Luft- und Raumfahrttechnik 28.04.2000, 17:25 Uhr

„Heilig die letzte Schlacht“

Vor über drei Jahren haben 518 Beschäftigte ihren Betrieb, die Pfalz-Flugzeugwerke von der DaimlerChrysler-Tochter Dasa übernommen – nachdem sie mehr als ein Jahr gegen die Schließungspläne gekämpft hatten. Heute haben die mittlerweile 750 Beschäftigten gut zu tun.

Das Rot des Aufklebers auf dem Tank des Gabelstaplers ist verblasst. Die Konturen der Schrift sind leicht verschwommen. Man kann“s aber auch drei Jahre danach noch deutlich lesen: „Speyer muss leben!“
Und Speyer hat überlebt. Der Gabelstapler rollt weiter durch die Halle, fährt Kisten mit Vormaterial an die Arbeitsplätze, holt Behälter mit bizarr gebogenen Rohren ab – Zubehör für Airbus-Flugzeuge, das in Hamburg oder Toulouse in die Maschinen eingebaut wird.
Er fährt vorbei an Arbeitsplätzen, an denen noch heute Aufkleber, Zeitungsausschnitte, Flugblätter und Fotos von damals hängen. „Wenn die Belegschaft fliegt, bleibt der Airbus am Boden“ – das Transparent auf einem dieser Fotos erinnert an trotzige und trutzige Zeiten.
Die Belegschaft ist nicht geflogen. Sie baut und verschickt Frachtladesysteme, ganze Strukturbaugruppen und eben jene Rohre für den Airbus. Betriebsratsmitglied und IG Metall-Vertrauenskörperleiter Jan Heinrich, auf einem seiner üblichen Rundgänge durch die Hallen der Pfalz-Flugzeugwerke, weicht dem Gabelstapler aus und sieht ihm nach, grinst nachdenklich angesichts des Aufklebers und lässt den Blick dann durch die Halle gehen, in der an diesem Tag vielleicht 50 Menschen arbeiten: „Was wir hier herstellen, das ist eine eigenständige Produktlinie“.
Diese Produktlinie sichert heute bei den Pfalz-Flugzeugwerken vor den Toren von Speyer rund 750 Arbeitsplätze und zusätzlich etwa 100 Plätze in der Ausbildung und Weiterqualifizierung. Das Geschäft in Speyer brummt, weil das Airbus-Geschäft bei der Dasa brummt.
Vor vier Jahren sah die Zukunft noch düster aus. Angesichts schwindender Aufträge hatte der damalige Mutter-Konzern Daimler-Benz Aerospace (Dasa) das „Dolores“-Programm ausgebrütet, – ein verführerischer Name, hinter dem sich ein knallhartes Programm zum Abbau von Tausenden von Arbeitsplätzen verbarg. Und eines der Opfer sollten die Pfalz-Flugzeugwerke bei Speyer werden.
Zum sechsten Mal in ihrer wechselvollen Geschichte zog die Belegschaft 1995 und 1996 geschlossen in den Abwehrkampf. Der Betriebsrat mobilisierte ganz Speyer, vom Gesangsverein über die Kirchen bis zum Oberbürgermeister.
Mit Erfolg. „Für eine symbolische Mark übernahmen wir damals mit 518 Beschäftigten zum 1. Januar 1997 das Werk“, erinnert sich Heinrich. Die neuen Herren teilten die Anteile unter sich auf, das Land Rheinland-Pfalz half mit rückzahlbaren 40 Mio. DM, die Dasa gab dem Betrieb in Arbeitnehmerhand eine Starthilfe von 70 Mio. DM samt Abnahmegarantie.
Allerdings mit Auflagen, die die Arbeitnehmerhände noch heute fesseln. Das Sagen haben zwei Geschäftsführer, ehemals leitende Dasa-Angestellte, die in einem Bürogebäude neben den Hallen residieren. Die frühere Mutter machte verlängerte Arbeitszeiten zur Bedingung und setzte eine Unternehmenskonstruktion durch, die den 518 Eigentümern keinen Einfluss auf das operative Geschäft gibt. Die Geschäftsführer sind einem Beirat aus vier Rechtsanwälten Rechenschaft schuldig. Allein im Aufsichtsrat haben Arbeitnehmervertreter Sitz und Stimme.
Von paradiesischen Zuständen an der Werkbank also keine Spur. „Die kapitalistische Marktordnung wurde hier nicht außer Kraft gesetzt“, grinst der Betriebsratsvorsitzende Andreas Herfurth in seinem Büro -, eine Etage unter den beiden Geschäftsführern – und verweist Vorstellungen von einer Insel der Seligen im globalisierten Wettbewerb in den Bereich der Illusionen.
Bei den Pfalz-Flugzeugwerken müssen die Beschäftigten für ihr Geld arbeiten wie anderswo auch. „Dass sie das noch können, ist unser oberstes Ziel“, war schon 1996 die Parole von Herfurths Vorgänger, des damaligen Betriebsratsvorsitzenden Georg Pfeifenroth. Träume, die Beschäftigten seien als Aktionäre nicht mehr vom Verkauf ihrer Arbeitskraft abhängig, kommen hier im Werk nirgendwo auf.
Was hier zählt ist das, was in allen Betrieben zählt – Kostenreduzierung, Steigerung der Produktqualität, Weiterqualifizierung, Umschulung. Bei einer der Arbeitsgruppen in der Halle steht Herbert Preis, diskutiert Arbeitsabläufe, fragt nach Problemen der Gruppenarbeit.
Wie Wenige sonst, verkörpert Preis die zwiespältig anmutende Situation bei den Pfalz-Flugzeugwerken: Als Mitglied des Betriebsrats ist er den Interessen der Beschäftigten verpflichtet, als Leiter des Projekts Gruppenarbeit der Geschäftsleitung. Und deren Interessen sind hier keine anderen als anderswo: Es geht um Gewinne und darum, im Wettbewerb zu bestehen.
Dass Preis versucht, die Betriebsratsseele mit der Managerseele in seiner Brust zu vereinen, macht ihn zu einem fortschrittlichen Projektleiter: „Die Beschäftigten müssen zufrieden sein und das Betriebsklima stimmen“.
Gute Stimmung ist gut für“s Geschäft. Und das läuft derzeit hervorragend. In den Hallen herrscht ein ruhige Geschäftigkeit, kleine Wagen und Gabelstapler liefern Material an die Arbeitsplätze, Fließbänder gibt es kaum. Dazwischen immer wieder das Geräusch von Schweißgeräten.

Gewinne fließen in die Weiterqualifikation der Mitarbeiter

Das Geschäft verlangt, damit es ein Geschäft bleibt, höchste Qualifikation und Präzision der Beschäftigten. Die Nähte der hier größtenteils manuell zusammengeschweißten Rohre aus Stahl, Aluminium und Titan müssen absolut luftdicht sein. Ausschuss kann sich der Zulieferer aus Speyer nicht leisten. Dazu ist das Vormaterial zu teuer und die Dasa-Abnahmepreise zu knapp kalkuliert. Reklamationen des Abnehmers schließlich würden die Erneuerung der im Jahr 2002 auslaufenden Abnahmegarantie für Airbus-Zubehör und damit den gesamten Standort gefährden.
Die Rohrschweißer sind ausgesuchte Spezialisten mit Qualifikationen, wie sie auf dem Arbeitsmarkt kaum anzutreffen sind. Sie waren auch in den Hallen des Speyerer Werks bis Ende 1996 nicht vertreten, weil die Produktion von Rohren damals nicht zum Kerngeschäft gehörte. Diese Qualifikationen sind das Ergebnis erfolgreicher Aus- und Weiterbildung. Die Pfalz-Flugzeugwerke haben mit fast 15 % eine Aus- und Weiterbildungsquote, die in deutschen Unternehmen eher selten anzutreffen ist.
„Ein Vorteil ist, dass wir als Shareholder andere Interessen haben können als üblich“, glaubt Heinrich. Er wie seine Kollegen sehen in den geänderten Eigentumsverhältnissen eine der Ursachen für diese hohe Quote. Die Gewinne werden dazu genutzt, die Arbeitsplätze sicherer zu machen.
Eines hat sich aber nicht geändert: Betriebsrat und Belegschaft müssen hierfür, wie auch bei allen anderen Besitzern des Werks zuvor, mächtig Druck machen: „Schon die Dasa-Führung hat freiwillig nie was hergegeben, das ist heute nicht anders“.
Weil das so ist und weil die Abhängigkeit vom Allein-Abnehmer Dasa zwar nicht aktuell, aber potenziell eine Gefahr für das längerfristige Überleben darstellt, sieht niemand in der Belegschaft Grund, die Erinnerungen an alte Kampfzeiten verblassen zu lassen. Metaller Michael Orobko hat sich an seinem Arbeitsplatz fast einen kleinen Altar aufgebaut, liebevoll Fotos, Aufkleber und Zeitungsausschnitte aus alten Kampfzeiten angebracht. Dem Betrachter fällt eine Zeile aus dem alten Arbeiterlied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ ein: „Heilig die letzte Schlacht.“
Doch im Moment sieht es in Speyer so aus, als seien die großen Schlachten geschlagen. Aber an ihrer Kampfbereitschaft lassen die aus der Not von Arbeitnehmern zu Unternehmern gewordenen keinen Zweifel aufkommen. „Wenn nötig, treten wir auch zum siebten Mal an, um ein drohendes Aus abzuwenden,“ sagt Jan Heinrich, und erntet von den Männern um ihn herum ein zustimmendes Nicken. KLAUS HARTL
Formteile für die Airbus-Flugzeuge: Die Pfalz-Flugzeugwerke vor den Toren von Speyer haben sich als Zulieferer für die Airbus-Werke in Toulouse und Hamburg etabliert.
Von Arbeitern zu Eigentümern: Für 1 DM haben die ehemaligen Mitarbeiter das Werk übernommen. Hinten rechts Jan Heinrich.
Die Qualität muss stimmen. Das Werk investiert viel in die Qualifizierung seiner Mitarbeiter. Michael Orobko an seinem Arbeitsplatz. Hier hat er sich fast einen kleinen Altar aus Fotos, Aufklebern und Zeitungsausschnitten aufgebaut, der an die Zeiten des Arbeitskampfes erinnert. Handarbeit zählt. An jedem Rohrstück werden die Schweißnähte von Hand kontrolliert.

Pfalz-Flugzeugwerke

Ein Unternehmen für 1 DM

Die Pfalz-Flugzeugwerke setzten 1999 mit rund 750 Beschäftigten knapp 200 Mio. DM um, zu fast 100 % mit Zubehör für den Airbus. Das Ergebnis war positiv. Zu VFW-Fokker-Zeiten wurden in Speyer vor allem Hubschrauber und Komponenten für militärisches Fluggerät wie Transall und Starfighter produziert. Später konzentrierte der Rüstungskonzern MBB hier seine Hubschrauberwartung. In dieser Zeit entwickelte sich auch die Zuliefertätigkeit für den Airbus. Als Dasa-Werk war der Standort Speyer dann reiner Airbus-Zulieferer. In den Pfalz-Flugzeugwerken bauen die Beschäftigten heute Rohre, Frachtladesysteme und Strukturbaugruppen für den Airbus. or

Von Pfalz-Flugzeugwerke

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