmen ScreamingMedia gewonnen und für die Verbindung zwischen Erde und Flugzeug hat Boeing auf existierenden Kommunikationssatelliten Kapazitäten angemietet.
Was bisher noch fehlt, sind Kunden – sprich Fluglinien – die das Connexion-Paket in ihren Flugzeugen einsetzen wollen. Doch die werden wohl auf der Luftfahrtshow Mitte Juni in Paris vorgestellt. Auf 70 Mrd. Dollar wird der Markt für solche Dienste in den nächsten zehn Jahren geschätzt.
Ein Ableger dieses neuen Geschäftsfelds ist Boeings „Cinema Connexion“. Geschäftsidee ist dabei die satellitengestützte Übertragung von Spielfilmen, um so das Kopieren und den Transport der Filmrollen zu vermeiden. Zum ersten Mal hat Boeing diese Technik im April in den USA vorgestellt, als sie das Musical Jekyll & Hyde via Satellit auf eine Filmleinwand am Broadway beamten.
Die notwendige Technologie für die Übertragung derartig großer Datenmengen sowie deren Kompression und Verschlüsselung beruht ebenfalls auf militärischem Know-how, das Boeing mit der Übernahme von Hughes Electronics Corp. erworben hat.
Das zweite neue Geschäftsfeld ist die Flugsicherung. Der Ansatz von Boeing ist dabei, vom bodengestützten Air Traffic Management (ATM) wegzukommen hin zu einem satellitengestützten System. Boeing setzt dabei auf leistungsfähige, bildgebende Satelliten, – ebenfalls Know-how aus der Militärtechnik des Konzerns. Außerdem kaufte Boeing letztes Jahr den Weltmarktführer für Luftfahrtkarten, Jeppesen.
Das Interesse von Boeing an diesem Geschäftsfeld liegt auf der Hand: Nur wenn in den Ballungsräumen des Luftverkehrs durch effiziente Flugsicherungssysteme Platz in der Luft geschaffen werden kann, kann Boeing auch mehr Flugzeuge verkaufen.
Parallel zur Suche nach neuen Geschäftsfeldern strebt Boeing auch eine stärkere Internationalisierung an: In Madrid wird der Konzern deshalb sein erstes Forschungszentrum außerhalb der USA aufbauen, mit der russischen Luft- und Raumfahrtindustrie sind langfristige Kooperationsvertrage geschlossen worden.
Doch auch in seinem traditionellen Geschäftsfeld, dem Flugzeugbau, verlässt Boeing ausgetretene Pfade und untersucht derzeit die Idee des Sonic Cruiser, eines Flugzeuges, das zwar nicht größer als die heutigen ist, dafür aber viel schneller – knapp an der Schallgeschwindigkeit.
Technisch ist das eine Herausforderung, die sich mit dem Aufbau eines neuen Geschäftsfeldes durchaus vergleichen lässt. Denn Boeing stellt mit dem Sonic Cruiser ein radikal neues Flugzeugkonzept vor.
Für Condit ist der 250-sitzige Sonic Cruiser dabei nur der Anfang. Wenn sich Boeing dazu entschließt, den Sonic Cruiser zu bauen, wäre sie das erste Mitglied einer neuen Flugzeug-Familie. Boeing-Studien haben gezeigt, dass der Cruiser nicht nur auf den Langstrecken, sondern auch auf mittleren Entfernungen Sinn machen kann. Die Airlines könnten auf den transkontinentalen Strecken in den USA wie Los Angeles-New York oder San-Francisco-Washington ihre Produktivität deutlich verbessern, wenn die Flüge eine Stunde kürzer sind.
Trotz aller neuen Geschäftsfelder und -ideen wird der Bereich Zivilflugzeuge so auch langfristig das wichtigste Standbein bleiben. Phil Condit kann sich „nicht vorstellen“, dass der Anteil der Passagierflugzeuge am Umsatz auf weniger als 50 % sinken könne. Derzeit liegt er bei 60 %.
Was die Zukunft angeht, ist Condit optimistisch. So lange sich die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den USA nicht in eine echte Rezession auswachsen, werde Boeing davon „vergleichsweise wenig berührt“ werden. Um durchschnittlich 5 % pro Jahr soll, so Prognosen von Boeing und Airbus, die Nachfrage nach neuen Flugzeugen in den nächsten 20 Jahren wachsen.
Und schließlich werden die Pläne der neuen US-Regierung zur National Missile Defence, zur Aufrüstung des Weltraums und zur Entwicklung innovativer „Information-Warfare“-Technologien Milliarde in die Kassen von Boeing spülen.
So hat auch Wall Street Boeing nach der Bekanntgabe seiner Pläne wieder schätzen gelernt. Die Kurse sind von 52 Dollar Mitte März auf über 66 Dollar angestiegen. Nach der Fusion mit McDonnell Douglas, den anschließenden Integrationsschwierigkeiten und nach Problemen bei der Flugzeugproduktion war der Börsenwert des Unternehmens zeitweise so tief gefallen, dass es Gerüchte gab, General Electric (GE) könne Boeing ganz oder teilweise übernehmen.
Davon ist mittlerweile nicht mehr die Rede. Mit den neuen Geschäftsfeldern wird Condit den Konzern umbauen, jedoch nicht zu einer klassischen Holding, in der jede Einheit im Prinzip das tut, was sie für richtig hält.
Zwar werden die drei Chefs der Bereiche Zivilflugzeuge, Militär und Raumfahrt künftig mehr Freiheiten genießen und dürfen sich mit dem Titel „President and Chief Executive Officer“ schmücken. Aber Condit will, dass sich die Geschäftsfelder weiterhin gegenseitig beeinflussen und gegenseitig von Produktentwicklungen, wie etwa aus dem Zukunftslabor „Phantom Works“, profitieren. Auch der gemeinsame Konzerneinkauf soll möglichst erhalten bleiben.
Pläne, einen der drei Bereiche separat an die Börse zu bringen, gibt es derzeit folglich nicht. Im Gegenteil: Der Konzern wird weiterhin selbst nach Übernahmekandidaten suchen, wenn dieser das Portfolio sinnvoll ergänzt.
Auch der Sonic Cruiser, das hat Boeings Finanzchef, Mike Sears, klar gemacht, wird nur dann gebaut, wenn damit Geld zu verdienen ist. Schon im nächsten Jahr will Condit mit möglichen Kunden in ernsthafte Vertragsgespräche einsteigen. Zeigen sich diese interessiert, könnte die Maschine im Jahr 2006/2007 erstmals an eine Airline ausgeliefert werden.
Condit hat auch keine Bedenken, dass der geplante Sonic Cruiser mit den Modellen 767 und 777 konkurrieren könnte. „Es ist keine gute Strategie, wenn man um jeden Preis vermeiden will, sich selbst Konkurrenz zu machen“, so Condit. Denn wenn das technische Konzept Sinn mache und Boeing die Maschine nicht baue, dann werde jemand anderes auf die gleiche Idee kommen, und der Markt sei vollständig verloren. jfl/moc

Ein Beitrag von:

  • Jens Flottau

  • Wolfgang Mock

    Redakteur und Reporter VDI nachrichten. Fachthemen: Wissenschafts- und Technologiepolitik, Raumfahrt, Reportagen.

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