Satelliten 26.01.2001, 17:28 Uhr

Ingenieure kontrollieren einen Himmel voller Programme

Über tausend TV- und Radioprogramme hängen von ein paar Satelliten ab, über die Tag und Nacht Ingenieure bei SES, einem der größten Satellitenbetreiber der Welt, wachen. Ein Fehler und Millionen von Fernsehzuschauern empfangen kein Bild mehr.

Der Raum ist halbdunkel. Es gibt keine Fenster, kein Tageslicht. Unter gedämpften Leuchten flimmern Bildschirme. Hier arbeitet Cedrik Polidori an der Arbeitsinsel in der Mitte des Raumes gemeinsam mit seinen Kollegen. Sein Blick tastet immer wieder die elf Bildschirme in der unteren und sieben in der oberen Reihe ab. Hinter ihm flimmert es nochmals von 13 Monitoren. Der 36-Jährige ist Satellitenspezialist und beobachtet anhand der Messwerte genau, was sich 36 000 km über seinem Kopf am Himmel abspielt. Der hängt dort nämlich voller Satelliten – zumindest auf 19,2° Ost und 28,2° Ost.
„Für jeden Satelliten gibt es einen Bildschirm, der mir die Telemetrie-Werte anzeigt – rund 5000 pro Satellit“, erklärt Polidori. Er ist Mitglied des 18-köpfigen Ingenieur-Teams im Kontroll-Raum der Société Européenne des Satellites (SES). Das luxemburgische Unternehmen ist die Betreibergesellschaft von Astra, dem führenden Satellitensystem für den Direktempfang von Fernseh-, Radio- und Multimediadiensten in Europa.
Zehn Astra-Satelliten übertragen digitale und analoge Programme, erreichen 80 Mio. Haushalte in ganz Europa. Ohne sie gäbe es auf vielen heimischen TV-Geräten keine ARD und kein ZDF, keine BBC, kein DSF, Arte oder Canal +. Insgesamt sind es über 1000 Programme. Allein in Deutschland empfangen 12 Mio. Zuschauer ihr Programm via Satellit. Und zunehmend kommen auch Internet- und Multimediadienste über High Speed Internetdienste dazu: Webcasting, Business TV, schnelles Shopping und Downloads.
Wenn der Empfang nicht funktionieren würde – das wäre nicht auszudenken. Weder für SES, noch für die Sender, noch für die Zuschauer. Deswegen arbeiten Polidori und seine Kollegen Tag und Nacht im Schichtdienst des Kontrollraums. Er ist das Herzstück der Betreibergesellschaft. Auf ihren Schultern lastet die Verantwortung.
Der Ingenieur beobachtet aufmerksam eine grüne Linie am Monitor. Wenn sie Kurven anzeigt, weicht der Satellit von seiner Position ab. Das passiert öfter. „Denn die Masse des Himalaja zieht den über dem Kongo stehenden Satelliten an“, sagt Polidori. Durch die Taumelbewegung schwankt dann die Messlinie. In diesem Fall kann der Experte fingerlange Mini-Raketen zünden, die am Satelliten angebracht sind und mit dem Treibstoff Hydrazin betrieben werden. Die gleichen Düsen dienen auch dazu, die Satelliten auf die gewünschte Höhe zu katapultieren, wenn sie von den Trägerraketen nach nur 350 km ins All entlassen werden. Und was geschieht, wenn der Treibstoff aufgebraucht ist?
„Der Satellit kommt auf den Friedhof im All“, grinst Polidori, „dann lässt er sich nicht mehr steuern.“ Das ist aber erst nach rund 15 Jahren der Fall. Zwar gibt es die SES seit 1985, aber einen Friedhof hat sie noch nicht begründet. Bislang stehen sieben Satelliten auf der Position 19,2° Ost und weitere drei auf 28,2° Ost. Am 20. Dezember wurde ein neuer Satellit gestartet, drei weitere sind in Planung und schon bestellt bei Herstellern wie Lockheed oder Boeing.
„Da tut sich ständig etwas in der Technik, deswegen ist mein Job auch so interessant“, freut sich Polidori. Seine Kollegen sind genauso fasziniert. Sie kommen aus Deutschland, Großbritannien, Belgien, Luxemburg und Frankreich. Neben ihrem Studium haben viele von ihnen schon praktische Erfahrungen gesammelt. Polidori z.B. hat für ein britisches Raumfahrtunternehmen und für die belgische Armee gearbeitet. In Luxemburg wurde er noch ein halbes Jahr lang im Training-on-the-job getestet, bevor er im Kontrollteam mitmachen konnte.
Heute ist es ruhig im Kontrollraum. Zeit, um Tests durchzuführen. An der Wand flimmert ein Befehl: „21:04:56 Manoeuvre Turn on IRU Heater for Nr. XY“. Hier gibt es für jede Aufgabe einen Zeitplan und eine genaue Prozedur. Sie stehen noch einmal in den Ordnern an der Wand beschrieben. Für jeden Satelliten gibt es eine eigene Farbe: weiß, blau, rot, grün.
Alain Pierre braucht die schriftlichen Hilfen nicht. Der 26-Jährige testet, wie sich die Antriebsgeschwindigkeit des Satelliten verändert. Nur vor hektischen Momenten – wie bei einer Sonnen- oder Mondfinsternis oder bei von den Sendern gewünschten Neukonfigurationen – schaut er lieber noch einmal nach.
Bald wird Pierre auch in diesen Situationen mehr Sicherheit haben: Im Sommer diesen Jahres wird ein noch größeres Kontrollzentrum eingeweiht. Dann gibt es sechs neue Kollegen und für jeden Satelliten mehr als zwei Bildschirme. „Denn wenn was passiert, müssen wir schnell die Lösung finden“, sagt Pascal Fellerich. Der 31-Jährige kümmert sich seit fünf Jahren um Probleme. „Ein TV-Programm ist in dieser Zeit noch nie ausgefallen“, freut er sich.
SES betreibt aus Sicherheitsgründen zwei weitere Kontrollzentren. Wenn wirklich einmal etwas schief läuft, melden sich die Sender im Network Operation Center, das ein paar Türen entfernt vom Kontrollraum liegt. Über 64 Bildschirme flimmern Fernsehprogramme, die SES ständig aufzeichnet. „Nicht immer sind wir die Fehlerquelle, das kann auch ein Problem zwischen Abspielstation und Studio sein“, meint Marketing-Chef Yves Feltes.
Über den Tastaturen, Reglern, Monitoren und roten Lämpchen erscheint auf einem aufgehängten Bildschirm die Warnung „18:00 Erfurt/ Cloche d“Or Chatt 49″. Für den Techniker ist es das Signal zum Umschalten von Erfurt auf Luxemburg. Wenn er die Taste in Luxemburg drückt, sieht der Zuschauer daheim ein leichtes Flimmern. Dann ist der doppelt belegte Kanal für das deutsch-französische Kulturprogramm Arte freigegeben, das er sich mit einem von Erfurt aus gesendeten Kinderkanal teilt. Arte sendet erst ab 18 Uhr. Das Programm wird von der Bodenstation in Luxemburg Richtung Satellit gesendet und dann von Astra auf die Erde ausgestrahlt.
Die dazu notwendigen Antennen stehen vor dem Schloss Betzdorf, dem ersten Firmensitz des Unternehmens, und rund um das neue gläserne, futuristisch anmutende Kontrollzentrum. Weiß und majestätisch heben sie ihre Halbschalen zum Himmel.
Die 17 Antennen haben einen Durchmesser von 9 m bis 13 m. Alle paar Minuten ertönt ein leises, alarmierendes Surren. Dann dreht sich eine der riesigen Schüsseln auf ihrem 2 m bis 3 m hohen Gestell um ein paar Grad. Sie geben den hoch im All schwebenden Satelliten Kommandos zum Halten der Position oder teilen ihnen mit, wie sie die Sonnensegel drehen müssen. Andererseits empfangen die Schüsseln auch Daten von den Satelliten – von der Temperatur über das elektronische System bis hin zum Batterieladestand. Die Telemetrie-Anlage übermittelt alle Informationen ins Kontrollzentrum. Für jeden Satelliten gibt es mindestens eine Ersatzantenne. Denn eine ist ständig in der Wartung.
Marketingchef Feltes vergleicht die Position der Satelliten mit einem imaginären Rechteck von 140 km x 70 km. „Darin befinden sich die Satelliten – mit je mindestens 9 km Abstand. Das dient der Sicherheit und vermeidet den Schattenwurf.“ Die Bodenantennen senden Signale ins All und messen die Zeit bis zum Rückempfang. So können sie die Positionen genau bestimmen.
Cedrik Polidori sieht die Parabol-Antennen immer, wenn er von der Schicht nach Hause geht. Er weiß, dass sie Programme in Europa, Asien und Südamerika kontrollieren, wo die SES an Partnern beteiligt ist. Wohl im Sommer werden die Luxemburger einen Deal mit einem US-Betreiber bekannt geben. Dort, über Nordamerika, befindet sich das letzte Loch am SES-Himmel. Das Unternehmen will durch den Deal zum weltweit größten Satellitenbetreiber werden.
Für Polidori bedeutet das eine neue Herausforderung, ganz neue Satelliten, neue Kontrollbildschirme – und neue Fehlerquellen. Er freut sich schon darauf. CORDELIA CHATON
www.ses-astra.com

Neue Satelliten

Mehr Power im All

Im Juni dieses Jahres wird der zwölfte Satellit der Astra-Flotte ins All geschickt. Der von Boeing Space Systems gebaute Trabant startet mit einer Trägerrakete von Baikonur, Kasachstan, aus. Mit dem Astra 2 C will SES zusätzliche digitale Übertragungskapazitäten bereitstellen. Im Dezember soll der Astra 1 K im All stationiert werden. Mit 5250 kg ist der von Alcatel Space konstruierte Typ der schwerste Satellit, der je in Europa gebaut wurde. Künftig soll er Übertragungskapazitäten von vier Satelliten ersetzen und Spotbeams für die iberische Halbinsel und Osteuropa bereitstellen. rb

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