Luft- und Raumfahrttechnik 19.05.2006, 19:22 Uhr

„Hervorragende Möglichkeiten“  

VDI nachrichten, Hamburg, 19. 5. 06, moc – In diesem Jahr will Airbus allein in der Bundesrepublik 1250 neue Stellen schaffen, davon 950 für Ingenieure. Dr.- Ing. Jörg Kutzim, Personal-Geschäftsführer und Arbeitsdirektor von Airbus Deutschland, skizziert im Interview mit den VDI nachrichten die Perspektiven bei Europas größtem Flugzeughersteller und erklärt, welche Kandidaten die besten Chancen haben.

Kutzim: Bei uns startet die Produktion des Großraumflugzeugs A380, Ende des Jahres stehen die ersten Auslieferungen an. Das ist schon ein gewaltiges Vorhaben, zumal im Airbus-Werk Hamburg die gesamte, technologisch sehr anspruchsvolle Kabinenausrüstung stattfindet. Zudem arbeiten wir an der Entwicklung des neuen Langstreckenfliegers A350 und des Militärtransporters A400 M. Hauptsächlich für diese drei Programme suchen wir qualifizierte Ingenieure in den Bereichen Konstruktion, Systementwicklung, Fertigungsplanung und -steuerung, Qualitätssicherung sowie Manager für Projekte mit externen Partnern.

VDI nachrichten: Wird nur in Hamburg aufgestockt?

Kutzim: Die neuen Arbeitsplätze entstehen primär an den Standorten in Hamburg und Bremen. Aber auch in den Werken Stade, Laupheim, Nordenham, Varel und Buxtehude bieten wir geeigneten Bewerbern interessante neue Jobs.

VDI nachrichten: Wie sehen die idealen Kandidaten aus?

Kutzim: Wir wollen nicht nur Luft- und Raumfahrt-Ingenieure zu uns holen, sondern auch Maschinenbauer, Informatiker und Wirtschaftsingenieure. Sie sollten schon einen sehr guten, an einer renommierten Universität oder Fachhochschule erworbenen Abschluss mitbringen. Fließendes Englisch in Wort und Schrift ist natürlich ein Muss. Airbus ist ein europäischer Konzern mit Englisch als Arbeitssprache. In diesem Zusammenhang erwarten wir auch örtliche Flexibilität und Mobilität. Unsere Produktionsstätten stehen in Frankreich, Großbritannien und Spanien, wir unterhalten Engineering Center in den USA und China, und bauen jetzt auch in Russland ein Zentrum auf. Wer bei Airbus in Bremen anfängt, darf nicht davon ausgehen, dass er da auch in Rente geht. Und wir achten sehr stark auf Teamfähigkeit und die so genannten Softskills, Solisten sind bei Airbus falsch am Platz. Wer all diese Voraussetzungen mitbringt, findet bei uns hervorragende Möglichkeiten.

VDI nachrichten: Welche Chancen haben dabei Berufsanfänger?

Kutzim: Sehr gute, wenn sie entsprechend qualifiziert sind. Aber wir suchen auch berufs- und führungserfahrene Mitarbeiter. Denn das, was wir vorhaben, lässt sich nicht nur mit alten Hasen oder Frischlingen machen. Da streben wir schon eine gesunde Mischung an. Allerdings sollte auch ganz jungen Menschen klar sein, dass wir sehr viel erwarten. Hier geht es um technologische Spitzenleistungen.

VDI nachrichten: Demnach können sich aber auch Leute über 45 bei Airbus bewerben?

Kutzim: Selbstverständlich. Sie sollten jedoch mobil sein und das in ihrer Laufbahn auch schon gezeigt haben. Gerade die Mobilität, so zeigt unsere Erfahrung, ist bei älteren Arbeitnehmern ein Problem. Und: Die Bewerber sollten unbedingt bereit sein, sich selbst weiterzuentwickeln und auch mal über den Tellerrand des gewohnten Arbeitsumfelds hinauszuschauen.

VDI nachrichten: Luftfahrt ist ein sehr zyklisches Geschäft. Kann jeder neue Mitarbeiter mit einer Festanstellung rechnen?

Kutzim: Die Schwankungen sind nicht so groß wie allgemein angenommen. Im Bereich der Ingenieure vergeben wir fast durchweg unbefristete Arbeitsverträge. Darüber hinaus verfügen wir in der Personalplanung über eine Vielzahl von Flexibilitätsinstrumenten.

VDI nachrichten: Heißt das, dass Sie Ingenieure auch über Zeitarbeitsfirmen rekrutieren?

Kutzim: Das stimmt. Zirka 15 % der Ingenieure sind über Zeitarbeitsunternehmen bei Airbus Deutschland beschäftigt. Sie werden allerdings integriert wie eigene Mitarbeiter und erhalten die gleiche Bezahlung. Wir wollen keine Zwei-Klassen-Gesellschaft innerhalb unserer Ingenieurtruppe.

VDI nachrichten: Wird sich der Personalaufbau in den kommenden Jahren fortsetzen?

Kutzim: Ich denke, dass wir den Höchststand in diesem Jahr erreichen und dann nicht mehr ganz so stürmisch wachsen.

VDI nachrichten: Airbus verhandelt mit China über den Aufbau einer neuen Produktionsstätte – neue Chancen für Airbus-Ingenieure im Reich der Mitte?

Kutzim: Wenn diese Verhandlungen einen positiven Ausgang nehmen, dann geht das natürlich nicht ohne Personal vor Ort – auch aus Europa. Allerdings wird der Großteil der Arbeitnehmer aus China rekrutiert.

VDI nachrichten: Welche Strahlkraft hat der Jobaufbau bei Airbus in die Zuliefererindustrie?

Kutzim: Ich gehe davon aus, dass für jeden zusätzlichen Arbeitsplatz, der bei Airbus entsteht, ein weiterer bei einem Zulieferer geschaffen wird.

VDI nachrichten: Experten unken, Airbus Deutschland sei nur die verlängerte Werkbank der Franzosen. Die Deutschen müssten sich auf das Zusammenschrauben beschränken, während die gesamte Hochtechnologie in Toulouse konzentriert sei…

Kutzim: Das ist Unfug! In Deutschland werden unter anderem äußerst anspruchsvolle Komponenten wie etwa die Kabine, Seitenleitwerke und der Rumpf entwickelt, gefertigt und montiert. Bremen zum Beispiel entwickelt komplizierte und flugwichtige Hochauftriebssysteme. Hamburg ist Sitz der Programmleitung der A320-Familie, knapp die Hälfte aller dieser Maschinen werden hier endmontiert und ausgeliefert. Auch ein Großteil der A380-Flugzeuge soll in Hamburg an die Kunden ausgeliefert werden. Da muss man über Kompetenz für das gesamte System Flugzeug verfügen. Wir haben am Airbus-Standort Deutschland schon etliche Hochtechnologie-Kompetenzen gebündelt.

VDI nachrichten: Wenn Sie Bildungsminister wären – was würden Sie bei der Ingenieurausbildung verändern?

Kutzim: Ich würde die Studiengänge darauf ausrichten, dass sie den Absolventen wirtschaftliche Zusammenhänge gezielter vermitteln, außerdem die Ausbildung im Projektmanagement intensivieren. Und ich halte es für sehr wichtig, dem Arbeiten im Team bereits in der Ausbildung einen höheren Stellenwert einzuräumen. HEIKO REUTER

Von Heiko Reuter
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