Luftfahrt 09.07.1999, 17:22 Uhr

Immer Schönwetter – überall

Die Pilotenvereinigung „Cockpit“ hat vergangene Woche ein neuartiges Navigationssystem für Flugzeuge ausgezeichnet. Eine komfortable und wirklichkeitsgetreue Darstellung faßt dabei viele einzelne Anzeigen in einer anschaulichen Bildschirm-Grafik für die Piloten zusammen. Damit soll die Flugsicherheit erhöht werden.

Seit rund zehn Jahren beschäftigen sich Wolfgang Kubbat und Dieter Spohn mit der Entwicklung eines computergesteuerten Sichtsystems für die Cockpit-Besatzung. Gründe dafür gibt es reichlich: 75 % aller Flugzeugunglücke fallen unter die Kategorie „Controlled Flight Into Terrain“, sind also ungewollte Bodenkontakte bei voller technischer Funktionstüchtigkeit des Flugzeuges. Einzige Ursache: Menschliches Versagen. Ein trauriges Paradebeispiel dafür ereignete sich am 20. Januar 1992 in Straßburg, als ein Airbus 320 gegen einen Berg prallte, weil im Cockpit die Anzeigen für Flugbahnwinkel und Sinkrate verwechselt wurden. Die Folge: 87 der 96 Passagiere kamen um.
Für ihre Arbeit erhielten Prof. Dr. Wolfgang Kubbat von der Technischen Universität Darmstadt und Dieter Spohn, Chef des VDO-Luftfahrtgerätewerkes in Frankfurt/Main, einen erstmals von der Pilotenvereinigung Cockpit vergebenen Preis. Die beiden Partner können mit ihrer Arbeit zur Verbesserung der Flugsicherheit erheblich beitragen. Eine erwartete Verdoppelung der Zahlen im Flugverkehr innerhalb der nächsten zehn bzw. eine Verdreifachung innerhalb der nächsten 15 Jahre lassen nämlich Schlimmes befürchten, wenn die Mensch/Maschine-Schnittstelle im Cockpit nicht erheblich verbessert wird.
Die Arbeit der Piloten gleicht einem Puzzlespiel. Sie müssen die vielen verschiedenen Anzeigen im Cockpit zu einem Gesamtbild der Flugsituation zusammensetzen. Jeder weiß von sich selbst, daß von einer Analoguhr etwa die Zeit wesentlich leichter aufzunehmen ist als von einer Digitaluhr, weil die Umsetzung der Anzeige in ihre Bedeutung wesentlich schneller geht. So will es das neue grafische Navigationssystem den Piloten ermöglichen, sich intuitiv, mit einem Blick, über den Zustand ihres Flugzeuges zu informieren. Informationen wie Künstlicher Horizont, Flugrichtung und Geschwindigkeit, Windverhältnisse und Geländedaten, aber auch andere Flugzeuge im Flugraum werden anschaulich zusammengefaßt und dreidimensional visuell umgesetzt. Das System warnt, wenn andere Flugzeuge im Luftraum auf Kollisionskurs fliegen oder die Flughöhe zu gering ist. Diese Informationen erhält der Pilot damit nicht mehr nur von der Flugsicherung mitgeteilt, sondern auch auf seinem eigenen Display angezeigt. „Kooperative Einbindung“ des Piloten nennt dies Wolfgang Kubbat.
Vereinfacht gesagt ähnelt die Anzeige im Cockpit der eines Flugsimulators am heimischen PC. Aber das System dahinter ist natürlich erheblich mächtiger und soll die bisherigen, vergleichsweise rudimentären Anzeigen des „Primary Flight Displays“ (eine Art künstliche Voraussicht aus dem Cockpit) und des „Navigationsdisplays“ (virtuelle Draufsicht) revolutionieren.
Dahinter steckt eine mächtige Datenbasis, aus der die Anzeige des überflogenen Geländes mit Satellitenunterstützung (GPS) generiert wird. Allein die Zusammenstellung dieser kartografischen Daten bildete bei der Entwicklung ein eigenes Teilprojekt. Der Hauptanteil stammt aus dem militärischen Bereich und wurde inzwischen für die zivile Nutzung freigegeben. Die fehlenden Daten werden per Satellit erfaßt oder durch Überflüge gewonnen. Dies gilt insbesondere für die Geländedaten von Flughäfen, die beispielsweise in Ländern der Dritten Welt oft nicht von den Betreibern zur Verfügung gestellt werden.
Hier ist noch eine Menge Arbeit zu leisten. Denn der Anspruch des neuen Navigationssystems ist es, auch eine perfekte Rollführung am Boden zu gewährleisten. So lasse sich jetzt schon auf dem Rollfeld auf den Meter genau navigieren – wobei die Piloten bei Nacht oder Regen immer eine Schönwetter-Sicht präsentiert bekommen.
Nachdem das Navigationssystem seine Praxistauglichkeit erwiesen hat, sucht man nun einen Kooperationspartner, um das System gemeinsam bis zur industriellen Reife weiterzuentwickeln. Laut VDO denkt man dabei an Airbus Industries oder Lufthansa als Kooperationspartner. Dabei sollen die Mehrkosten für die Ausstattung einer Maschine unter 100 000 DM liegen – angesichts eines zweistelligen Millionenbetrages für einen Airbus ein relativ verschwindender Kostenfaktor.
Die Cockpit-Besatzungen bleiben dennoch auf Distanz zu dem System. So gibt die Piloten-Vereinigung in Gestalt ihres Präsidenten Jürgen Lachmann zu bedenken, daß „genauso wie GPS-Navigationssysteme den Orientierungssinn verkümmern lassen, perfekte, virtuelle Darstellungsweisen dazu geeignet sind, das abstrakte Vorstellungsvermögen von der eigenen Position im dreidimensionalen Raum zu beeinträchtigen“. Diese, weil lebenswichtige Fähigkeit von Piloten, müsse daher – aller Technik zum Trotz – auch weiterhin beachtet werden.
ACHIM DAVID

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