Raumfahrt 07.05.1999, 17:21 Uhr

Industrielles Management im Weltall

Zusammen mit ihren europäischen Partnern will sie Betrieb und Nutzung des Weltraumlabors Columbus zum Fixkostenpreis übernehmen.

Seit Monaten schon weigert sich Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn, auf die Forderung der bundesdeutschen Raumfahrtbranche nach einer drastischen Erhöhung der Fördermittel für die Raumfahrt einzugehen. Seit Monaten verweist sie auf den überproportionalen Anteil der Raumfahrtforschung an ihrem Haushalt – 1,6 Mrd. DM jährlich bei einem Gesamthaushalt von knapp 15 Mrd. DM. Und seit Monaten verlangt sie von der Raumfahrtindustrie „größere Verantwortung bei der Finanzierung der (Raumfahrt-) Programme und eine Beteiligung an den Risiken“ dieser Programme.
Jetzt zeigte ihre Beharrlichkeit Erfolg: Kurz vor dem am 11. und 12. Mai stattfindenden Treffen der in Europa für die Raumfahrt zuständigen Minister in Brüssel hat die DaimlerChrysler Aerospace (Dasa) mit ihren französischen und italienischen Partnern und mit Unterstüzung des deutschen Forschungszentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) einen wohl einmaligen Vorschlag gemacht: Die Industrie will über einen Zeitraum von zwölf Jahren, von 2001 bis 2013 , den Betrieb und die Nutzung des Europäischen Weltraumlabors Columbus zu einem Fixkostenpreis von 3 Mrd. Euro (knapp 6 Mrd. DM) übernehmen.
Der Gedanke, der dahinter steht, hat im kleineren Maßstab bereits Tradition: Nachdem es schon beim Bau des Europäischen Weltraumlabors Columbus immer wieder zu Kostenüberschreitungen kam, hat die europäische Industrie – allen voran die Dasa als Systemführer – vor Jahren mit der ESA einen Festpreis von 1,3 Mrd. DM für den Bau des Labors ausgehandelt. Damit war zumindest die Gefahr unkontrollierbarer Preissteigerungen gebannt.
Von allen ESA-Mitgliedsländern hat sich Deutschland am stärksten bei Bau, Betrieb und Nutzung des Weltraumlabors Columbus engagiert: mit 41 % am Bau und mit knapp 38 % auch an Betrieb und Nutzung . Industrieller Systemführer ist die Dasa.
Derzeit wird noch an dem Columbus-Labor gebaut. Ende 2003 soll es an die Internationale Raumstation angedockt werden – dann beginnen Betrieb und Nutzung des Labors. Und auch diese Phase will die Industrie nun über einen Festpreis abwickeln.
„Die Dasa“, heißt es in einem Papier, das in diesen Tagen an ESA-Chef Antonio Rodota und Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn ging, „übernimmt als Hauptauftragnehmer die Gesamtverantwortung für Betrieb und Nutzung des europäischen Leistungsanteils der Internationalen Raumstation ISS (von 2001 bis 2013) zu einem Gesamtpreis“- eben jene 3 Mrd. Euro.
Dafür bietet die Industrie ein komplettes Paket an: den „engineering support“ sowohl für das Weltraumlabor Columbus selbst, aber auch für das Versorgungsmodul ATV (Automated Transfer Vehicle), welches mit der Ariane 5 zur Raumstation gebracht werden und dort andocken soll, um die Station mit Nachschub zu versorgen.
Dazu kommt das Management des Columbus-Labors, die Entwicklung und Durchführung von Experimenten an Bord des Labors und die Beschaffung der zur Versorgung des Labors notwendigen Ariane-5-Raketen samt der ATV-Module.
Hintergrund auch dieses Industriangebots ist die Befürchtung unkalkulierbarer Kostenentwicklungen, die über den geplanten zehnjährigen Nutzungszeitraum des Columbus-Labors nach den Erfahrungen der letzten Jahre nahezu unausweichlich sind. Schon jetzt kursieren Zahlen der ESA, die insgesamt um gut 700 Mio. Euro über dem Kostenpaket der Industrie liegen.
Geht die Politik auf die Vorschläge der Industrie ein, ist diese „bereit, das Programmrisiko zu übernehmen“.
Im Gegenzug möchte die Industrie 10 % der europäischen Forschungskapazitäten im Columbus-Labor übernehmen, um damit auch die Industrialisierung der Nutzung vorzubereiten. Die Industrie will auf diesem Weg in eigener Regie und außerhalb der üblichen Gremien Forschungsvorhaben entwickeln, um vor allem solche Branchen zu gewinnen, die bisher wenig im Weltraum geforscht haben.
Für die Politik böte das Industrieangebot bei einem definierten Leistungsangebot langfristig Budgetklarheit und Kalkulationssicherheit – und damit das Ende der immer neuen, kostentreibenden Einzelentscheidungen.
Auch für die Industrie sind Kalkulierbarkeit und langfristige Planungsmöglichkeit wesentliche Faktoren, zumal dann, wenn es darum geht, Kosten zu drücken.
Doch langfristig wichtiger ist ihr, über das industrielle Management von Betrieb und Nutzung des Columbus-Labors den Einstieg in die industrielle Nutzung der gesamten Raumfahrtinfrastruktur zu finden.
Noch wird an der endgültigen Form gefeilt. Fest steht der finanzielle Rahmen – 3 Mrd. Euro von 2001 bis 2013. Wie dieses Fixkosten-Konzept endgültig und im Detail aussehen soll, will die Industrie noch im Rahmen der am 11./12. Mai stattfindenden ESA-Ministerratskonferenz in Brüssel verhandeln.
Derzeit formiert sich auch die neue Industriestruktur der europäischen Raumfahrt. DaimlerChrysler plant, seine Raumfahrt-Tochter Dasa mit den Raumfahrtbereichen der französischen Aérospatiale und der italienischen Alenia zu einem gemeinsamen Unternehmen zu verschmelzen, provisorischer Name NewCo. Unter dem Dach der NewCo sollen dann auch Betrieb und Nutzung des Columbus-Labors abgewickelt werden.
Und es gilt, die Zustimmung der restlichen ESA-Mitgliedsländer zu gewinnen. Denn vorrangig beteiligt an dem Columbus-Labor sind von den 14 ESA-Mitgliedsländern neben Deutschland nur Italien und Frankreich.
Die kleineren ESA-Länder, deren Zustimmung für den Industrievorschlag unerläßlich ist, sind vor allem an der Nutzung, den wissenschaftlichen oder kommerziellen Experimenten an Bord des Columbus-Labors, interessiert. Über die Beteiligung am derzeit noch umstrittenen Schwerelosigkeits-Forschungsprogramm der ESA hätten sie die Möglichkeit, sich auf die Nutzung des Labors vorzubereiten. Doch das Programm hängt in der Luft, weil Deutschlands Beteiligung unklar ist.
„Exzellente Forschung und wirtschaftlicher Nutzen“ müßten die maßgeblichen Ziele der Raumfahrtförderung sein, so Ministerin Bulmahn letzte Woche. Jetzt hat sie die Möglichkeit, die Industrie beim Wort zu nehmen.
moc
Die Internationale Raumstation. Nur ein winziger Baustein der Station ist das Europäische Weltraumlabor Columbus. Die Industrie will jetzt zum Festkostenpreis Betrieb und Nutzung des Labors übernehmen.

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