Satelliten 16.04.1999, 17:21 Uhr

Keine Hilfe aus dem All

Fliehende Menschen finden die Spione im All nicht. Gebiete, die Satelliten mit hochauflösenden Bildern abdecken, sind zu klein, um Flüchtlinge kontinuierlich zu verfolgen. Außerdem behindern kurze Überflugzeiten und Wolken die Arbeit der optischen Erdtrabanten.

Das Entsetzen war lähmend: Nur noch leere Straßen und Grenzübergänge, zehntausende Menschen waren über Nacht an den Grenzen des Kosovo verschwunden – wie ausgelöscht. „Was ist diesen Menschen passiert?“, fragten die Reporter vor Ort. Befürchtungen wurden laut, daß sie wie Vieh zusammengetrieben und als Geiseln oder „menschliche Schutzschilde“ gegen die Nato-Bombardements in der Nähe von Kasernen, Straßen und Flughäfen festgehalten würden.
Die Journalisten bekamen von den verantwortlichen Politikern und Militärs keine Antwort. Trotz der immer wieder betonten „technischen Überlegenheit“ scheint deren Aufklärungsmaschinerie aus Satelliten, unbemannten Spionageflugzeugen und Fernaufklärern hilflos zu sein. Den hohen, von den Militärs oftmals geschürten Erwartungen, scheint ihre Technik nun nicht gewachsen.
Die Chips, die in den Satelliten die digitalen Bilder speichern, können nicht beliebig viele Daten aufnehmen. Darum sind die Detailtreue und die Größe des Gebietes, das erfaßt wird, begrenzt. Als Fausregel gilt: Je höher die Auflösung, desto kleiner das beobachtete Gebiet.
„Die Größe eines Bildes ist auf „einige 1000 Bildpunkte in jeder Richtung beschränkt.“, sagt Udo Renner, Professor am Institut für Luft- und Raumfahrt der Technischen Universität Berlin. Die genauen Möglichkeiten ihres Technik geben die Militärs aber nicht bekannt.
Und die Auflösung von Satellitenbildern ist von der Größe der Pixel auf den elektronischen Bildsensoren abhängig. „Die technische Grenze liegt bei 5 – 10 mm“, erklärt Renner. Kleinere Pixel würden zwar detailliertere Bilder zulassen. Solche Pixel wären aber nicht lichtempfindlich genug und ließen sich auch nur noch schlecht auslesen.
Auf die Details kommt es den Militärs aber an, wenn sie Fahrzeuge oder Gebäude identifizieren wollen. Um so viele Details wie möglich zu erwischen, sind darum im Orbit verschiedene „niedrigfliegende“ Satelliten unterwegs, die in einer Höhe von 300 km bis 800 km um die Erde kreisen. Die meisten von ihnen seien mit Spiegelteleskopen ausgerüstet, sagt Renner. In einem kleinen Satellit mit einer Kantenlänge von 32 cm mal 32 cm, wie ihn in den kommenden Monaten auch die TU Berlin von Indien aus starten will, ließe sich dabei ein Spiegelteleskop mit einer Brennweite von 1000 mm unterbringen – das entspricht etwa einer zwanzigfachen Vergrößerung gegenüber dem normalen optischen Eindruck. Mit solchen kleinen Satelliten und allgemein verfügbaren Sensoren ließen sich heute Bilder von einer Fläche von 25 bis 100 km2 und einer Pixelgröße mit Kantenlänge von 5 bis 10 m erreichen. Diese orbitalen Weitwinkelobjektive lassen also nur Beobachtung in groben Zügen zu. Satelliten wie der amerikanische Landsat decken laut Renner zwar größere Flächen ab, die Auflösung sei aber nicht besser als.
Die besten kommerziellen Satelliten arbeiteten dagegen mit Teleskopen von etwa 8000 mm oder 8 m Brennweite. „Ein Pixel entspricht dann etwa einem Quadratmeter“, sagt Renner. Solche Bilder sind heute auch schon frei verkäuflich. Allerdings hat die amerikanische Regierung sich das Recht vorbehalten, amerikanischen Betreibern den Verkauf solcher Bilder in Kriegszeiten zu verbieten. Doch auch Inder und Russen bieten Luftaufnahmen an, wenn auch mit niedrigerer Auflösung: Gegen deren Verkauf ist die amerikanische Regierung weitgehend machtlos.
Die Fachzeitschrift „Space News“ berichtet in einer ihrer letzten Ausgaben, daß die US-Geheimdienste und das Militär Bilder mit Auflösungen bis zu einem Meter in Zukunft bei privaten amerikanischen Satellitenbetreibern erwerben wollen. Mit diesem Zukauf wollen die US-Militärs ihren Bedarf an „Basisinformatinen“ stillen, um sich stärker auf ihre eigenen, „anspruchsvolleren“ Satelliten und Forschungsprogramme zu konzentrieren.
Die Amerikaner arbeiten an optischen Satelliten für das Militär schon seit 1958. Es gilt als sicher, daß solche „anspruchsvolleren“ Satelliten mit noch größeren Brennweiten, inzwischen Auflösungen von etwa 15 mal 15 cm realisieren können – aber dann nur noch ein sehr kleines Fenster überblicken. Dazu kreisen Satelliten der sogenannten KH-11 und KH-12 Reihe um die Erde, die einen Durchmesser bis zu 4,5 m, eine Länge von 15 m haben und bis zu 18 t wiegen sollen. Sechs solche großen, jüngeren Satelliten betreiben die USA angeblich.
Für die Flüchlinge im Kosovo bedeutet das: Man kann zwar einen einzelnen Menschen mit hochauflösender Optik erkennen, man muß aber vorher wissen, wo man suchen will. Mit den kleinen Ausschnitten, die solche Spionagesatelliten bieten, lassen sich nämlich keine großflächingen Gebiete absuchen. Einzelne Menschen lassen sich zudem nur ausmachen, wenn sie unter freiem Himmel stehen, sich also nicht in Wäldern oder Häusern aufhalten.
Dazu komme, sagt Experte Renner, daß ein niedrig fliegender Satellit nur zwei bis drei Mal am Tag Europa überquert. Bei einer Umrundungszeit für die gesamte Erde von 100 min. beträgt die Flugzeit über Europa nur rund 10 min. Über dem kleinen Kosovo ist so ein Satellit nur noch einige Minuten, und das nur ein bis zwei mal am Tag.
Auch geostationäre Satelliten, die still über Europa stehen und Yugoslawien und das Kosovo ständig im Blick haben, sind keine Hilfe: Sie sind mit 36 000 km Höhe so weit entfernt, daß sie keine verwertbaren Bilder liefern können.
Außerdem versagen die optischen Systeme, wenn Wolken über Yugoslawien liegen. Darum gibt es neben den fliegenden Ferngläsern noch Erkundungssatteliten mit Infrarot- (IR) und Radarsignalen. IR ist dabei, so Renner, zwar in der Lage, trockene Wolken wie zum Beispiel bei Bränden, zu durchdringen, versagt aber schon bei nassen Regenwolken und habe außerdem eine schlechte Auflösung. Auch Radarsignale, die sich ihre Bilder aus der Laufzeit des Funkechos berechnen, böten nur Auflösungen im Bereich von 10 m und taugen daher für die Personenerkennung nicht.
Genau wie Renner hält darum auch der Physiker Herbert Scheingraber vom Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik Satelliten für ungeeignet, um die Flüchtlinge im Kosovo zu beobachten. Zum Suchen von Menschen sind die unbemannten Flugzeuge der Nato, die sogenannten Drohnen, besser. Davon gibt es hunderte Typen, die aussehen wie kleine Flugzeuge oder Marschflugkörper. Die Drohnen der deutschen Soldaten vom Typ CL-289 rasen mit 800 km/h in 400 m Höhe über dem Erdboden. Doch auch mit den Drohnen lassen sich die Vertriebenen kaum ausmachen, gesteht Vice-Generalinspekteur Hans Frank ein. Die Bundeswehr will ihre „unbemannten Luftfahrzeuge“ jetzt einsetzen, um wenigstens die Zerstörung von Häusern im Kosovo zu dokumentieren.
MARCUS FRANKEN
Fernerkundungs-Satelliten wie der europäische ERS-1 liefern wichtige Daten über unseren Planeten. ERS-1 umrundet alle 100 min die Erde. Seine Daten werden vor allem für den Umweltschutz ausgewertet.

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